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EnergieRingen um Siemens Energy: Kanzler Scholz appelliert an Siemens

Mitten in der Krise eröffnen Scholz und Siemens-Energy-Chef Bruch ein neues Werk in Berlin. Hinter den Kulissen wird heftig diskutiert.Axel Höpner, Kathrin Witsch, Julian Olk 08.11.2023 - 15:48 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Bundeskanzler Olaf Scholz (Mitte) eröffnete am Mittwoch zusammen mit Christian Bruch (l), Vorstandschef von Siemens Energy, und Air-Liquide-Chef Francois Jackow die Elektrolyseurfertigung in Berlin.

Foto: dpa

Berlin, München. Im Ringen um Unterstützung für den angeschlagenen Energietechnikspezialisten Siemens Energy hat Bundeskanzler Olaf Scholz am Mittwoch klare Worte gefunden: „Ich erwarte, dass jetzt alle Beteiligten ihren Beitrag leisten, und bin zuversichtlich, dass wir sehr bald zu einer guten Lösung kommen, wenn alle ihrer Verantwortung gerecht werden“, sagte er bei einer Werkseröffnung von Siemens Energy in Berlin. Man befinde sich in „sehr konstruktiven und zielorientierten Gesprächen“ mit allen Beteiligten.

Das im Dax notierte Unternehmen ist aufgrund eines Milliardendebakels bei seiner Windkrafttochter tief in den roten Zahlen. Bereits seit einiger Zeit ist das Unternehmen mit Bundesregierung und Banken in Gesprächen über Garantien zur Absicherung seiner Aufträge. Es soll um rund 15 Milliarden Euro gehen. Die Bundesregierung fordert, dass auch Großaktionär Siemens sich an den Hilfen beteiligt.

Noch ziert sich der Konzern aus München allerdings. Eine Einigung gibt es deswegen bislang noch nicht - Siemens-Energy-Chef Christian Bruch erklärte, man rechne man jedoch bis zur Bilanzvorlage kommende Woche mit einem Ergebnis.

Dabei hätte der Konzern am Mittwoch eigentlich schon einen Grund zu feiern gehabt. „Es gibt zwei Treiber für Transformation: Lust und Leid. Schon seit Längerem stand manches Mal die leidvolle Seite im Vordergrund“, sagte Bruch. Heute dagegen gehe es um den „lustvollen Teil“. 

Die Eröffnung des Elektrolyseurwerks am Rande Berlins markiert den Eintritt in einen potenziellen Milliardenmarkt. Die hier gefertigten Anlagen dienen schließlich zur Herstellung von dem für die Energiewende unverzichtbaren grünen Wasserstoff.  

Dass gerade Siemens Energy so tief in der Krise steckt, ist vor allem mit Blick auf die Energiewende problematisch. Das Unternehmen baut nicht nur konventionelle Kraftwerke, Wasserstoffanlagen und Windturbinen, es ist gleichzeitig einer der größten Produzenten von Netzinfrastruktur auf der ganzen Welt. Hilfe sei alternativlos, heißt es deswegen selbst im Umfeld der Bundesregierung. Dass sich die Gesprächspartner bislang trotzdem nicht einigen konnten, hat mehrere Gründe. 

Bund fordert Mithilfe von Großaktionär Siemens

Unter anderem sieht die Bundesregierung Großaktionär Siemens in der Mitverantwortung und verlangt, dass das Münchener Unternehmen sich an den Bürgschaften beteiligt. Der Ex-Mutterkonzern hatte Siemens Energy im September 2020 abgespalten und an die Börse gebracht.

Seitdem hat Siemens seine Garantien an dem Energietechnikspezialisten reduziert und plant auch, seine 25-Prozent-Beteiligung weiter zu reduzieren. Man müsse vor den eigenen Aktionären gut begründen, warum man einem anderen Unternehmen mit Milliardensummen aushelfe, verlautete es aus dem Umfeld von Siemens-CEO Roland Busch.

Als Alternative will Siemens seinem Tochterunternehmen jetzt eine Beteiligung an einer gemeinsamen Firma in Indien abkaufen. So könnte der Energietechnikkonzern seine Eigenkapitalbasis stärken und Siemens wiederum die eigenen Aktionäre mit Verweis auf die ohnehin notwendige Entflechtung in Indien beruhigen. Doch die Preisverhandlungen gestalten sich schwierig. Einen Freundschaftspreis will Siemens mit Verweis auf die eigenen Aktionäre nicht zahlen.

Angespanntes Verhältnis zwischen Siemens und Siemens Energy

Doch nicht nur deswegen ziehen sich die Gespräche hin. Das Verhältnis zwischen Siemens und Siemens Energy ist angespannt. Bei der Ex-Mutter hatte man sich über das anhaltende Windkraftdesaster geärgert. Immer neue Hiobsbotschaften ließen den Siemens-Energy-Kurs einbrechen. Seit der Ausgründung des Unternehmens ist der Aktienkurs immerhin um fast 60 Prozent abgerauscht. Die Pläne von Siemens, die Beteiligung weiter zu reduzieren, wurden so durchkreuzt. 

Bundeskanzler Olaf Scholz erwartet, bald eine Einigung über Garantien für Großaufträge bei Siemens Energy zu erreichen. Es soll um rund 15 Milliarden Euro gehen. Die Bundesregierung will Ex-Mutterkonzern Siemens mit in die Verantwortung nehmen.

