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Gastkommentar Christian Mumenthaler: Mit kühlem Kalkül das Klima retten

Wenn die gesamte Lieferkette dekarbonisiert wird, ist der Übergang zur CO2-freien Produktion gar nicht so teuer, analysiert Christian Mumenthaler.
18.05.2021 - 12:50 Uhr Kommentieren
Christian Mumenthaler ist Vorstandsvorsitzender des Rückversicherers Swiss Re und Co-Vorsitzender der Alliance of CEO Climate Leaders des Weltwirtschaftsforums.
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Christian Mumenthaler ist Vorstandsvorsitzender des Rückversicherers Swiss Re und Co-Vorsitzender der Alliance of CEO Climate Leaders des Weltwirtschaftsforums.

Würden Sie für Ihre 40-Euro-Jeans einen Euro mehr bezahlen, damit sie klimaneutral hergestellt wird? Oder drei Euro mehr für ein 400-Euro-Smartphone? Viele Konsumentinnen und Konsumenten dürften positiv überrascht sein, wie erschwinglich der Übergang zu einer Welt mit netto null CO2-Emissionen sein kann. Was ist hier der Trick?, könnte man fragen Und was ist mit den horrenden Kosten einer Dekarbonisierung in Milliarden-, ja Billionenhöhe, vor denen viele Unternehmen warnen?

Der „Trick“ besteht darin, dass die Kosten über die gesamte Lieferkette bis zum Endverbraucher verteilt werden. Das zeigen die Jeans- und Smartphonebeispiele aus einem aktuellen Bericht der Boston Consulting Group und des Weltwirtschaftsforums (WEF). Dem gegenüber stehen die finanziellen Verheerungen eines ungebremsten Klimawandels. Hier sind die Kosten schwindelerregend. Jüngste Schätzungen des Swiss Re Institute zeigen, dass eine weitere Erwärmung des Klimas die globale Wirtschaftsleistung um bis zu 23 Billionen US-Dollar oder 14 Prozent bis 2050 verringern könnte, wenn wir den derzeitigen Kurs beibehalten.

Gemeinsam mit Ikea-Vorstandschef Jesper Brodin bin ich Co-Vorsitzender der Alliance of CEO Climate Leaders des WEF. In den vergangenen Monaten haben wir uns mit zahlreichen Spitzenmanagern aus unterschiedlichen Branchen ausgetauscht. Alle treibt dieselbe Frage um: „Wie kann mein Unternehmen seinen CO2-Ausstoß auf netto null reduzieren?" Viele Mitglieder der Allianz haben sich schon konkrete Ziele gesetzt, bis wann sie netto null Emissionen erreichen wollen.

Andere dagegen verpflichten sich zwar zur Senkung der CO2-Emissionen, haben aber noch kein verbindliches Ziel festgelegt. Doch wie auch immer - jetzt sind mutige Schritte gefordert. Natürlich kann noch niemand sagen, wie der Übergang zur Klimaneutralität am besten zu verwirklichen ist. Denn viele Technologien, die für eine Welt mit netto null Emissionen gebraucht werden, stecken heute noch in den Kinderschuhen oder sind noch gar nicht erfunden.

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    Eines aber ist schon sicher: Zusammenarbeit und gemeinsame Problemlösung über Branchengrenzen und Lieferketten hinweg sind zwingend nötig. Denn der Klimawandel ist eine globale Bedrohung, die ein weltweit koordiniertes Vorgehen erfordert. Die Wirtschaft ist eine globale Kraft, mehr noch als supranationale Organisationen. Dieser Umstand, seit Jahrzehnten von vielen beklagt, könnte sich nun als entscheidender Problemlöser erweisen.

    Angesichts der Prognosen zu den Folgen des Klimawandels und des Drucks der öffentlichen Meinung stellen sich immer mehr Anleger hinter ein gemeinsames Ziel: Klimaneutralität bis zum Jahr 2050. Nachhaltigkeit wird damit immer mehr zu einer zwingenden Voraussetzung für künftige Gewinne. Früher mögen ein paar Dutzend CEOs ihr Unternehmen aus Idealismus umweltfreundlicher gestaltet haben - inzwischen aber sind Tausende hinzugekommen, die sich zum Handeln gezwungen sehen. Ihre Investoren, ihre Aktionärinnen und Aktionäre erwarten das von ihnen.

