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EnergiekonzernTotal versucht Energiewende – wie grün kann ein Ölkonzern werden?

Total Energies hat sich so ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele gesetzt wie kein anderer Öl-Gigant. Klimaschützer sehen „Greenwashing“. Der Fall zeigt das Dilemma einer ganzen Branche.Gregor Waschinski 20.12.2023 - 19:04 Uhr

Paris, La Mède. Auf der Weltklimakonferenz in Dubai unterzeichnete Patrick Pouyanné einen Vertrag, der aus seiner Sicht für die Zukunft seines Unternehmens steht: Der Chef des französischen Ölkonzerns Total Energies vereinbarte mit der Regierung von Kasachstan den Bau einer Windkraftanlage, bis zu 160 Turbinen sollen eine Stromleistung von einem Gigawatt produzieren. Es ist das bislang größte Windenergieprojekt in der zentralasiatischen Republik – und kostet rund 1,4 Milliarden US-Dollar.

Total Energies will sich als Treiber der Energiewende neu erfinden. Die Anwesenheit von Pouyanné gefiel allerdings längst nicht allen: Klimaschützer warfen ihm und den anderen nach Dubai gereisten Vertretern der Fossilindustrie vor, auf der Konferenz den Kampf gegen die Erderwärmung mit „Greenwashing“ unterwandern zu wollen.

Mehr als 110 Staaten hätten sich auf der Weltklimakonferenz zur Verdreifachung ihrer Kapazitäten bei erneuerbarer Energie verpflichtet, sagte Pouyanné. „Total Energies unterstützt diesen Aufruf.“ Branchenkenner bestätigen, dass sich niemand aus dem Big-Oil-Kosmos so ambitionierte Ziele bei nachhaltigen Energien gesetzt hat wie die Franzosen.

Der Fall von Total Energies zeigt aber ein Dilemma, das sich so ähnlich auch auf gesellschaftlicher Ebene abspielt. Auf der einen Seite steht der Wille, so schnell wie möglich CO2-neutral zu werden. Auf der anderen Seite stehen wirtschaftliche Interessen – im Fall der Konzerne nicht zuletzt jene der Aktionäre, für die das fossile Geschäft die besseren Renditen bringt. Die große Frage: Wie nachhaltig kann ein Öl- und Gaskonzern überhaupt werden?

Neuer Name, neues Logo, altes Modell?

Total Energies ist mit mehr als 100.000 Beschäftigen und Aktivitäten in über 130 Ländern einer der größten Energiekonzerne der Welt. In der Außendarstellung bemühen sich die Franzosen seit einigen Jahren darum, ihr fossiles Erbe in den Hintergrund zu rücken.

Offiziell versteht man sich nicht mehr als Ölkonzern, sondern als „Multi-Energie-Unternehmen“. Das Ziel der neuen Strategie: Der Konzern soll sich zu einem weltweit führenden Akteur der Energiewende wandeln und spätestens im Jahr 2050 CO2-neutral sein.

Diesen Anspruch hat der Konzern mit einer Namensänderung unterstrichen: Aus Total wurde im Sommer 2021 Total Energies. Vorgestellt wurde damals auch ein neues Logo, das die Farbe Grün in das visuelle Branding aufnahm.

Der Konzern strebt mehr als 100 Gigawatt an Erneuerbaren bis zum Jahr 2030 an. Zum Vergleich: BP will in diesem Zeitraum 50 Gigawatt installieren, andere Ölmultis haben noch niedrigere oder gar keine bezifferbaren Ziele für den Ausbau der Erneuerbaren festgelegt.

„Verglichen mit seinen Konkurrenten investiert Total Energies tatsächlich stärker in CO2-arme Energie“, sagt Allen Good, Öl- und Gasmarktexperte bei der US-Finanzfirma Morningstar. In einer Rangliste der US-Beratungsfirma Mercom landeten die Franzosen unter den weltweit zehn größten Entwicklern von Solarkraftprojekten auf dem ersten Platz.

Doch Total Energies schlingert bei seinem grünen Anspruch: Das Unternehmen investiert gleichzeitig in neue Öl- und Gasprojekte und will seine fossile Produktion in den nächsten fünf Jahren um bis zu drei Prozent jährlich steigern. Besonders umstritten sind Pläne für den Bau einer Ölpipeline durch ein Naturschutzgebiet im ostafrikanischen Uganda.

Bei Flüssiggas (LNG) kooperiert Total Energies mit Katar, erschließt neue Quellen in Papua-Neuguinea. Die Nachfrage ist da: Es sind ebenjene LNG-Lieferungen, auf die sich auch Deutschland nach dem Ende des russischen Gases verlässt.

Morningstar-Experte Good sieht dahinter ein fundamentales Problem der gesamten Branche: „Trotz der Bekenntnisse zu mehr grünen Investitionen bleibt auf der Makroebene der Fakt, dass die Nachfrage nach Öl und Gas wächst.“ Das sei dann eine gesellschaftliche Frage: „Es gibt nicht wirklich etwas, was Total Energies, BP, Shell oder andere Konzerne machen könnten, um die Nachfrage zu senken.“

Weniger fossile Energien, mehr grüner Strom?

