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Unternehmer Stefan Messer„Olaf Scholz' Optimismus kann ich nicht folgen“

Der Aufsichtsratschef des Industriegasekonzerns Messer sieht den Kern des Standorts Deutschland beschädigt. Seine heimischen Kunden klagen vor allem über drei Probleme.Bert Fröndhoff 31.08.2023 - 11:27 Uhr Artikel anhören

Der Aufsichtsratsvorsitzende des Industriegaseherstellers Messer kritisiert die Politik der Bundesregierung.

Foto: Messer Group

Düsseldorf. Familienunternehmer Stefan Messer fordert von der Bundesregierung endlich Einheit und eine eindeutige Strategie zur Lösung der zentralen wirtschaftlichen Probleme des Landes. Viele Entscheidungen seien unverständliches Stückwerk und handwerklich haarsträubend fehlerhaft, beklagt der Aufsichtsratsvorsitzende des Industriegaseherstellers Messer im Interview mit dem Handelsblatt.

Die Nöte der deutschen Unternehmen seien der Bundesregierung nicht wirklich klar. „Das liegt auch daran, dass viele Politiker mit wenig Erfahrung an der Macht sind. Ich beobachte eine Praxisferne zur Wirtschaft und zu deren Wirkmechanismen“, sagt Messer. Als größter privat geführter Industriegaselieferant der Welt hat Messer Einblick in die Lage vieler Branchen und Regionen der Welt.

Seine Erfahrung laute: „Man wird in vielen Ländern als investierendes Unternehmen einfach freundlicher empfangen und behandelt als in Deutschland.“ Messer sieht den „Kern des Industriestandorts Deutschland angeknackst“, warnt aber auch davor, alles schlechtzureden. In Deutschland sei die Produktivität noch immer sehr hoch, was auch an der Gewissenhaftigkeit und dem Können der Mitarbeiter liege.

Messer zeigt sich erleichtert, nun keinen Finanzinvestor mehr im Familienunternehmen zu haben. Stattdessen hat er einen Staatsfonds aus Singapur als Anteilseigner an Bord geholt. Von dem will der Konzern auch operativ in Asien profitieren.

Lesen Sie hier das komplette Interview mit Stefan Messer:

Herr Messer, in den kommenden Tagen trifft sich die Bundesregierung zur Klausur, um die zahlreichen Streitpunkte auszuräumen. Wie blicken Sie auf die Arbeit der Ampelkoalition?
Das Chaos in Berlin macht mich traurig. Es ist unübersehbar, dass Deutschland im internationalen Vergleich stark zurückfällt. Aber es wird wenig getan, um das zu stoppen. Als ich das Sommerinterview des Bundeskanzlers im Fernsehen verfolgt habe, war ich erstaunt. Seinem Optimismus kann ich nicht folgen. Viele Firmen investieren ja nur noch mit Subventionen in Deutschland. Der Kern des Industriestandorts ist angeknackst.

Ist das allein die Schuld der Ampelkoalition?
Sicherlich nicht ausschließlich. In den Merkel-Regierungen ist einfach auch zu wenig getan worden, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern oder zu verbessern. Es hat sich insgesamt viel Nachholbedarf aufgestaut.

Was wünschen Sie sich von der Bundesregierung?
Mehr Einheit, weniger Streit, das ist schon mal grundlegend. Was ich aber vor allem vermisse, ist eine klare, eindeutige Strategie, die zentralen wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen. Vieles ist Stückwerk und noch dazu unverständlich. Warum wir die Kernkraftwerke abschalten, wo wir doch die CO2-Belastung möglichst schnell spürbar senken wollen, ist mir schleierhaft. Es ist doch allen klar, dass wir die alternativen Energien und die Netzkapazitäten in benötigtem Maße und Tempo nicht werden bereitstellen können.