    Im globalen Wettlauf zum Netto-null-Ziel stehen wir an einem kritischen Punkt. Es könnte durchaus sein, dass sich nicht staatliche Verordnungen als entscheidend erweisen, sondern ausgerechnet der viel geschmähte Kapitalismus und das kühle Kalkül der Investoren.
    Unilever etwa hat bis 2039 ehrgeizige Ziele zur Senkung aller Emissionen angekündigt, die mit dem eigenen Geschäftsbetrieb und dem seiner Zulieferer verbunden sind. Die letzte Generalversammlung stimmte den Zielen zu.

    Null-Emissionsziel gilt auch für Zulieferer

    Auch Nestlé legte seinen Aktionärinnen und Aktionären auf der Generalversammlung mit Erfolg einen ehrgeizigen Klimaplan vor. Die Zustimmung zu den Klimaplänen von Unilever, Nestlé und anderen Unternehmen ist ein Beleg für die Erwartung der Investoren, dass Führungskräfte in den Unternehmen die Klimakrise entschlossen angehen.
    Viele große institutionelle Langzeitinvestoren - etwa Pensionskassen und Versicherer - sind der von den Vereinten Nationen angeregten Net-Zero Asset Owner Alliance beigetreten. Dieses Bündnis findet immer mehr Resonanz. Seine Mitglieder verwalten schon jetzt ein Vermögen in Höhe von 5,5 Billionen US-Dollar, und die Alliance will diese Summe durch den Beitritt weiterer Mitglieder zügig auf zehn Billionen US-Dollar verdoppeln.

    Das wäre mehr als die gesamte Wirtschaftsleistung von Deutschland, Großbritannien und Frankreich zusammen! Swiss Re und andere Mitglieder des Bündnisses haben sich verpflichtet, die CO2-Emissionen ihrer Anlageportfolios bis 2050 auf netto null zu reduzieren. Sie haben auch bereits erste konkrete Zwischenziele veröffentlicht. Doch was heißt „netto null“ überhaupt mit Blick auf ein Anlageportfolio? Es bedeutet, dass die Unternehmen in den Portfolios der Mitglieder im Jahr 2050 per Saldo kein CO2 mehr ausstoßen dürfen.

    Die Tragweite dieser Definition ist enorm: Die Unternehmen müssen nicht nur mit dem eigenen Geschäftsbetrieb und Energieverbrauch netto null Emissionen erreichen – dasselbe gilt auch für ihre Zulieferer und Produkte. Wir bezeichnen diesen gewaltigen zusätzlichen Schritt als „Scope-3-Dekarbonisierung“. Er hat weitreichende Auswirkungen, denn bei vielen Großunternehmen geht die Zahl der Zulieferer und Produkte in die Hunderte oder gar Tausende.

    Die Kosten für alle Beteiligten sinken

    Zwar wird nicht jedes Unternehmen in einem Anlageportfolio seine Emissionen auf null senken können. Aber jene, denen es gelingt, hätten aus Sicht der Anleger einen Wettbewerbsvorteil. Banken und Versicherer bilden neue, global ausgerichtete Netto-Null-Allianzen, um ihr Engagement zu unterstreichen, im Rahmen des Pariser Klimaabkommens den Übergang zu einer grüneren Wirtschaft zu beschleunigen.

    Viele Unternehmen verpflichten ihre Zulieferer bereits zur Einhaltung bestimmter Standards. Bei Swiss Re verlangen wir von Banken CO2-Minderungspläne, wenn sie sich für Finanzierungsgeschäfte bewerben. Mit der Fokussierung auf die Lieferketten dürften wir selbst für jene Sektoren Lösungen zur Dekarbonisierung finden, in denen dies am schwierigsten ist.

    Natürlich wird das nicht leicht, und entscheidend wird sein, dass wir dabei kooperieren. Wir müssen gemeinsam mit den Zulieferern Transparenz schaffen und Maßnahmen zur Emissionssenkung mitfinanzieren. Wenn wir uns im Streben nach einer nachhaltigeren Zukunft zusammenschließen, werden die Initiativen Größenordnungen erreichen, bei denen die Kosten für alle Beteiligten sinken.

    CEOs müssen diesen mutigen Schritt gehen, konkrete Ziele und Maßnahmen zur Senkung der CO2-Emissionen festlegen und in neue Technologien investieren. Das kühle kapitalistische Kalkül der Investoren stellt uns vor die Wahl, entweder den Schwung dieser gewaltigen Dekarbonisierungswelle zu nutzen oder von ihr überrollt zu werden.
    Der Autor: Christian Mumenthaler ist Vorstandsvorsitzender des Rückversicherers Swiss Re und Co-Vorsitzender der Alliance of CEO Climate Leaders des Weltwirtschaftsforums.

    Mehr: Wie aus einem gebrauchten Schuh ein gleichwertiges Modell entsteht.

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