Uniper: Chef des Gaskonzerns warnt vor zunehmenden globalen Spannungen
Düsseldorf. Es scheint fast wieder in Vergessenheit geraten zu sein. Auf der virtuellen Hauptversammlung am Mittwoch erinnerte Uniper-Chef Michael Lewis seine Aktionäre: „Uniper ist systemrelevant – in ganz Europa.“
Für Aktionärsvertreter ist Deutschlands größter Gasimporteur, der seit der Staatsrettung in der Energiekrise nur noch zu weniger als einem Prozent in privater Hand ist, an diesem Tag vor allem eines: Projektionsfläche für Frust und Sorgen allgemeinerer Art.
Da ist das Thema mit den nur noch digital abgehaltenen Hauptversammlungen. Die Aktionärsforderung, wieder in Präsenz mit den Vorständen sprechen zu können, ist nicht neu. Doch am Mittwoch kam sie Uniper doppelt ungelegen.
Zum einen, weil der Konzern bei der Übertragung seiner digitalen Hauptversammlung technische Probleme hatte. Der Livestream brach bei mehreren Zuschauern etwa alle 30 Sekunden ab und musste so im Halbminutentakt neu gestartet werden. Aktionäre sprachen von einer „technischen Katastrophe“.
Zum anderen, weil das Unternehmen gerade den Glauben an die eigene Stabilität zu vermitteln versucht. Ein stockender Livestream passt da nicht ins Bild. Lewis betont, der Konzern sei „finanziell gefestigt und profitabel“.
Schließlich will Uniper für potenzielle neue Investoren gut dastehen. Denn der Staat muss Uniper aufgrund von EU-Auflagen größtenteils wieder reprivatisieren. Ein neuer Börsengang des Unternehmens oder ein Teilverkauf an Einzelinvestoren stehen im Raum. Für die wenigen verbleibenden Bestandsaktionäre war das aber lediglich ein weiterer Anlass für Kritik.
Aktionäre warnen Uniper vor Investor Kretinsky
Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, mahnte eindringlich: „Der Bund muss ganz genau aufpassen, dass er nicht die Aktien in falsche Hände gibt.“
Dabei bezog er sich auf mögliche Interessenten an Uniper-Anteilen, deren Namen in den vergangenen Monaten ins Spiel gebracht wurden. Dazu zählen neben dem kanadischen Vermögensverwalter Brookfield und dem norwegischen Energiekonzern Equinor auch das Unternehmen Taqa aus Abu Dhabi und der tschechische Milliardär Daniel Kretinsky. Dieser hat bereits die Kontrolle bei dem deutschen Kohlekraftwerksbetreiber Leag übernommen.
Tüngler mahnte zu „Vorsicht bei Kretinsky“. Er appellierte: „Wir sollten uns keine neuen Abhängigkeiten kreieren.“
Auch Justus Henze, Referent bei dem politisch linken Verein „Communia“, fragte: „Wie wollen Uniper und die Bundesregierung sicherstellen, dass es im Falle eines Verkaufs nicht zu einer risikoreichen Abhängigkeit der kritischen Infrastrukturen kommt, zum Beispiel von profitorientierten privaten Investoren aus autoritären Staaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten?“
Lewis betonte, die Entscheidung über den Verkauf liege allein beim Staat. Er sagte, das Uniper-Management setze sich nicht spezifisch für bestimmte Investoren ein, sondern treffe lediglich alle nötigen Vorbereitungen für eine Reprivatisierung.
Befürchtungen vor zu großer Energieabhängigkeit
Eigentlich hatte Uniper-Chef Lewis in seiner Rede selbst die zunehmenden geopolitischen Bedrohungen thematisiert. Er sagte mit Blick auf den vor exakt 80 Jahren zu Ende gegangenen Zweiten Weltkrieg: „Es ziehen neue Wolken auf. Wolken, die neue Herausforderungen ankündigen. Es geht um Energiesicherheit im weiteren Sinn und nicht mehr nur um Versorgung als technische Frage.“
Was das bedeutet, hat Uniper kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine deutlich erlebt. Das Unternehmen importierte damals einen Großteil seines Erdgases über Pipelineverbindungen aus Russland – bis Gazprom seine Gaslieferungen einstellte.
Damit fehlte Uniper das nötige Gas, um Hunderte Großunternehmen und Stadtwerke in Deutschland zu versorgen, die wiederum Gas an Haushalte liefern. Der Konzern musste das fehlende Gas zu Höchstpreisen an kurzfristigen Märkten nachkaufen und rutschte derart in Schieflage, dass der Staat Uniper vor einer Insolvenz retten musste.
Lewis sagte am Mittwoch, aus der staatlichen Rettung ergebe sich für Uniper die Verpflichtung, dazu beizutragen, dass das Angebot an Strom, Gas und Wärme in Deutschland jederzeit verlässlich sei.
Sorge vor unzureichendem Klimaschutz durch Uniper
Einige der Aktionäre hatten da ihre Zweifel. Der Campaigner der Initiative Urgewald, Moritz Leiner, sprach eine neue Liefervereinbarung Unipers für Flüssigerdgas (LNG) an: Vor wenigen Wochen hat das Unternehmen langfristige Gaslieferverträge mit dem Unternehmen Woodside geschlossen, das einen Großteil des Gases aus den USA bezieht.
Leiner sagte, Uniper habe erst kürzlich erklärt, dass es Wert auf Diversifizierung bei seinen Gasimporten lege. „Wie geht das zusammen mit dem stark ausgeweiteten Handel mit US-LNG im Rahmen des Deals mit Woodside?“
Klimaziele, Kraftwerke, Kontroversen: Was bringt der neue Koalitionsvertrag?
Lewis antwortete: „Bei der Strukturierung des Gasportfolios legt Uniper Wert auf eine Diversifizierung der Lieferverträge.“ Der Vertrag mit Woodside sei dabei nur ein Baustein.
Über seine Lieferbeziehungen bestimmt Uniper derzeit eigenständig, ohne den Bund. Wie es langfristig für das Unternehmen weitergeht, hängt aber davon ab, was die neue Bundesregierung mit ihren Uniper-Anteilen macht.
Das gilt auch für die Klimaschutzbemühungen des Konzerns: Mehrere Aktionärsvertreter wollten wissen, ob diese unter neuen Eigentümern womöglich weiter zurückgeschraubt werden würden. Lewis sagte dazu: „Ob die Klimaziele nach der Reprivatisierung angepasst werden müssen, ist spekulativ und kann heute nicht beantwortet werden.“