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Black Friday 2024Wie riskant ist Temu an Black Friday?

Für viele sind die Schnäppchen auf Temu auch zu Black Friday verlockend. Doch es gibt viele kritische Fragen – nicht nur zur Qualität der Billigprodukte. Was Kunden beachten sollten.Florian Kolf 28.11.2024 - 08:48 Uhr Artikel anhören
Ein Einkauf bei der chinesischen Billig-App Temu kann riskant sein. Foto: NurPhoto/Getty Images

Düsseldorf. Wer auf Temu unterwegs ist, könnte denken, es wäre das ganze Jahr Black Friday, nicht nur am letzten Freitag im November. Auf der chinesischen Shoppingplattform gibt es auf fast jedes Produkt Rabatte von bis zu 90 Prozent.

Viele Verbraucher sehen Temu deshalb auch als Alternative zu den Black-Friday-Angeboten, mit denen Amazon und viele andere Onlinehändlern werben. Und natürlich preist auch Temu seine Schnäppchen-Parade, vom Küchenmesser über den Fleecepullover bis zum beleuchteten Toilettensitz, derzeit unter dem Schlagwort Black Friday an.

Doch Kunden sollten sich gut informieren, bevor sie über die Plattform einkaufen. Denn Experten und Verbraucherschützer sehen etliche kritische Punkte.

Wie funktioniert Temu?

Temu ist ein Onlinemarktplatz, über den Tausende Händler und Hersteller ihre Waren verkaufen. Temu selbst verdient nur an den Vermittlungsprovisionen. Es gibt ein breites Sortiment, von Elektronik über Mode, Spielwaren, Gartengeräten und Dekoartikeln bis Schreibwaren.

Die Plattform wirbt bei allen Angeboten sehr offensiv mit Rabatten auf den angeblich vom Hersteller empfohlenen Preis und bombardiert den Nutzer mit Angeboten und Gutscheinen.

Wer steckt hinter Temu?

Temu ist ein Ableger des chinesischen E-Commerce-Riesen Pinduoduo, der auch als PDD Holdings an der US-Börse Nasdaq notiert ist. Gegründet wurde er 2015 von Colin Huang, dessen Vermögen von Bloomberg heute auf rund 30 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, womit er der viertreichste Mensch in China wäre.

Was unterscheidet Temu von Amazon?

Temu kann man zwar auch über den Browser aufrufen, die Plattform ist aber für die App optimiert. Man kann sich durch das Sortiment scrollen wie bei einer Social-Media-Seite. Der Kunde soll sich also eher zum Kauf inspirieren lassen, statt gezielt Produkte zu suchen wie bei Amazon.

Der Nutzer muss sich anmelden, um einkaufen zu können. Es gibt Spiele, bei denen man Gutscheine oder Gratisartikel gewinnen kann.

Der Konsument wird unter Druck gesetzt mit angeblich zeitlich begrenzten Angeboten und Rabatten, die ihn zur Kaufentscheidung drängen. In der Regel aber läuft der Zähler von Neuem los, wenn die Zeit abgelaufen ist.

Wo kommen die Waren von Temu her?

Praktisch alle Waren kommen aus China, in der Regel direkt vom Hersteller. Der Standardversand ist immer kostenlos. Das Angebot ist deutlich umfangreicher als bei anderen Plattformen wie Amazon oder Otto. Viele Produkte kosten weniger als einen Euro, sind aber häufig auch von minderer Qualität. Oft gibt es auf Waren noch Mengenrabatt, wenn man mehrere bestellt.

Warum ist Temu so billig?

Da die Temu-Verkäufer die Waren in der Regel direkt aus China liefern, spart sich die Plattform eine teure Lagerlogistik, es entfallen auch die Kosten für Zwischenhändler. Außerdem muss für Warensendungen aus China mit einem Wert von unter 150 Euro kein Zoll gezahlt werden. Zudem handelt es sich meist um No-Name-Produkte, bei denen die Kunden keine Gewähr haben, wie gut die Qualität tatsächlich ist.

Colin Huang Zheng ist der Gründer von Pinduoduo und steckt auch hinter Temu. Foto: imago images/VCG

Wie lang sind bei Temu die Lieferzeiten?

Die Kehrseite der Lieferung direkt aus China und der dadurch günstigen Preise ist es, dass die Lieferzeiten vergleichsweise lang sind. Temu selbst spricht davon, dass die Waren in der Regel zwischen fünf und vierzehn Tagen unterwegs sind.

Kunden berichten aber auch, dass sie noch länger gewartet haben. Temu schreibt den Kunden jedoch fünf Euro für die nächste Bestellung gut, wenn die angegebene Lieferzeit überschritten wurde.

Wie bewerten die Kunden ihre Temu-Bestellungen?

Auf der Bewertungsplattform Trustpilot wird Temu zurzeit zu 35 Prozent mit fünf Sternen, aber auch zu 45 Prozent mit einem Stern bewertet. Im Schnitt gibt es 2,6 von fünf Sternen (Stand: November 2024).

Auffällig ist, dass Temu sehr aktiv Ein-Sterne-Bewertungen löschen lässt. In den vergangenen zwölf Monaten hat das Unternehmen versucht, fast 11.000 Bewertungen bei Trustpilot entfernen lassen. Zum Vergleich: Otto.de hat in den vergangenen zwölf Monaten gerade mal fünf Bewertungen beanstandet.