Vincent Stoquart verantwortet bei Total Energies als Senior Vice President den Geschäftsbereich der Erneuerbaren. „Ich komme selbst aus der Welt von Öl und Gas“, sagt er. „Die Energie der Zukunft ist aber die Elektrizität.“ Und auf diesen Markt müsse sich der Konzern vorbereiten.

Die Energie der Zukunft ist die Elektrizität
Vincent Stoquart
SVP Renewables Total Energies

Im Zeitraum 2024 bis 2028 sollen mehr als 30 Prozent der Investitionen in CO2-arme Energien fließen, es geht dabei um jährlich rund fünf Milliarden Euro. Neben Strom aus Wind und Sonne fallen auch Biokraftstoffe und die Produktion von grünem Wasserstoff darunter. Bei Total Energies ist man überzeugt, dass die Ölnachfrage wegen neuer Technologien wie den Elektroautos irgendwann doch zurückgehen werde – wenn auch erst ab Mitte des kommenden Jahrzehnts.

Von den geplanten 100 Gigawatt an erneuerbaren Kapazitäten hat Total Energies nach eigenen Angaben bislang 22 Gigawatt installiert. Das Unternehmen ist unter anderem an einer Reihe von Offshore-Windprojekten in Frankreich, Großbritannien, Südkorea, Taiwan und den USA beteiligt.

Im Sommer erhielt der Konzern von der deutschen Bundesnetzagentur den Zuschlag für die Entwicklung von zwei Windparks in der Nord- und Ostsee. Mit einer Kapazität von insgesamt drei Gigawatt decken sie zehn Prozent der deutschen Ausbauziele für Offshore-Windenergie bis 2030 ab – und sollen grünen Strom für mehr als drei Millionen Haushalte liefern.

Total Energies will nicht nur als Erzeuger von Elektrizität auftreten. „Unser Anspruch ist, die gesamte Wertschöpfungskette rund um grünen Strom zu beherrschen“, sagt Stoquart. So kaufte der Konzern im Herbst den führenden deutschen Ökostromvermarkter Quadra Energy. Die in Düsseldorf ansässige Firma bündelt das Angebot von Solar- und Windkraftanlagen, um es auf dem Markt an Großkunden wie Energieversorger und Stadtwerke, aber auch an Endverbraucher weiterzuverkaufen.

Total Energies investiert außerdem in Stromspeicher, um die Versorgung mit Solar- und Windenergie wetterunabhängiger zu machen. Die größte Anlage mit 27 Speichercontainern betreibt der Konzern im nordfranzösischen Dunkerque. Das Tochterunternehmen Saft entwickelt Batterietechnologien.

Klimaschützer indes beeindruckt all das nicht. Die in Paris ansässige Nichtregierungsorganisation Reclaim Finance, die sich für nachhaltige Investments auf den Finanzmärkten einsetzt, veröffentlichte vor einigen Monaten einen kritischen Bericht zur Nachhaltigkeitsstrategie von Total Energies. Die Öl- und Gasförderung werde bis 2030 ausgebaut, einen besonders starken Anstieg werde es mit 40 Prozent bei der Produktion von LNG geben.

Für Reclaim Finance ist das grüne Image von Total Energies in erster Linie eine PR-Offensive. Die Organisation hat die Profile des Konzerns auf Instagram und X, ehemals Twitter, unter die Lupe genommen: Im untersuchten Zeitraum hätten sich 76 Prozent der Social-Media-Beiträge um Wind- und Solarkraft sowie andere CO2-arme Aktivitäten gedreht.

In der Realität mache dieser Bereich allerdings nur 20 Prozent des Energiemixes aus, während Öl und Gas für 80 Prozent stünden. Der von Total Energies verkündete nachhaltige Umbau sei einfach nicht glaubhaft, resümiert Antoine Laurent von Reclaim Finance.

Bei der Hauptversammlung Ende Mai lehnten die Aktionäre mit deutlicher Mehrheit eine Resolution ab, die den Konzern zu einer stärkeren Reduzierung seiner Emissionen verpflichtet hätte. Auch die Führung von Total Energies war dagegen. Vor dem Veranstaltungsort in Paris demonstrierten Klimaaktivisten, die Polizei setzte Tränengas ein.

Pouyanné wies jüngst in einem Interview mit dem Handelsblatt den Vorwurf des „Greenwashings“ zurück: „Wir versuchen, bei dem Wandel die richtige Balance zu finden.“ Ölkonzerne hätten die Verantwortung, zum Aufbau eines kohlenstofffreien Systems beizutragen.

„Total Energies hat beschlossen, sich hier zu engagieren“, sagt Pouyanné. „Meine feste Überzeugung ist, dass mehr Ölkonzerne unserem Beispiel folgen sollten, aber jeder wählt seine eigene Strategie.“

E-Auto-Ladestationen statt Tankstellen?

