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WissenschaftDer lange Schatten einer Corona-Infektion: Müssen Omikron-Infizierte mit mehr Langzeitfolgen rechnen?

In den nächsten Wochen infizieren sich wohl Tausende in Deutschland mit Corona. Auch wenn sie nicht schwer erkranken, drohen Folgen. Was weiß man über Long Covid?Dana Bethkenhagen und Farangies Ghafoor 17.01.2022 - 14:11 Uhr Quelle: TagesspiegelArtikel anhören

Foto: Moment/Getty Images

Berlin. Mit dem Auftreten der Omikron-Variante sind die Infektionszahlen auf Rekordhöhe gestiegen. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass sich in den nächsten sechs bis acht Wochen jeder zweite mit dem Coronavirus anstecken wird.

Zwar dürfen mehrfach geimpfte Menschen dabei auf milde Krankheitsverläufe hoffen. Fraglich bleibt aber, was mit möglichen Langzeitfolgen ist – vor allem mit dem Phänomen Long Covid.

Wird mit der Omikron-Variante auch die Verbreitung von Long Covid zunehmen?

Die Omikron-Variante kann dem Immunsystem ein Stück weit entkommen, weswegen sie sich sehr schnell verbreitet, auch unter Geimpften. Der Schweregrad einer Omikron-Infektion scheint im Durchschnitt zwischen dem der Alpha- und dem der Delta-Variante zu liegen. Das macht Omikron auf keinen Fall harmlos. Über die Wahrscheinlichkeit, nach einer Infektion mit Omikron auch Symptome von Long Covid zu entwickeln, lassen sich derzeit noch keine verlässlichen Aussagen treffen, denn es gibt zu wenig Daten.

Die Variante ist im November erstmals nachgewiesen worden und bestimmt erst seit wenigen Wochen das Infektionsgeschehen. Für verlässliche Informationen zu Long Covid in Folge einer Omikron-Infektion bräuchte es Studienteilnehmer, deren Infektion schon länger zurückliegt.

Die Omikron-Variante nicht ernst genug zu nehmen, davor warnt Jördis Frommhold, Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien an der Median Klinik Heiligendamm. Man wisse, dass auch milde Verläufe zu Long Covid führen könnten. Ob es nun zu einer riesigen Welle an Patient:innen kommen werde, sei noch nicht abzuschätzen.

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Fakt sei jedoch, dass vor allem Ungeimpfte gefährdet sind. Hier drohten vielfach Arbeitsausfälle und das über lange Zeiträume hinweg. „Ich habe schon die ersten Begutachtungen zur Berufsunfähigkeit auf den Tisch bekommen“, sagt Frommhold, die auch Vorsitzende des neuen Ärzteverbands Long Covid ist, der vor Kurzem unter der Schirmherrschaft von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gegründet worden ist.

Was weiß man über Long Covid?

Long Covid ist der lange Schatten, den eine Corona-Infektion nach sich ziehen kann und ein Sammelbegriff für alle Langzeitfolgen einer akuten Covid-19-Erkrankung. Eine klinische Definition gibt es noch nicht, auch weil die Symptome zu vielfältig sind. Long Covid umfasst Beschwerden, die länger als vier Wochen nach einer Infektion mit dem Coronavirus anhalten.

Symptome, die noch 12 Wochen nach der Erkrankung auftreten, sprechen für das Post-Covid-Syndrom – sofern sie nicht durch eine andere Diagnose erklärt werden können. „Es handelt sich um eine Ausschluss-Diagnostik“, sagt Frommhold. Mitunter seien dazu viele Facharztbesuche nötig.

Symptome von Long Covid können sich während der akuten Infektion entwickeln oder erst nach der Genesung auftreten. Sie können in ihrer Stärke schwanken, mal verschwinden und dann wiederkommen. Auch die Verschlechterung von bestehenden Gesundheitsproblemen nach einer Corona-Infektion sind ein Anzeichen für Long Covid.

