USA: Havariertes Atomkraftwerk soll Microsofts Energiehunger stillen
New York, San Francisco. Microsoft will seinen wachsenden Energiebedarf ausgerechnet mithilfe des Kernkraftwerks Three Mile Island in Pennsylvania decken – in diesem Meiler hatte sich 1979 der schlimmste Atomunfall der US-Geschichte ereignet.
Ein entsprechendes Abkommen haben der Software-Konzern und der Kraftwerkseigentümer Constellation Energy am Freitag bekannt gegeben.
Das Abkommen sieht vor, dass Constellation das stillegelegte Kraftwerk nahe Harrisburg wieder in Betrieb nimmt und Microsoft 20 Jahre lang mit Strom versorgt. Nach Angaben von Constellation Energy würde das Kraftwerk für diese Aufgabe bis 2028 wieder ans Netz gehen.
Der Deal zeigt, wie der Boom Künstlicher Intelligenz (KI) die Nachfrage nach Energie in neue Höhen treibt. Die komplexen Anwendungen verschlingen in Rechenzentren Unmengen an Strom, und die Energiehersteller diskutieren bereits seit einiger Zeit, wie sie den wachsenden Bedarf decken sollen.
„KI ist eine hungrige Raupe“, warnte der Wirtschaftshistoriker Daniel Yergin vor wenigen Monaten im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Das Wachstum Künstlicher Intelligenz wird die Energiesysteme weltweit auf die Probe stellen.“
Allein für den Strombedarf der KI-Rechenzentren braucht es laut Schätzungen des französischen Elektrotechnikspezialisten Schneider Electric schon jetzt 4,5 Gigawatt. Innerhalb von vier Jahren könnte sich der Bedarf auf fast 19 Gigawatt mehr als vervierfachen. Das entspricht der Leistung von fast 14 Atomkraftwerken. Und der Energiehunger der KI-Rechenzentren ist nur ein Teil des Problems.
Energiehungrige KI-Modelle
„Wenn Ihre Google-Suche mit KI durchgeführt wird, verbraucht sie zehn Mal so viel Energie“, rechnete der ehemaliger US-Energieminister Dan Brouillette vor. Und das Wachstum der KI-Anwendungen steht gerade erst am Anfang. Wichtigster Treiber sind hierbei energieintensive KI-Spezialchips, sogenannte Grafikprozessoren (GPUs), und die nötige Kühlung für die wachsenden Rechenzentren.
„Der steigende Energieverbrauch von KI-Systemen ist ein Menschheitsproblem“, sagte die Nachhaltigkeitschefin des Business-Software-Riesen Salesforce, Sunya Norman, dem Handelsblatt. Es müsse insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels angegangen werden. Auch der Wasserverbrauch durch die Kühlung dürfe nicht unterschätzt werden.
An Lösungen werde gearbeitet: Zum einen müssten Rechenzentren mit CO2-armem Strom versorgt werden, zum anderen könne ihr Bau an kühleren Standorten zu einer Verringerung des Energiebedarfs führen, so Norman weiter. Auch dürfte der Einsatz kleinerer und spezialisierter KI-Modelle den Strombedarf verringern.
Viele KI-Forscher hoffen bislang, durch immer größere Modelle mit immer mehr Datenpunkten immer leistungsfähigere KI-Assistenten erschaffen zu können. Doch das Trainieren der Modelle und die sogenannte Inferenz, also das anschließende Erstellen von Texten, Bildern oder chemischen Verbindungen, benötigen eine enorme Rechenleistung und verbrauchen viel Strom.
Bei Nvidia, dem führenden GPU-Hersteller, ist man sich des Problems bewusst. Laut Nvidia-Chef Jensen Huang soll etwa die im März vorgestellte neue Chiparchitektur „Blackwell“ einen Teil der Probleme lösen. „Unser Ziel ist es, die Kosten und den Energieverbrauch kontinuierlich zu senken“, hattte Huang erklärt.
Um binnen 90 Tagen ein neues großes KI-Sprachmodell mit 1,8 Billionen Datenpunkten zu erstellen, würden auf Basis der bisherigen „Hopper“-Architektur 8000 GPUs benötigt. Es komme zu einem Stromverbrauch von 15 Megawatt, was dem Jahresbedarf einer mittelgroßen Stadt entspricht. Mit Blackwell sind dafür laut Nvidia nur noch 2000 GPUs vonnöten, der Energieverbrauch sinke auf vier Megawatt.
Manager: „Symbol für die Wiedergeburt der Atomkraft“
Trotz aller Effizienzbemühungen dürfte der Energieverbrauch der Technologie-Branche aufgrund des wachsenden Einsatzes von KI-Assistenten, sogenannten Agents, weiter steigen. Dadurch kommen auch Energiequellen wieder ins Gespräch, die eigentlich schon abgeschrieben waren. So gehen viele Beobachter in den USA davon aus, dass fossile Brennstoffe – vor allem Gas – länger gebraucht werden als zunächst gedacht. Auch die Atomkraft könnte eine Renaissance erleben.
Joe Dominguez, der Chef des Kraftwerkseigentümers Constellation, klang nach der Vorstellung des Abkommens mit Microsoft euphorisch: „Diese Entscheidung hier ist das stärkste Symbol für die Wiedergeburt der Atomkraft als saubere und verlässliche Energiequelle“, sagte er am Freitag gegenüber Investoren.
Ins Interesse der Digitalindustrie rücken derzeit aber nicht nur die klassischen AKWs. Auf Hochdruck wird auch an kleineren modularen Reaktoren, sogenannten SMRs, geforscht. Zu den Investoren zählt unter anderem Microsoft-Gründer Bill Gates.
Erst im Juli hatte der Onlinehändler Amazon mitgeteilt, dass die steigende KI-Nachfrage es erforderlich mache, sich mit CO2-armen Energiequellen wie der Kernkraft zu befassen. Amazon ist schon heute einer der größten Abnehmer von Strom aus Windkraft und will bis 2040 CO2-neutral wirtschaften. „Dies wird andere Energiequellen erfordern, als wir ursprünglich geplant hatten“, so Amazon in einer Erklärung.