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Energie

Energie-Technik Hoffnung im bedrohten Siemens-Werk in Görlitz

Das Werk in der strukturschwachen Region will die schwarze Null schaffen und hofft auf mehr Produktion. Die Arbeitnehmer sehen Siemens-Chef Joe Kaeser in der Pflicht.
03.06.2020 - 10:06 Uhr Kommentieren
Nach wochenlangen Protesten entschied sich Siemens vor gut zwei Jahren, den Standort vorerst zu erhalten. Quelle: picture alliance / Pawel Sosnows
Demonstration für den Erhalt des Siemens-Werks in Görlitz

Nach wochenlangen Protesten entschied sich Siemens vor gut zwei Jahren, den Standort vorerst zu erhalten.

(Foto: picture alliance / Pawel Sosnows)

München Als das von Schließung bedrohte Siemens-Werk in Görlitz vor zwei Jahren nach heftigen Protesten in letzter Minute gerettet wurde, war die Erleichterung in der strukturschwachen Region groß. Doch war es eine Rettung auf Bewährung: Ab 2020 müsse das Werk mit mehr Eigenständigkeit im Neugeschäft eine schwarze Null schaffen, dürfe also keine Verluste mehr machen, forderte Siemens-Chef Joe Kaeser.

Nun hoffen Arbeitnehmervertreter auf eine bessere Auslastung durch zusätzliche Fertigungskapazitäten: Laut Arbeitnehmerkreisen sucht Siemens einen neuen Standort für Teile der Energietechnik-Fertigung aus Berlin. Es gehe um mehr als 200 Arbeitsplätze. „Das ist eine gute Chance für Görlitz“, sagte der Görlitzer IG-Metall-Bevollmächtigte Jan Otto dem Handelsblatt. Eine Halle am Standort könne für die zusätzliche Produktion freigeräumt werden.

Noch allerdings sind laut Industriekreisen mehrere Städte im Gespräch. So soll Frankfurt/Oder einen Standort auf der grünen Wiese angeboten haben. Siemens wollte die Spekulationen nicht kommentieren.

Doch die IG Metall sieht Siemens in der Pflicht. „Im Nachgang der Rettung von Görlitz wurde versprochen, dass weitere Produkte und Arbeitsplätze an den Standort kommen“, sagt Gewerkschafter Otto. „Mit einem Zuschlag würde Vorstandschef Joe Kaeser Wort halten.“ Auch die sächsische Staatsregierung hat sich eingeschaltet und wirbt für den Standort in Ostsachsen.

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Standort erkennen

    Die ursprünglich beschlossene Schließung des Industriedampfturbinen-Werks hatte für heftige Diskussionen gesorgt. Tausende demonstrierten vor Siemens-Standorten, eine Gruppe von Siemens-Mitarbeitern machte sich sogar auf Fahrrädern auf den 600 Kilometer weiten Weg von Ostsachsen nach München zur Hauptversammlung, um gegen die Pläne zu protestieren. Auch die Politik schaltete sich ein, der damalige SPD-Chef Martin Schulz nannte das Verhalten des Konzerns „asozial“ und „verantwortungslos“.

    Am Ende gab Kaeser nach, das Werk wurde gerettet. Die Stadt wurde sogar zum Hauptsitz des weltweiten Industriedampfturbinen-Geschäfts der Münchener erkoren. 2019 verkündete Siemens dann gemeinsam mit Fraunhofer und dem Freistaat Sachsen einen „Zukunftspakt für Görlitz“. Dieser sieht einen Innovationscampus mit den Schwerpunkten Wasserstoff, Digitalisierung und Dekarbonisierung vor.

    Die Hoffnungen in den Siemens-Manager sind groß. Quelle: Reuters
    Joe Kaeser in Görlitz

    Die Hoffnungen in den Siemens-Manager sind groß.