Wie stark die Impfungen vor Langzeitfolgen schützen, sei noch unklar, sagt Frommhold, mehr werde man im Frühjahr oder Sommer wissen: „Was ich allerdings sagen kann, ist, dass unter unseren Patient:innen nur selten Geimpfte mit Durchbruchsinfektionen sind.“

Wie äußert sich Long Covid?

„Kein Long-Covid-Patient gleicht dem anderen“, sagt Frommhold. Doch häufig sieht sie diese Symptome in verschiedenen Ausprägungen und Kombinationen: eine auffällige Ermüdung – die sogenannte „Fatigue-Symptomatik“, Gelenk- und Muskelschmerzen, kognitive Einschränkungen, Vergesslichkeit, Störungen im Kurzzeitgedächtnis, massiver Haarausfall, Neigung zu schnellem Herzschlag und Blutdruckentgleisung.

Mittlerweile hat Frommhold fast 3500 Patient:innen gesehen. Es seien vor allem die 20- bis 50-Jährigen, die Long-Covid-Symptome entwickeln.

Wie viele Menschen entwickeln eine solche Symptomatik?

Da sind sich Expert:innen alles andere als einig. Laut einer Leitlinie von deutschen und österreichischen Expert:innen entwickeln nach Auswertung diverser Studien etwa zwei bis 90 Prozent aller Corona-Infizierten eine Long-Covid-Symptomatik. In diesem Spektrum sind alle dokumentierten Long-Covid-Fälle einsortiert, die milden und die schweren, die länger andauernden und die kurzen.

Grundsätzlich gilt, dass sowohl bei schweren als auch milden Covid-19-Verläufen ein Risiko für Long Covid besteht. Bei milden Verläufen scheint Long Covid seltener aufzutreten und kürzer anzuhalten. Häufig kursieren Zahlen von um die zehn Prozent, was aktuell rund 500 000 Betroffene bedeuten würde. „Allein das ist schon eine beachtliche Zahl“, sagt Frommhold. Die Dunkelziffer liege vermutlich höher.

Ab wann sollte man sich behandeln lassen?

Frommhold rät Patient:innen mit Verdacht auf Long Covid, ihre Symptome selbst ernst zu nehmen. Sollten Betroffene nach ihrer Genesung plötzlich einen starken Leistungsabfall oder andere ungewöhnliche Veränderungen bemerken, sollten sie zunächst den Hausarzt aufsuchen. Sollten ambulante Hilfen wie Physiotherapie nicht anschlagen und die Symptome über drei, vier oder gar fünf Monate anhalten, sollte über eine stationäre Reha nachgedacht werden.

Welche Therapien stehen zur Verfügung?

So unterschiedlich die Symptome, so verschieden fallen auch die passenden Therapien für Betroffene aus. So wäre beispielsweise eine Atemtherapie bei Brustschmerzen eine mögliche Option, sagt Frommhold. Verschiedene Entspannungstechniken brächten Linderung. Auch psychologische Hilfe könne zur Krankheitsbewältigung angezeigt sein.

„Eins muss klar sein: Long Covid verlangt allen eine Lebensumstellung ab“, sagt die Ärztin. Schließlich handle es sich um eine chronische Erkrankung. Für manche sei Ergotherapie sinnvoll, anderen könnten auch Apps zum Hirnleistungstraining helfen.

Als letzte Therapiemaßnahme stehen Reha-Behandlungen zur Verfügung. Experten plädieren in Leitfäden immer wieder dafür, dass Patienten von Fachärzt:innen aus verschiedenen Gebieten betreut werden, weil Long Covid mehrere Organe gleichzeitig betreffen kann.

Auch nach einem milden Verlauf kann sich Long Covid entwickeln.
Jördis Frommhold, Chefärztin an der Median Klinik Heiligendamm

Wie entsteht Long Covid?

