Stromproduzent: Eigner von „Kriegsgewinnler“ Steag streiten über Verkauf
Hinter den Kulissen tobt ein heftiger Streit über die Struktur des Verkaufs und das Führungspersonal.
Foto: imago images/Jochen TackFrankfurt. Beim Stromproduzenten Steag füllt sich angesichts des stark gestiegenen Strompreises die Kasse. Doch die Freude darüber wird getrübt von einem Streit der kommunalen Anteilseigner über den richtigen Kurs und den geplanten Verkauf des Unternehmens. „Steag ist ein echter Kriegsgewinnler. Jetzt kommt es darauf an, den Rückenwind richtig zu nutzen und nicht im Streit alles kaputtzumachen“, sagte ein Insider. Noch ist eine Einigung nicht in Sicht.
Ende 2021 hatte sich die lange Zeit Verluste schreibende Steag mit ihren Gläubigerbanken auf eine Restrukturierung geeinigt. Mittlerweile hat sich die Wirtschaftslage aber verbessert. Zum Halbjahr berichtete Deutschlands fünftgrößter Energiekonzern über einen Gewinnsprung. Die Investmentbank Morgan Stanley wurde im Sommer beauftragt, einen Verkaufsprozess zu organisieren und sondiert mittlerweile das Interesse von Investoren.
„Dass Steag insbesondere wegen der starken Performance der Kraftwerkssparte in der aktuellen Energiekrise für Investoren deutlich an Attraktivität gewonnen hat, spiegelt sich auch im Ergebnis des Market Soundings wider, das die Investmentbank Morgan Stanley durchgeführt hat“, erklärte ein Unternehmenssprecher. Beim Market Sounding bekommen potenzielle Investoren erste Informationen, um das grundsätzliche Interesse abzuklären. Die Eigentümer von Steag und Morgan Stanley lehnten Stellungnahmen ab.
Trotz ermutigender Signale von Interessenten liefern sich die Steag-Eigner – sechs in der Beteiligungsgesellschaft KSBG zusammengeschlossene Ruhrgebiets-Kommunen – hinter den Kulissen aber einen heftigen Streit über die Struktur des Verkaufs und das Führungspersonal. Dabei steht 36-Prozent-Eigner Dortmund gegen Essen, Bochum, Duisburg, Oberhausen und Dinslaken, die den Rest der Anteile halten.
„Es ist eine Situation entstanden, die eigentlich wirtschaftlich nicht so schwierig zu lösen ist, aber durch die handelnden Personen eine unheimliche Komplexität bekommt“, sagte eine mit der Situation vertraute Person. Der Verkauf werde durch die dysfunktionale Eignerstruktur gefährdet, sagte eine weitere Person.
Ein zentraler Streitpunkt ist, ob das Unternehmen als Ganzes verkauft wird oder in zwei Einzelteilen – dem angestammten Geschäft mit der Kohleverstromung und dem neuen Geschäft mit Wind- oder Solarparks. Beide Eigentümer-Lager betonen, dass sie die Steag als Ganzes verkaufen wollen, auch um Arbeitsplätze zu schützen und nicht auf den längerfristig unliebsamen Kohlemeilern sitzen zu bleiben.
Gleichzeitig ist der Gesamtverkauf manchen – wie etwa Dortmund – wichtiger als anderen, die vor allem einen preismaximierenden Verkauf im Sinn haben. Nach Einschätzung von Investmentbankern könnte der Preis bei einem Verkauf in Einzelteilen am höchsten ausfallen.
Streit über zwei Spitzenpersonalien
Während Steags Geschäft mit erneuerbaren Energien begehrt ist, sind die Kohlekraftwerke zwar momentan profitabel, langfristig aber unattraktiv. Die Hälfte der Interessenten ist unter bestimmten Bedingungen bereit, Steag als Ganzes zu kaufen, wie aus Unterlagen des Verkaufsberaters hervorgeht, die dem Handelsblatt vorliegen.
Die möglichen Bieter wollen jedoch alle die Steag in zwei separaten Einheiten präsentiert bekommen. Das soll ihnen genaue Renditeeinschätzungen ermöglichen. Auch lassen sich so zwei unterschiedliche Bankfinanzierungen für die beiden Teile organisieren.
Die Hälfte der Interessenten hat signalisiert, dass sie die Steag bis 2025 dekarbonisieren würde, die Kohlemeiler also schließen oder verkaufen würde. Die Steag-Anteilseigner haben sich im Grundsatz bereits dafür ausgesprochen, die beiden Geschäfte rechtlich zu separieren. Ein offizieller Beschluss dazu ist aber noch nicht gefallen. Allerdings könnte das, wenn es gut läuft, im nächsten Monat passieren.
Ein weiterer Streitpunkt unter den Steag-Eignern dreht sich um zwei Spitzenpersonalien: Steag-Aufsichtsratschef Gerhard Jochum und den von den Banken eingesetzten Sanierungsgeschäftsführer Ralf Schmitz. Die fünf gegen Dortmund verbündeten Kommunen wollen Jochum weghaben, eine Entscheidung soll auf der KSBG-Aufsichtsratssitzung Ende der Woche fallen.
Als ein möglicher Nachfolger an der Aufsichtsratsspitze wird Aufsichtsrat Dietmar Spohn von den Stadtwerken Bochum gehandelt. Jochums Platz im Aufsichtsrat könnte Peter Schäfer von den Stadtwerken Essen einnehmen. Dortmund stützt Jochum. Jochum lehnte eine Stellungnahme ab.
