1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Handel + Konsumgüter
  4. Aufstieg und Fall: Warum Schleckers Riesenreich zusammenbrach

Aufstieg und FallWarum Schleckers Riesenreich zusammenbrach

Anton Schlecker war der Drogeriekönig Europas. Knapp 40 Jahre nach der Eröffnung seiner ersten Filiale ist sein Geschäftsmodell gescheitert. Schleckers Riesenreich zerbricht. Warum alles auf die Insolvenz hinauslief.Kirsten Ludowig, Christoph Schlautmann 27.03.2012 - 08:43 Uhr Artikel anhören

„30 Prozent auf alles“: In vielen Filialen hat der Ausverkauf begonnen.

Foto: dpa

Düsseldorf. Rote Preisschilder, die „30 Prozent auf alles!“ versprechen, verstaubte Deoroller neben billigem Katzenfutter, Verkaufsregale, in denen riesige Lücken klaffen – der Räumungsverkauf in 2200 Filialen der insolventen Drogeriekette Schlecker hebt sich kaum noch von dem Bild ab, mit dem der Filialist aus dem schwäbischen Ehingen bereits in den vergangenen Jahren Kunden zur Konkurrenz trieb.

Wehmut und Betroffenheit bei den Angestellten, Häme bei den Verbrauchern. „Dass die ranzige, olle Filiale hier schließt“, postet eine Handelsblatt-Leserin auf Facebook, „tut mir nicht weh. Schließlich gibt es jetzt einen modernen Rossmann um die Ecke.“ Schleckers Mitarbeiter könnten doch froh sein, schreibt ein anderer, durch die Pleite endlich dem Sklavendienst zu entkommen. Die Geschichte des deutschen Drogerie-Marktführers ist die von Sturheit, Ratlosigkeit und Größenwahn.

Dabei stand eine findige Idee am Anfang. Als 1974 die Preisbindung für Drogerieartikel abgeschafft wurde, die Hersteller wie Nivea oder Tempo bis dahin den Verkaufsstellen vorschreiben durften, witterte Anton Schlecker seine Chance: Er eröffnete kleine, einfache Läden mit wenig Personal – dafür aber überall in Deutschland. Wer bei den Herstellern große Mengen orderte, der bekam bei ihnen hohe Rabatte. Und Schlecker orderte am meisten – schließlich besaß er europaweit rund 11.000 Filialen, zeitweilig das größte Ladennetz des Kontinents.

Schleckers Aufstieg und Fall
Deutschlands gemessen an der Zahl der Filialen größte Drogeriekette ist untrennbar mit der Familie Schlecker verbunden. In rund 36 Jahren wuchs aus den Anfängen in Baden-Württemberg ein europaweit agierender Handelsriese.Wichtige Stationen in Familie und Firma Schlecker:
Anton Schlecker wird am 28. Oktober in Ulm geboren
Schlecker beginnt seine Berufslaufbahn im Unternehmen seines Vaters, einer Fleischwarenfabrik samt 17 Metzgereien. Erste Selbstbedienungswarenhäuser entstehen in mehreren Orten im Südwesten.
Die Preisbindung für Drogerieartikel fällt weg. Zur gleichen Zeit startete auch dm-Gründer Götz Werner seine ersten Gehversuche als Drogerist. Vorher hatte es nur kleine Drogeriefachgeschäfte gegeben.
Schlecker eröffnet in Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) seine erste Drogerie. Zwei Jahre später sind es 100 Filialen.
Der 100. Discounter mit dem Namen Schlecker eröffnet.
Im Jahr 1984 öffnet Filiale Nummer 1000 die Türen.
Als ersten Auslandsmarkt erschließt Schlecker Österreich; später folgen Spanien, die Niederlande, 1991 - durch die Übernahme von „Superdrug“ - Frankreich
Am 22. Dezember überfallen drei Maskierte die Familie Schlecker, als Anton und Christa mit den beiden Kindern Meike und Lars nach Hause kommen; die beiden Kinder werden entführt, ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Nach der Übergabe können sich die 14 und 16 Jahre alten Geschwister am 23.12. selbst befreien. Die Polizei wird erst später informiert. Die Familie zieht sich noch stärker als bisher aus der Öffentlichkeit zurück
Nach dem Fall der Mauer expandiert Schlecker auch relativ schnell in die neuen Bundesländer.
Schlecker betreibt nach eigenen Angaben rund 5000 Läden; zugleich werfen Gewerkschafter dem Konzern vor, Mitarbeiter systematisch zu schikanieren und zu schlecht zu bezahlen - solche Kritik prägt in den kommenden Jahren immer wieder die Schlagzeilen über den „Drogeriekönig“. Schlecker weist Vorwürfe stets zurück und spricht von Einzelfällen.
Schlecker übernimmt zum Ende des Jahres die ehemals insolvente Osnabrücker Kette "Ihr Platz"
Das Amtsgericht Stuttgart erlässt gegen Christa und Anton Schlecker Strafbefehle von jeweils zehn Monaten auf Bewährung wegen vielfachen Betrugs - weil sie Mitarbeitern eine tarifliche Bezahlung bloß vorgetäuscht hätten.
Der Drogerieriese macht nach Gewerkschaftsangaben 52 Millionen Euro Verlust bei 7,42 Milliarden Euro Umsatz
Im Januar erneute Kritik über Arbeitsbedingungen bei Schlecker, wo bestehende Arbeitsplätze mit Leiharbeitsverträgen ersetzt werden sollten; die Bundesregierung will mit einer „Lex Schlecker“ gegensteuern. Zugleich muss der Drogerieriese einen Umsatzrückgang von rund 650 Millionen Euro auf noch etwa 6,55 Milliarden, davon 4,51 Milliarden Euro im Inland, hinnehmen und schreibt weiter rote Zahlen.
Patriarch Anton Schlecker holt im November seine Kinder Meike und Lars in die Führungsspitze und gibt einen Teil seiner Verantwortung ab; der Familienrat bleibt aber wichtigstes Entscheidungsgremium
Schlecker beginnt einen radikalen Umbau seines Filialnetzes; aus den überall verfügbaren Billigläden sollen hochwertige Drogerien in der Nachbarschaft werden - samt Slogan „For You. Vor Ort.“; Neue Führungsgrundsätze sollen schlechte Mitarbeiterführung ein für alle Mal verhindern; das Magazin „Forbes“ führt Anton Schlecker auf seiner Reichen-Liste noch mit 3,1 Milliarden Dollar Vermögen (rund 2,4 Milliarden Euro)
Nach Wochen voller Gerüchte um finanzielle Engpässe gibt Schlecker am 20. Januar bekannt, in die Planinsolvenz gehen zu wollen.