Als eine Art Labor für seine Strategie betrachtet Total Energies dabei den deutschen Markt. Bekannt ist der Konzern hierzulande vor allem durch seine Tankstellen. Das Netz erstreckte sich historisch vor allem entlang der französischen und belgischen Grenze. Nach der Wiedervereinigung übernahm der französische Mineralölkonzern Elf, der später in Total aufging, dann die staatlichen Minol-Tankstellen der früheren DDR.

Nach Aral und Shell betreibt Total Energies mit knapp 1200 Standorten das drittgrößte Netz an Tankstellen in der Bundesrepublik – und gibt es zum Jahresende ab. Käufer ist das kanadische Unternehmen Couche-Tard, das auf „Convenience Stores“ spezialisiert ist – also das Geschäft mit den Shops, nicht das mit den Zapfsäulen.

Zwar soll an den deutschen Tankstellen für mindestens fünf Jahre weiter die Leuchtreklame der Marke Total prangen, auch die Lieferung von Kraftstoffen übernimmt der bisherige Eigentümer. Doch Guillaume Larroque, Europachef für den Bereich Marketing Services bei Total Energies, sagt: „Die Aktivitäten der Tankstellen werden zunehmend zu einem Convenience-Store-Geschäft.“

Der Konzern geht davon aus, dass der Verkauf von Benzin und Diesel zurückgehen wird. Mit dem Verkauf des deutschen Netzes „antizipieren wir das regulatorische Umfeld in Europa mit dem Ende des Verkaufs von neuen Autos mit Verbrennermotor ab 2035“, erklärt Larroque.

Auch sein Netz in den Niederlanden hat Total Energies an Couche-Tard verkauft. Für die Tankstellen in Belgien und Luxemburg gründet der Konzern zusammen mit den Kanadiern ein Gemeinschaftsunternehmen, bei dem er als Minderheitsaktionär auftritt.

Auf dem Heimatmarkt in Frankreich wolle man aber voll präsent bleiben, sagt Larroque. Hier sehe man sich in der Verantwortung, gerade auch im ländlichen Raum die Versorgung sicherzustellen.

Statt in neue Tankstellen investiert Total Energies in Ladestationen für Elektroautos. „Im Bereich der Mobilität wird sich die Energieversorgung komplett wandeln“, sagt Nicolas Longatte, der den Ausbau des E-Netzes betreut.

Aktuell betreibt der Konzern weltweit etwa 53.000 Ladestationen, die Zahl soll bis 2028 auf rund 150.000 anwachsen. Auch in Deutschland beteiligt sich Total Energies am Aufbau eines Netzes aus Schnellladestationen auf Parkplätzen, in Städten und entlang von Autobahnen. „Der Strom bei unseren Ladesäulen kommt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien“, sagt Longatte.

Ganz ohne Öl geht es für Total Energies nicht

Am südfranzösischen Hafen Fos-sur-Mer liegt die Raffinerie La Mède, einer der ältesten Total-Standorte. Seit 1935 kam hier Rohöl aus dem Nahen Osten an, das dann zu Benzin und anderen Kraftstoffen veredelt wurde. Auf dem Höhepunkt während der „Trente Glorieuses“, der französischen Wirtschaftswunderzeit nach dem Zweiten Weltkrieg, verließen die Raffinerie jedes Jahr mehr als zehn Millionen Tonnen an Mineralölprodukten.

Inzwischen dient La Mède zur Herstellung von Biokraftstoffen, fossile Kraftstoffe werden hier nicht mehr produziert. Ein Teil des Geländes, auf dem angerostete Anlagen aus dem Rohölzeitalter ungenutzt herumstehen, wirkt wie ein Industriemuseum. Frei gewordene Flächen nutzt das Unternehmen, um Solarpanele aufzustellen.

„Die Transformation von La Mède symbolisiert, was gerade bei Total Energies passiert“, sagt Jean-Marc Durand, der das Raffineriegeschäft leitet. Dazu gehört auch das Projekt Masshylia: Total baut zusammen mit dem Energiekonzern Engie eine der größten Produktionsstätten für grünen Wasserstoff in Frankreich, um damit künftig die Bioraffinerie versorgen zu können.

Total Energies wandelt auch eine weitere seiner Raffinerien um, in Grandpuits bei Paris. Dort sollen nachhaltige Kraftstoffe für Flugzeuge hergestellt werden. An ein schnelles Ende von fossilen Kraftstoffen glaubt Durand aber dennoch nicht.

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„Wir werden noch einige Zeit Ölprodukte bereitstellen, sie sind für unsere Kunden unverzichtbar“, sagt er. Total Energies habe auch gesellschaftliche Verantwortung für seine Fabriken und die dort arbeitenden Menschen. Man könne Raffinerien nicht einfach schließen, sondern müsse sie bis 2050 schrittweise weiterentwickeln – so wie La Mède. „Eine einfache Lösung gibt es dabei nicht.“

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