Vita Stefan Messer
Stefan Messer ist Aufsichtsratsvorsitzender des Industriegaseherstellers Messer. Im April 2023 wechselte er vom CEO-Posten in diese Rolle. Für seine unternehmerische Leistung ist der 68-Jährige mehrfach ausgezeichnet worden: Er bewahrte das Familienunternehmen Anfang des Jahrtausends vor dem Niedergang und machte es bis heute zum Weltkonzern. Dabei half ihm familienfremdes Kapital von Finanzinvestoren.
Die Messer SE mit Sitz in Bad Soden am Taunus ist der weltgrößte privat geführte Industriegasehersteller. Das Unternehmen konkurriert mit Konzernen wie Linde und Air Liquide. 2022 kam Messer auf einen Umsatz von 4,2 Milliarden Euro und einen bereinigten Gewinn (Ebitda) von 1,2 Milliarden Euro. Vorstandschef ist seit Mai 2023 der frühere Linde-Manager Bernd Eulitz. Messer hat in diesem Jahr den Ausstieg des Finanzinvestor CVC besiegelt, der an großen Teilen der Gruppe beteiligt war. Neuer Anteilseigner mit etwas mehr als 20 Prozent ist der Staatsfonds GIC aus Singapur. In diesem Jahr feiert Messer 125-jähriges Jubiläum.

Haben Sie das Gefühl, dass die Nöte vieler deutscher Unternehmen der Politik in Berlin bewusst sind?
Nein. Das liegt auch daran, dass viele Politiker mit wenig Erfahrung an der Macht sind. Ich beobachte eine Praxisferne zur Wirtschaft und zu deren Wirkmechanismen. Da werden haarsträubende handwerkliche Fehler begangen.

Wie erleben Sie die Stimmung bei Ihren Industriegase-Kunden in Deutschland?
Drei Probleme werden dort als besonders drückend genannt: teure Energie, fehlende Fachkräfte und Mangel an Auszubildenden sowie die hohe Bürokratie.

„Man wird in vielen Ländern freundlicher empfangen und behandelt als in Deutschland“

So ziemlich jeder Unternehmer moniert derzeit die überbordende Bürokratie. Dabei ist das doch ein altes Problem, über das früher nur weniger laut geklagt wurde.
Genau, das Problem ist alt. Es ist bloß nichts dagegen unternommen worden. Und das ist weitgehend immer noch so. Wenn man mit Politikern darüber spricht, erkennen die es. Es passiert nur nichts. Die Wirtschaft muss sich immer schneller verändern und erneuern, während die Bürokratie wächst. Das passt nicht zusammen.

Machen Sie im Ausland bessere Erfahrungen?
Sehr oft. Es geht nicht nur ums Tempo bei Genehmigungen. Man wird in vielen Ländern als investierendes Unternehmen einfach freundlicher empfangen und behandelt als in Deutschland. In Asien, USA und auch in Osteuropa weiß man besser, dass man Unternehmen ein gutes Umfeld bieten muss.

Das Familienunternehmen ist der weltgrößte privat geführte Industriegasehersteller.

Foto: Messer Group

Wer Industriegase verkaufen will, braucht vor allem Industrie. Sehen Sie Deutschland gerade in der grünen Transformation oder schon in der Deindustrialisierung?
Ich glaube nicht, dass energieintensive Unternehmen in Deutschland noch eine große Zukunft haben. Die ersten Anlagen in der Chemie werden ja schon stillgelegt. Um die Autoindustrie mache ich mir auch große Sorgen, dort aber mehr aus Wettbewerbsgründen. Die alte Stärke sehe ich mit Blick auf die ambitionierten und preiswerten Hersteller aus Asien in Gefahr.

Das klingt ein wenig nach Weltuntergangsstimmung. Haben die deutschen Unternehmen nicht oft genug bewiesen, dass sie mit Krisen gut umgehen können und viel robuster sind als gedacht?
Gegenfrage: Was wollen Sie machen, wenn die Energiepreise in Deutschland dauerhaft auf einem deutlich höheren Niveau bleiben als vor drei oder fünf Jahren? Da kann man noch so robust sein. Da bleibt als energieintensives Unternehmen oft nur die Alternative: schließen oder verlagern. Ich fürchte, beides wird zunehmen.

Droht den deutschen Familienunternehmen und dem Mittelstand sogar der Ausverkauf wegen der großen Herausforderungen?
Ich kann mir schon vorstellen, dass einige Unternehmer nun intensiver einen Verkauf prüfen. Aber das kann viele Gründe haben wie etwa fehlende Nachfolger. Die aktuelle Krise kann das verstärken, aber einen Ausverkauf sehe ich nicht.