Der Aufstieg zu Europas Drogeriekönig versetzte Außenstehende in Erstaunen. 1977 weihte Schlecker den hundertsten Laden ein, sieben Jahre später den tausendsten. Und auch in den 90er-Jahren hieß es: Wachsen, wachsen, wachsen – auch im Ausland. Schon 1994 besaß Schlecker 5000 Filialen und bekam die besten Konditionen beim Einkauf. Es waren goldene Zeiten.

Die Preisabschläge, so das Kalkül des Firmengründers, konnte er an die Kunden weiterreichen. Das wiederum steigerte den Umsatz und Schleckers Einkaufsmacht gegenüber der Industrie – ein scheinbares Perpetuum mobile.

Stimmen von Experten, die schon vor einem Jahrzehnt vor einer Marktsättigung warnten, schlug der gelernte Metzgermeister in den Wind. Weil der Umsatzzuwachs aber immer schwieriger zu bewerkstelligen war, wagte sich der heute 68-Jährige mit seinen Läden selbst in die tiefste Provinz. Kein Provinznest, das vor den blau-weißen Verkaufsstellen mit dem großformatigen „Schlecker“-Logo sicher war.

Ende nach Ladenschluss: Eine Schlecker-Filiale wird in München geschlossen.

Foto: dpa
Infografik

Welche Schlecker-Filialen überleben

Auf dem flachen Land war Schlecker zwar den meist kleinen, selbstständigen Drogeristen haushoch überlegen. Auch die Ladenmieten fielen dort deutlich günstiger aus als für die Wettbewerber Rossmann oder DM. Die eröffneten vorzugsweise in gut besuchten, aber auch teuren Fußgängerzonen. Doch auf einen Ansturm der Kunden warteten die schmucklosen Schlecker-Läden an ihren entlegenen Standorten in der Regel vergeblich.

Ab der Jahrtausendwende verschlimmerte sich die Lage. Zwar wuchs Schlecker immer noch, aber nicht mehr so stark. Gleichzeitig formierten sich die bis dahin eher kleinen Rivalen DM in Karlsruhe und Rossmann in Hannover. Sie hatten ihre Ketten fast zeitgleich mit Schlecker gegründet, bei der Expansion aber auf die richtigen, das heißt umsatzstarken Standorte geachtet. Zudem setzten beide – anders als Schlecker – auf Lifestyle, Verkaufsambiente und Produkte, die den neuen Bio-Trends entsprachen.

Dann passierte das, was den Drogeriemarkt umkrempelte: DM und Rossmann erklärten sich und Schlecker den Kampf. Rossmann übernahm die Tengelmann-Tochter KD, wagte sich raus aus Norddeutschland und expandierte nach Süden. DM reagierte umgehend und ging nach Norden.

Auch kleinere Ketten wie Budnikowsky in Hamburg oder Müller wurden stärker. „Budni“ überzeugte seine Kundschaft durch lokales Kolorit, Müller dagegen expandierte geschickt nach einem Baukasten-Prinzip. Wo es die lokalen Märkte hergaben, nahm das Ulmer Familienunternehmen kurzerhand auch Spielwaren, Musikartikel, Schreibwaren oder Parfümerieartikel ins Sortiment. Und dann stiegen noch Discounter wie Aldi und Lidl in das Drogeriegeschäft ein. Nur Schlecker blieb beim Althergebrachten: Wachsen, wachsen, wachsen – auch mit unrentablen Standorten.