Jochum werden Alleingänge vorgeworfen. Zuletzt hatte sich ein Streit um Beraterkosten entzündet, die aus Sicht Dortmunds zu hoch und zuletzt ungewöhnlich stark angestiegen sind, die aus Sicht anderer Kommunen allerdings angemessen sind. Wirtschaftsprüfer EY startete eine forensische Untersuchung zur Höhe der Beraterkosten, doch kaum begonnen, wurde EY wieder gestoppt.
Jochum hatte EY offiziell beauftragt, aus Sicht der fünf Kommunen ohne nötigen Aufsichtsratsbeschluss. Der von den Steag-Eigentümern Anfang des Jahres eingesetzte Steag-Treuhänder Jan Markus Plathner kam Ende Juli zum Ergebnis, dass ein Wechsel an der Aufsichtsratsspitze nötig sei. Das vermerkte Plathner in einem Corporate Governance Review, der dem Handelsblatt vorliegt. Plathner war bisher nicht erreichbar.
Ein weiterer Zankapfel ist die Rolle des Sanierungsgeschäftsführers Ralf Schmitz, der von den Gläubigerbanken eingesetzt wurde. Mit seinem derzeitigen Alleinvertretungsrecht hat er bei wichtigen Entscheidungen der Steag wie dem Verkaufsprozess das letzte Wort.
Aus Sicht mancher Kommunen ist das zu viel Einfluss, insbesondere da sie die Steag kurz vor dem Ende der Sanierung wähnen. Vertreter von Dortmund, aber auch von Bochum und Duisburg sowie von der Arbeitnehmerseite entschieden im August, dass Schmitz sich aus der KSBG-Geschäftsführung zurückziehen soll und dass sein Einfluss bei der Steag zu beschneiden sei.
Auf einer Sitzung des KSBG-Aufsichtsrats Ende der Woche soll darüber diskutiert werden. Dort hat Schmitz aber auch starke Fürsprecher. „Schmitz organisiert den Steag-Verkaufsprozess. Warum sollte man jetzt die Pferde wechseln?“, sagte ein involvierter Kommunalvertreter. Schmitz lehnte eine Stellungnahme ab.
IGBCE schlägt Alternative zum Verkauf vor
Um ihn ganz loszuwerden, müsste die Steag ohnehin zunächst den Status als Sanierungsfall abstreifen, so ist es in den Verträgen mit den Banken festgelegt. Besonders Dortmund will diesen Prozess beschleunigen. Die Argumentation: Bis März könnte die Steag 989 Millionen Euro vor Zinsen und Steuern verdienen. Schon per Juni hatte das Unternehmen 741 Millionen an liquiden Mitteln in der Bilanz. Dem stehen Nettoschulden von rund 1,1 Milliarden Euro bei Steag und KSBG gegenüber. Seit vergangenem Wochenende liegt ein sogenanntes S6-Gutachten vor, das der Steag eine positive Fortführungsprognose stellt.
Vergangene Woche brachte IGBCE-Chef Michael Vassiliadis nun eine weitere Variante ins Spiel. Er will sich beim Bund dafür einsetzen, dass mithilfe des Einflusses der Bundesregierung die Staatsbank KfW Kredite bereitstellt, mit denen die bestehenden Verbindlichkeiten abgelöst werden könnten. Damit könnte ein Verkauf möglicherweise noch umgangen werden, auch wenn dieser von den Kommunen eigentlich fest beschlossen ist, so die Hoffnung mancher. Die IGBCE lehnte eine Stellungnahme ab.
Mit der Restrukturierung vertraute Personen warnen allerdings vor übertriebenen Hoffnungen an die Geschäftsentwicklung. Noch sei unklar, wie viel von den Profiten bleiben werde angesichts steigender Kohlepreise und der erwarteten Steuer auf Zufallsgewinne. Sollte sich der Energiemarkt plötzlich wieder drehen, könnten die Profite am Ende deutlich geringer ausfallen als gedacht.
Der Streit über Führungspersonal und Struktur des Verkaufs könnte Branchenkreisen zufolge mögliche Bieter verschrecken. Beim sogenannten Market Sounding suchte Morgan Stanley Finanzkreisen zufolge Kontakt zum tschechischen Investor EPH, der 2016 das Braunkohlegeschäft von Vattenfall in Ostdeutschland gekauft hatte, zu dem weiterhin stark auf Kohle setzenden tschechischen Versorger CEZ und der RAG-Stiftung, die die Behebung der durch den Kohlebergbau in Deutschland verursachten Schäden finanziert.
Zudem wurden zwei Dutzend Infrastrukturinvestoren angesprochen. Viele Infrastrukturinvestoren haben aus ESG-Gesichtspunkten Engagements in Kohle auf den Index gesetzt, ihr Interesse gilt vor allem dem Geschäft mit Erneuerbaren.
Anfang 2023 will die Steag unverbindliche Angebote einholen, dann einige wenige Bieter zu einer vertieften Buchprüfung einladen und im zweiten Quartal einen Verkaufsvertrag unterschreiben. Den Verkaufsunterlagen des Verkaufsberaters zufolge könnte die Steag mit bis zu drei Milliarden Euro bewertet werden. Manche potenzielle Bieter halten eine Bewertung von bis zu zwei Milliarden für realistischer.
Mitarbeit: Kathrin Witsch, Catiana Krapp