Dann können Sie auch etwas Positives über den Standort Deutschland berichten?
Ja, wir dürfen natürlich auch nicht den Fehler machen, alles schlechtzureden. Was immer wieder zu sehen ist: Subventionen bekommen Firmen für Investments auch in anderen Ländern. Sie entscheiden sich aber oft für Deutschland wegen der Gewissenhaftigkeit und des Könnens der Mitarbeiter. Die Produktivität ist bei uns immer noch sehr hoch.

„Entscheidungen vom Staat sind im Vergleich zu unternehmerischen immer schlechter“

Lässt sich die mit mehr Subventionen erhalten, wie sie von der Industrie gefordert werden?
Das mag an der einen oder anderen Stelle helfen. Ich halte aber nichts davon, die Wirtschaft langfristig mit direkten Subventionen zu stützen. Am Ende muss ein Unternehmen aus eigener Kraft überleben können und wettbewerbsfähig sein.

Aber die USA sind doch sehr erfolgreich mit ihrer Industriepolitik, die mit massiven Steuererleichterungen über den Inflation Reduction Act lockt. Ein Weg auch für Europa?
Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Wenn man die Industrie fördern will, sind Steuererleichterungen der bessere Weg als direkte Subventionen. Dann kann der Unternehmer unabhängig selbst entscheiden, was er für richtig hält. Entscheidungen vom Staat sind im Vergleich dazu immer schlechter.

Dann sind Sie gegen einen Industriestrompreis?
Ja.

Das verwundert. Sie sind doch der Chemieindustrie nahe, die durchweg für einen Industriestrompreis votiert, um die anstehende Transformation zu schaffen.
Es ist aber keine langfristige Strategie zum Erhalt der Industrie. Viel besser ist es, mit voller Kraft für die Bereitstellung preiswerter Energie zu sorgen. In China wird das so gemacht.

Taugt China als Vorbild?
Mich ärgert es, wie herablassend in Deutschland oft auf China geschaut wird. Da wird so getan, als wäre es ein rückständiges Land. Die Realität ist völlig anders. Neulich bin ich von Shanghai nach Nanjing mit dem Zug gefahren: 500 Kilometer in zwei Stunden, pünktliche Abfahrt und Ankunft, extrem freundliche Zugbegleiter. Ganz anders als in Deutschland.

„Am Ende muss ein Unternehmen aus eigener Kraft überleben können und wettbewerbsfähig sein.“

Foto: obs

Politisch nehmen die Spannungen mit dem Westen zu. Wie gehen Sie damit um?
China ist der größte Markt der Welt, dort muss man als Unternehmen einfach sein. Was ich befremdlich finde: Wir Deutschen wollen in China gerne gute Geschäfte machen, andersherum werden chinesische Firmen hierzulande mittlerweile abweisend behandelt. Unser Unternehmen wird in China mit offenen Armen empfangen und hat dort keinerlei negative Erfahrungen gemacht.

Also sehen Sie keine Risiken dort?
Natürlich bereiten wir uns für den Fall vor, dass es größere geopolitische Probleme geben könnte. Unser Chinageschäft ist autark und kann eigenständig weiterbetrieben werden. Die Entscheidungen werden lokal getroffen, die Investitionen werden vom Chinageschäft selbst finanziert.

Herr Messer, im April sind Sie vom Chefsessel an die Aufsichtsratsspitze gewechselt. Als Unternehmer haben Sie zuvor mehrmals mit Finanzinvestoren zusammengearbeitet – ein Schritt, den die meisten Familienunternehmen scheuen. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Wir waren Ende der 1990er-Jahre unter dem Dach der damaligen Hoechst AG in einer absoluten Notlage, inklusive hoher Verschuldung. Es war eine harte Restrukturierung nötig. In einer solchen Situation sind Finanzinvestoren die richtigen Partner, weil sie darin erfahren sind. Wir hatten in dem Moment die gleichen Interessen und Ziele, deswegen hat es funktioniert.