Spätestens nach der Bekanntgabe der schweren Qualitätsprobleme bei Siemens Gamesa machte der Siemens-Vorstand auch öffentlich aus seinem Ärger keinen Hehl mehr. „Wir sind nicht zufrieden“, sagte Busch. Auf die Frage, ob Christian Bruch noch der richtige CEO sei, schwieg er zunächst demonstrativ, um dann kühl auf die Zuständigkeit des Aufsichtsrats von Siemens Energy zu verweisen.

Zwar haben sich Busch und Bruch arrangiert. In Industriekreisen geht man davon aus, dass auch Siemens Bruch im Aufsichtsrat vorerst nicht zu Fall bringen wird. Doch ist auch an anderer Stelle das Verhältnis schwierig.

Aufsichtsratschef von Siemens Energy ist Joe Kaeser, der die Energietechnik als Siemens-CEO einst abgespalten hatte. Er hat somit das aktuelle schwierige Konstrukt entscheidend mitzuverantworten. Der Übergang von Kaeser zu Busch war nach Einschätzung in Industriekreisen nicht völlig reibungslos verlaufen. „Ein echtes Vertrauensverhältnis gibt es zwischen den beiden nicht“, heißt es in Industriekreisen, „das macht die Sache nicht einfacher.“

So gibt es im Umfeld auch bei den aktuellen Verhandlungen Hinweise auf Spannungen. Siemens bekomme die für Hilfe notwendigen Daten von Siemens Energy nicht schnell genug zur Verfügung gestellt, heißt es auf der einen Seite. Da sei womöglich die Komplexität zu hoch. Auf der anderen Seite verweisen manche bei Siemens Energy darauf, dass man noch immer hohe Summen an Siemens zum Beispiel für die Nutzung der Marke überweise. Da müsse die Ex-Mutter auch daran interessiert sein, diese zu schützen.

Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum die Verhandlungen länger dauern: Laut Industriekreisen gibt es keinen akuten Zeitdruck. Die Dramatik sei in das Thema erst durch die öffentliche Bestätigung vor zwei Wochen gekommen, heißt es in Verhandlungskreisen. Es gebe kurzfristig keine Deadline, bis zu der eine Lösung gefunden werden muss. Da klar sei, dass der Bund helfen wolle, und nur die Modalitäten ungeklärt seien, seien auch die Banken zuversichtlich.

Am Mittwoch lässt sich Siemens-Energy-CEO Christian Bruch dann auch von den Krisen hinter den Kulissen kaum etwas anmerken. Man rechne mittelfristig mit Erlösen von mehr als einer Milliarde Euro, sagte seine Vorständin Anne-Laure Parrical de Chammard bei der Eröffnung des Werks. 

Das Verhältnis von Konzernchef Christian Bruch zu Siemens-Chef Busch gilt als schwierig.

Foto: Reuters

Der Markt ist potenziell riesig. Allein die Bundesregierung will bis 2030 zehn Gigawatt an grünem Wasserstoff hierzulande produzieren. Die Investmentbank Goldman Sachs rechnet bis 2050 mit einem Marktvolumen von mehr als elf Billionen Dollar weltweit. 

Noch sind die Mengen auf dem Markt allerdings verschwindend gering. Rund 300 Milliarden Euro an Wasserstoffprojekten sind aktuell angekündigt, aber nur zehn Prozent sind laut Zahlen des Branchenverbands Hydrogen Council auch wirklich beschlossene Sache. 

Und die Preise aufgrund von Inflation, gestiegenen Zinsen, Lieferkettenproblemen und hohen Kapitalkosten sind aktuell deutlich höher als befürchtet. Das ergab eine Analyse der Unternehmensberatung BCG. Aufgrund der gestiegenen Kosten stehen laut Branchenteilnehmern mittlerweile sogar erste Projekte auf dem Prüfstand.

Windkraft und Wasserstoff sind noch nur Hoffnungen auf die Zukunft

Geld verdient Siemens Energy mit seiner Wasserstoffsparte heute noch keines. „Es gibt noch keinen profitablen Business Case für grünen Wasserstoff“, gab Bruch am Mittwoch zu. Die Kosten für die Anlagen müssten sinken, Prozesse müssen industrialisiert werden,. Außerdem brauche es Infrastruktur wie Pipelines, Terminals, Schiffe, Finanzierungsprojekte. Es ist eine Wette auf die Zukunft. 

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Die Windkraft dagegen galt eigentlich als sichere Bank. Trotzdem ist sie das größte Sorgenkind des Energietechnikkonzerns. Auf mehr als 4,5 Milliarden Euro Verlust beläuft sich das Debakel mittlerweile. Grund sind ein schwieriges Marktumfeld, aber vor allem interne Probleme und Qualitätsmängel bei der neuen Turbinengeneration.

Windkraft und grüner Wasserstoff sind somit zwei Bereiche, die angesichts der Energiewendepläne Europas ein zukunftsträchtiges Geschäft versprechen. Die Einnahmen kommen noch allerdings fast ausschließlich aus dem einst kriselnden Gasturbinengeschäft und der Fertigung von Energietechnik für das Stromnetz. 

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