Die Masse an umsatzschwachen Filialen machte Schlecker unproduktiv.

Foto: dpa

Mit gravierenden Folgen: Die öden Schlecker-Läden lockten immer weniger Kunden. Die suchten das Einkaufserlebnis bei der Konkurrenz in größeren und schöneren Läden – und am Ende sogar mit besseren Preisen. Schleckers Kalkül: billig, oder zumindest so tun, ging nicht mehr auf.

Der schwäbische Drogeriekönig reagierte mit Sparsamkeit. Viele der Schlecker-Läden wirkten bald im Vergleich grau, verstaubt – fast schäbig. Alles Geld floss schließlich in die Expansion. Und: DM und Rossmann machten Schlecker die wohl wichtigste Zielgruppe abspenstig: die Mütter. Während die bei der Konkurrenz auf dem Weg zu Windeln und Babypuder durch breite Gänge mit Shampoos, Cremes und Kosmetik flanieren können, passt zwischen die Regale so mancher Schlecker-Filiale nicht einmal der Kinderwagen – so eng ist es.

Auch mit dem Service konnte Schlecker nicht punkten. Meist ist nur eine Mitarbeiterin im Laden: Sie kassiert, räumt die Regale ein, berät die Kunden – und wirkt eher gehetzt als freundlich.

Immer wieder gab es Klagen über schlechte Behandlung, Tarifflucht und Dumpinglöhne. In Köln wurde eine Verkäuferin vor Jahren zum tödlichen Opfer eines Räubers. Aus Kostengründen befand sich in der Filiale kein Telefon, mit dem sie hätte um Hilfe rufen können. 1998 verurteilte das Stuttgarter Landgericht Anton und Ehefrau Christa Schlecker zu einer Bewährungs- und Geldstrafe. Der Grund: Verstoß gegen gültige Tarifverträge, zum Teil in betrügerischer Absicht.

Noch kurz vor dem Insolvenzantrag sorgte die Kette in Sachen Mitarbeiter-Drangsalierung für Negativschlagzeilen. Schlecker hatte einen Teil der Belegschaft in eine konzernnahe Zeitarbeitsfirma abgeschoben. Von ihr sollten Filialen künftig ihr Personal beziehen – zum noch günstigeren Zeitarbeiter-Tarif. Erst öffentliche Proteste verhinderten die Umsetzung.

Und so wurde ein hausgemachtes Problem, das Schlecker von Beginn an begleitete, zu einer existenziellen Bedrohung. Schlecker hat – in Relation zum Umsatz – deutlich höhere Kosten als die Konkurrenz, allein wegen der Masse an kleinen, umsatzschwachen Filialen und der vielen Mitarbeiter. Götz Werner, Gründer von DM, bezeichnete Schlecker einst als das „unproduktivste Unternehmen der Branche“. Im Schnitt misst eine Schlecker-Filiale etwa 200 Quadratmeter, die der Konkurrenz sind mehr als doppelt so groß.

Wie schlecht es Schlecker ging, erläuterte Wettbewerber Dirk Roßmann zuletzt mehrmals mit einem Verweis auf die Verkaufsleistung pro Quadratmeter. Mit einem monatlichen Umsatz der Filialen von im Schnitt 20.000 Euro könne man auf Dauer kein erfolgreiches Drogeriemarkt-Konzept betreiben, warnte er in der Zeitschrift „Focus“. „Rossmann und DM kommen monatlich im Schnitt auf Erlöse von 300.000 Euro.“

Verwandte Themen
ROSSMANN
Budnikowsky
Lidl

Zwar versuchte es zuletzt auch Schlecker mit XL-Läden und einem Ladenkonzept, das „einladender wirken“ sollte. Zu spät: Die Kunden kamen nicht zurück. Das Geschäftsmodell, das noch heute unter dem schrägen Schlecker-Slogan „For you. Vor Ort“ steht, ist gescheitert. Schlecker macht seit 2006 Verluste, allein 2011 waren es 200 Millionen Euro.

Dass viele etwas davon ahnten, niemand aber Genaueres wusste, verdankt Schlecker seiner Geheimniskrämerei. Von Beginn an firmierte er als reine Personengesellschaft, die – anders als DM oder Rossmann – ihre Geschäftszahlen für sich behalten durfte.

Auch Banken hätten in Schleckers Riesenreich Probleme gehabt, Sicherheiten für Kredite zu finden. Mussten sie auch nicht, weil Schlecker sich weitgehend über Lieferantenkredite finanzierte. Das einem Schneeballsystem vergleichbare Konzept sollte sich am Ende bitter rächen: Weil keine Bank von der Insolvenz ernsthaft betroffen ist, findet sich nun auch kein Institut, das sich ernsthaft für die Rettung Schleckers interessiert.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt