USA: Boston gelingt die Transformation zur Biotech-Hauptstadt
Boston. Eigentlich hätte Alex Zhavoronkov die Nordamerika-Zentrale seines Start-ups im Silicon Valley ansiedeln müssen. Insilico aus Hongkong, bewertet mit knapp einer Milliarde Dollar, will mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) die Medikamentenentwicklung beschleunigen. Und die KI-Hauptstadt der Welt ist nun einmal die Region um San Francisco: Hier sitzen der ChatGPT-Entwickler OpenAI und die führenden KI-Experten.
Zhavoronkov hat sich dann aber doch für Boston entschieden, aus einem einfachen Grund: Nirgendwo sonst gebe es eine solch „pulsierende, vielfältige und hochintelligente Biotech-Gemeinschaft“. Boston sei nichts weniger als „der ideale Standort“, so Zhavoronkov.
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In Zahlen ausgedrückt heißt das: 21 Prozent der US-Risikokapitalfinanzierungen gingen im ersten Halbjahr 2024 in die Region um Boston, vor allem in Biotech-Firmen, wie das Massachusetts Biotechnology Council erhoben hat. Allein im zweiten Quartal 2024 flossen laut Daten des Analysehauses Pitchbook knapp zwei Milliarden Dollar in Bostoner Biotech- und Pharmaunternehmen.
„In Boston kann man dreimal den Job wechseln und immer noch den gleichen Parkplatz benutzen“, lautet ein beliebter Spruch in der örtlichen Biotech-Szene. Tatsächlich sitzen viele bekannte Biotech-Namen hier, darunter Moderna, Vertex oder Biogen. Auch die großen Pharmakonzerne wie Sanofi-Aventis, Astra-Zeneca, Novartis, Pfizer und Merck & Co. haben wichtige Forschungszentren in der Region. Bayer hat erst vor zwei Jahren eine 100 Millionen Dollar teure neue Dependance eröffnet.
Hohe Dichte an Universitäten – und Cafés
Entstanden sei der Biotech-Hub durch Glück und eine enge Zusammenarbeit der beteiligten Akteure, sagen Experten. „New York oder Chicago wären auch für einen Biotech-Hub prädestiniert gewesen, aber Boston hat das Rennen gemacht“, erklärt Pitchbook-Analyst Kazi Helal. Ausgangspunkt sei die hohe Dichte an Kliniken und Universitäten gewesen, die ihre Professoren schon früh angehalten hätten, unternehmerisch zu denken. Diese hätten ihre Studenten etwa mit Wagniskapitalgebern verknüpft.
Tatsächlich sind Boston und die Zwillingsstadt Cambridge auf der anderen Seite des Charles River Heimat mehrerer herausragender Universitäten: MIT, Harvard, Boston University und Tufts. Hinzu kommen sieben der zehn größten US-Forschungskrankenhäuser und viele Wagniskapitalfirmen, die rund um das Viertel Kendall Square sitzen.
Los gegangen sei der Biotech-Boom Ende der 1970er-, Anfang der 1980er-Jahre, so Helal. Den Startschuss gaben demnach Gründungen wie die von Biogen 1978, einem der Biotech-Pionierunternehmen. Die Politik auf Staats- und kommunaler Ebene unterstützte diese Entwicklung gezielt. So wurde schon 1985 das „Massachusetts Biotechnology Council“ (MassBio) gegründet, eine öffentlich-private Partnerschaft, um die Förderung der Branche zu koordinieren. Sie hat heute 1700 Mitgliedsorganisationen. Die Kommunen wiesen früh Innovationsbezirke für die Entwicklung der Biotechnologie aus.
2008 startete der damalige Gouverneur Deval Patrick dann die milliardenschwere „Life Sciences“-Initiative zur weiteren Förderung der Branche. Diese umfasste unter anderem Steueranreize für Unternehmen, Zuschüsse für die Ausbildung und Forschung und die Finanzierung von Infrastruktur. Auch regulatorisch sorgte Massachusetts für einen forschungsfreundlichen Rahmen: Boston ist als größte Stadt zugleich Hauptstadt des Bundesstaats, was in den USA nicht die Regel ist.
Außerdem dürfe man die weichen Faktoren nicht vernachlässigen, sagt Helal: „New York ist sehr überfüllt und dicht besiedelt. Boston hingegen ist ruhig, sauber und wohlhabend. Außerdem gibt es viele Cafés, oft direkt neben den Unis.“ Dort würden die wichtigsten Deals eingetütet.
Jörg Schmitt hat in Boston drei Jahre lang die Qiagen-Tochter Enzymatics geleitet (heute Qiagen Beverly). Der Manager, der heute das globale Geschäft des Unternehmens Biomodule führt, gerät ins Schwärmen: Der Vibe, den man im Viertel Kendall Square spüre, sei einzigartig. Wer eine gute Idee habe, könne sie leicht präsentieren und finde sofort Menschen, die bei der Kommerzialisierung helfen – weil sie das auch schon einmal gemacht hätten. „Der unternehmerische Geist und die Geschwindigkeit“ seien überall spürbar. Schmitt: „Als ich dann nach Deutschland zurückkam, hat sich das erst mal sehr verlangsamt angefühlt.“
Was Deutschland lernen kann
Lässt sich die Bostoner Erfolgsformel kopieren? Vielleicht nicht unmittelbar, glaubt Analyst Helal. Aber Europa könne sich viel von Boston abschauen. Deutschland etwa habe viele hervorragende Universitäten, Lehrkrankenhäuser und Forscher. Darauf könne das Land aufbauen, wie das Beispiel des Mainzer Unternehmens Biontech zeige. Der Rückstand sei hier nicht so groß wie in der IT-Branche: „Biotechnologie könnte eine Möglichkeit für Deutschland sein, sich international abzuheben“, so Helal.
Nötig sei dafür zum einen eine Clusterbildung – wobei eine Firma wie Biontech „das Zentrum von allem“ sein könnte. Drum herum müsse es attraktive Strukturen geben, eine forschungsfreundliche Regulierung und weniger Bürokratie beim Testen neuer Technologien. Auch müsse unternehmerisches Denken in die Hochschulen einziehen. Und der Staat könne mehr Risikokapital für Start-ups bereitstellen.
Nicht zuletzt müsse Deutschland dann verhindern, dass die besten Talente und Unternehmen bald nach der Gründung abwanderten, etwa nach Boston. Ein Mittel hierfür: ein generalüberholtes Einwanderungsrecht und eine stärkere Willkommenskultur. „Europa muss ausländerfreundlicher werden. Es muss Spitzenstudenten aus Asien, Pakistan, Indien leichter gemacht werden zu kommen.“ Denn, so Helal: „Auch in Boston sind es die Einwanderer, die die meisten Wochenstunden ackern.“