Auch die Ursachen der Erkrankung sind vielfältig. Nachwirkungen nach einer Infektion sind kein Corona-spezifisches Problem. Auch andere Viren wie HIV, Hepatitis C und Ebola können ein sogenanntes postvirales Syndrom auslösen. Daher fängt die Long-Covid-Ursachenforschung nicht bei null an. Auch hier kann je nach Symptom der Mechanismus für die individuelle Long-Covid-Erkrankung unterschiedlich sein.

Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass Gewebeschäden, Virusreste oder chronische Entzündungen Auslöser für die Beschwerden sind. Manche Erreger bleiben im Körper, indem sie sich in Gewebe einnisten. So entsteht ein Virusreservoir, das zu chronischen Problemen führen kann.

Außerdem können Rückstände des Virus bleiben, die das Immunsystem weiter stimulieren. Studien haben Viruserbgut und Proteine im Magen- Darm-Trakt nachweisen können. Bei Menschen mit dem Chronischen-Fatigue-Syndrom wurde virale RNA von Enteroviren im Gehirn gefunden. Auch Sars-CoV-2 ist ein RNA-Virus. RNA-Viren haben Mechanismen, um sich vor dem Immunsystem zu verstecken.

Andere Erreger, wie die aus der Herpesvirus-Familie, bleiben für immer im Körper. Das Immunsystem hält sie meistens in Schach. Kämpft der Körper allerdings gegen eine andere Infektion, können die inaktiven Viren wieder aktiv werden. Das könnte auch ein Grund sein für anhaltende Long-Covid-Symptome, wenn wieder aufgewachte Erreger eine Immunreaktion auslösen.

Eine andere Hypothese ist, dass Long-Covid-Patient:innen eine Autoimmunerkrankung entwickelt haben. Dabei greift der Körper eigene Organe an mit Autoantikörpern, also „abtrünnigen“ Antikörpern. Außerdem können Entzündungsbotenstoffe eine Rolle spielen. Einige dieser Botenstoffe verstärken Entzündungen und können ins Gehirn gelangen, wo sie Erschöpfungssymptome auslösen können.

Insbesondere bei weiblichen Betroffenen wurde beobachtet, dass bestimmte Immunzellen sich gegen den eigenen Körper wenden. Wie bei den Symptomen sind auch die Ursachen für Long-Covid mannigfaltig und wahrscheinlich noch nicht vollständig.

Welche offenen Fragen gibt es noch?

Sowohl aus dem medizinischen als auch aus dem wissenschaftlichen Blickwinkel gibt es noch viele offene Fragen zu klären. Aus ärztlicher Sicht geht es insbesondere darum, geeignete Versorgungspfade zu entwickeln, die auch die Potenziale der Digitalisierung berücksichtigen, sagt Frommhold.

Daneben seien „zwei andere dicke Bretter zu bohren“: die Ursachenforschung stehe genauso im Fokus wie die Suche nach Medikamenten, die Long Covid etwas entgegensetzen können. Besonders wichtig ist es, Prädikatoren zu finden, die eine Long-Covid-Erkrankung voraussagen können, um frühzeitige Maßnahmen zu treffen.

Die Frage, wie viele Menschen an einer langfristigen Erkrankung nach der Corona-Infektion leiden, wird erst in den nächsten Jahren beantwortet werden können. Zwar sei Deutschland mit Blick auf die Nachversorgung der Patient:innen im internationalen Vergleich gut aufgestellt, sagt Frommhold, allerdings gebe es schon jetzt teilweise lange Wartelisten bei den spezialisierten Reha-Kliniken. Es müsse daher jetzt darum gehen, Wissen zu teilen und andere Einrichtungen und ambulante Heilberufe für die Versorgung von Long-Covid-Patient:innen fit zu machen und Ressourcen bestmöglich zu nutzen.

Dieser Text ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.

Mehr: Die heimlichen Kollaborateure des Coronavirus: Fünf Gründe, warum manche an Covid-19 sterben – und andere nicht

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