Für die anstehende grüne Transformation müssen Firmen viel investieren, notfalls auch mit familienfremdem Geld. Würden Sie andere Familienunternehmen dazu ermuntern?
Da wäre ich vorsichtig. Finanzinvestoren sind oft der falsche Partner. Wenn man nur Kapital für Wachstum ins Unternehmen holen will, rate ich von Private-Equity-Firmen ab.

Woran hakt es meist?
Es kommt sicher auch auf den individuellen Stil des Partners an. Aber Finanzinvestoren sind insgesamt meist kurzfristig orientiert, wollen schnelle Rendite. Die kommen erst mal mit einer Heerschar teurer Berater ins Unternehmen, die es besser zu wissen meinen als der Unternehmer mit jahrzehntelanger Erfahrung. Das ist kein Geschäftsmodell für ein Familienunternehmen mit einer langfristigen Strategie. Da ist Ärger vorprogrammiert.

Stefan Messer: „Der Staatsfonds aus Singapur kann ein Türöffner in Asien sein“

Sie haben nun den Staatsfonds GIC aus Singapur als Großaktionär an Bord, der rund 20 Prozent der Anteile hält. Was unterscheidet den vom klassischen Private-Equity-Investor?
Staatsfonds sind an langfristiger Wertsteigerung ihrer Beteiligungen interessiert. Insofern passen sie wegen der ähnlichen Interessenlage gut zum Familienunternehmer. Sie suchen sich Firmen, die gut laufen und Zukunftspotenzial haben.

Und halten sich aus allem heraus.
Das kann ich so nicht bestätigen. GIC interessiert sich sehr fürs Unternehmen und hat sich tief in unsere Geschäfte eingearbeitet.

Kann Messer von der Zusammenarbeit mit GIC auch inhaltlich profitieren, oder geht es nur um Kapital?
Wir hoffen sehr, dass wir von der Zusammenarbeit mit GIC profitieren können. Der Fonds hat sehr viele Beteiligungen in Asien und kann ein Türöffner für uns sein, wenn wir neue Kunden etwa in Indonesien oder den Philippinen gewinnen möchten. Das ist ja nicht leicht, und eine Beteiligung eines Staatsfonds ist da schon mal ein Gütesiegel, wie seriös eine Firma ist.

Irgendwann wollen Sie das Unternehmen aber wieder zu 100 Prozent in Familienbesitz bringen?
Das ist sicher ein schönes Ziel. Aber wir wollen vor allem stark wachsen, und dafür ist ein langfristig denkender Minderheitsaktionär wie GIC ein guter Partner.

Im Frühjahr hat der Familienunternehmer die operative Führung des Konzerns übergeben.

Foto: obs

Sie haben nun wieder rund 80 Prozent der Anteile, die operative Führung aber in familienfremde Hände gegeben. Wie passt das zusammen?
Sehr gut sogar. Wir haben jetzt einen Vorstand mit externen Managerinnen und Managern, der sehr erfahren im Geschäft ist und sich voll zum Familienunternehmen bekennt. Das ist für uns eine perfekte Lösung. Mein Sohn und mein Schwiegersohn sind aber bereits im Management unseres Unternehmens aktiv.

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Es macht sich unter deutschen Unternehmern derzeit eine Enttäuschung über Nachfolger breit, die sich eher auf ihre Gesellschafter- oder Aufsichtsratsrolle vorbereiten. Sie waren dagegen stetig unterwegs im Unternehmen, um als Chef für Ihre Mitarbeiter da zu sein. Erwarten Sie das auch von der Ihnen nachfolgenden Generation?
Wenn ich ehrlich bin: Ja. Aber man kann und darf die junge Generation zu nichts zwingen. Ein Nachfolger muss vor allem geeignet und qualifiziert sein. Wir werden schauen, wie sich mein Sohn und mein Schwiegersohn in den nächsten Jahren entwickeln. Wenn sie sich eher in der Rolle als Gesellschafter oder Aufsichtsrat sehen, wäre das für mich kein Problem.
Herr Messer, vielen Dank für das Interview.

Erstpublikation: 27.08.2023, 18:28 Uhr.

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