    (Foto: Reuters)

    Das Thema Wasserstoff soll in der neuen Siemens Energy, die gerade aus dem Konzern abgespalten wird, eine wichtige Rolle spielen. In Görlitz wollen Siemens und Fraunhofer ein Labor für Wasserstoffforschung errichten. Allerdings ist das Thema konzernintern begehrt. Noch immer gebe es in Görlitz Befürchtungen, dass die Elektrolyseur-Anlage kleiner ausfallen könnte als ursprünglich geplant, heißt es in Siemens-Kreisen.

    Siemens und Fraunhofer hatten angekündigt, im ersten Schritt rund 30 Millionen Euro in den Ausbau des Standorts zu investieren. In dem Wasserstofflabor soll zum Beispiel die Alterung von Elektrolyseuren im Dauereinsatz untersucht werden. Viele hoffen, dass Görlitz mit dieser Anlage im Mittelpunkt der Wasserstoffstrategie der neuen Siemens Energy stehen könnte. Allerdings buhlen auch intern mächtige Standorte wie Erlangen und Mühlheim um Einfluss.

    Im sächsischen Wirtschaftsministerium sieht man den Standort insgesamt auf einem guten Weg. Das Siemens-Kerngeschäft sei weiterhin stabil. Zudem interessierten sich mehrere Unternehmen für eine Ansiedlung auf dem entstehenden Innovationscampus, heißt es im Wirtschaftsministerium.

    Auch das Thema Wasserstoffzentrum nehme Gestalt an. Derzeit laufe die intensive Bauplanungsphase, 2022 könnten die Testaktivitäten beginnen. „Das Zentrum erhält Rückenwind von Siemens sowie aus der Stadt und der Region.“ Das Testzentrum sei ein wesentliches Element auf dem Weg zur „Zukunftsstadt Görlitz 2030“.

    Staatsregierung schaltet sich ein

    Auch das Thema zusätzliche Produktionskapazitäten – laut Arbeitnehmervertretern geht es um ein Produkt rund um Kondensatoren – ist auf dem Radar der Staatsregierung. Wirtschaftsminister Martin Dulig habe der Kraftwerkssparte von Siemens zugesagt, sich persönlich für das Vorhaben einzusetzen. Laut Arbeitnehmerkreisen wäre es möglich, eine Halle für das Projekt freizuräumen und umzurüsten. Dafür wäre ein einstelliger Millionenbetrag notwendig. Noch sind laut Industriekreisen aber keine Entscheidungen gefallen.

    Die langfristige Zukunft des Siemens-Standorts Görlitz wird davon abhängen, wie er sich wirtschaftlich entwickelt. Arbeitnehmervertreter fordern, Siemens müsse dem Werk wegen der Coronakrise etwas mehr Zeit geben. In Industriekreisen geht man davon aus, dass die Auswirkungen der Pandemie bei der Beurteilung der Profitabilität des Werks berücksichtigt werden.

    Der neue Siemens-Energy-Chef Christian Bruch hat in den vergangenen Wochen eine ganze Reihe von Standorten besucht. In Görlitz war er laut Betriebsratskreisen bislang aber noch nicht. Der Manager gilt als sehr rendite- und prozessorientiert. In Ostsachsen werten es viele Beschäftigte positiv, dass Kaeser Aufsichtsratschef bei der neuen Siemens Energy wird – schließlich habe er ja am Ende die Rettung des Standorts durchgesetzt.

    Die Teilung von Siemens ist der radikalste Umbau in der Konzerngeschichte. Siemens trennt sich von 40 Prozent des Konzernumsatzes. Der Start für das neue Energietechnik-Unternehmen, das Ende September im Wege eines Spin-offs an die Börse gebracht werden soll, wird nicht einfach. In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres schrieb das neue Unternehmen rote Zahlen. Das lag auch an steuerlichen Themen im Zuge der Abspaltung. Doch läuft unter anderem das Geschäft mit Onshore-Windrädern bei der Tochter Siemens Gamesa schlecht.

    Mehr: Deutschland muss seine Chancen beim Wasserstoff jetzt entschlossen nutzen.

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