Wie sicher ist es, bei Temu zu bestellen?

Zahlreiche Kunden berichten in Foren von beschädigten Artikeln, falschen Produkten oder Sendungen, die nicht angekommen sind – und davon, dass der Kundendienst in solchen Fällen oft nicht hilfreich war.

Zwar wirbt Temu damit, dass in diesen Fällen der Kaufpreis zurückerstattet wird. Aber in den Standardantworten im Kundendienst-Chat, die meist erkennbar von einem Chatbot geschrieben wurden, verweist die Plattform gerne auf die Verantwortung der Dritthändler und Hersteller, mit denen der Kunde ja den Kaufvertrag geschlossen hat.

Chinesische Händler bieten ihre Waren bei Temu direkt und ohne Zwischenhändler an. Foto: IMAGO/20 Minuten

Kann man bei Temu Ware zurückschicken?

Retouren sind bei Temu grundsätzlich kostenlos. Außerdem schreibt die Plattform: „Alle Artikel im Originalzustand können innerhalb von 90 Tagen nach dem Verkauf vollständig erstattet werden.“ Das heißt also im Umkehrschluss nicht, dass der Kaufpreis auch tatsächlich erstattet wird.

Auf der Bewertungsplattform Trustpilot berichten Temu-Kunden, dass sie sich um die Rückerstattung streiten mussten oder diese verweigert wurde.

Wie nachhaltig ist der Einkauf über Temu?

Dass selbst kleinste Artikel per Luftfracht einzeln aus China geliefert werden, sollte jedem Kunden zu denken geben. Grundsätzlich dürften die Billigartikel auch eher schneller kaputt gehen, was ebenfalls gegen eine große Nachhaltigkeit spricht. Auch werden Kunden durch die massive Werbung mit Rabatten und Gutscheinen dazu verleitet, mehr zu kaufen, als sie eigentlich wollten.

Temu selbst schreibt, soziale Verantwortung sei einer der Grundwerte des Unternehmens, und verspricht, CO2-Emissionen zu kompensieren. Überprüfen lässt sich das nicht. Christoph Tripp, Professor für Handelslogistik an der Uni Nürnberg, urteilt auf dem Fachportal „Onlinehändler News“: „Soziale und ökologische Nachhaltigkeit stehen beim Geschäftsmodell hintenan und sind kritisch zu sehen.“

Warum wird vor Temu gewarnt?

Angesichts der oft minderen Qualität der Waren gibt es auch Sicherheitsbedenken, etwa bei Spielzeug oder Elektroartikeln. Es tauchen beispielsweise immer wieder Waren auf ohne oder mit gefälschtem CE-Zeichen. Dieses Zeichen soll garantieren, dass Elektroartikel den Sicherheitsrichtlinien in der EU entsprechen. Die Verbraucherzentrale empfiehlt deshalb, bei Käufen über Temu nicht in Vorkasse zu gehen, sondern erst zu zahlen, wenn man die Ware erhalten und geprüft hat.

Dafür sprechen auch die Erkenntnisse der Bundesnetzagentur. Sie hat im vergangenen Jahr stichprobenartig 5.000 Warensendungen aus sogenannten Drittstaaten kontrolliert. 92 Prozent der getesteten Produkte haben ihr zufolge nicht den EU-Vorschriften entsprochen.

Wann kann der Direktkauf über Temu heikel sein?

Wer eine Ware direkt in China bestellt, wird damit juristisch zum Importeur und ist damit auch – anstelle des Herstellers – haftbar für Schäden, die durch die Ware angerichtet werden. Wer beispielsweise einen Staubsauger mit Akku oder einen E-Scooter über Temu bestellt und an Bekannte oder Freunde verleiht, kann bei einem Brand oder anderen Schäden, die durch das Produkt entstehen, möglicherweise haftbar gemacht werden.

Und auch bei Fälschungen von Markenprodukten ist Vorsicht geboten: Wenn Temu-Sendungen einen Warenwert von weniger als 150 Euro haben, werden sie vom Zoll in der Regel nicht genauer kontrolliert. Doch werden beispielsweise mehrere gefälschte Produkte sicherstellt, kann eine Bestellung beim Verdacht eines gewerblichen Handels auch durch die Behörden vernichtet werden.

Wie hält es Temu mit dem Datenschutz?

„Temu macht keinen Hehl daraus, an personenbezogenen Daten interessiert zu sein und diese auch für kommerzielle Zwecke zu nutzen“, warnt die Verbraucherzentrale. Die App verlangt Zugriff auf Fotos, Videos, das Adressbuch und sogar WLAN-Daten.

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Temu versichert in einer Kundeninformation in der App: „Die Sicherheit deiner personenbezogenen Daten ist uns wichtig.“ Außerdem betont das Unternehmen, die Daten europäischer Kunden würden „standardmäßig in der Infrastruktur von Cloud-Service-Anbietern im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gespeichert“. Die Sicherheitsanalysefirma Joe Sandbox jedoch beurteilt die Temu-App als „malicious“, also bösartig. Das Fachportal „c’t Magazin“ bezeichnet die App als „potenzielle Wanze“ und empfiehlt, statt der App die Website von Temu für Einkäufe zu nutzen.

Dieser Artikel erschien bereits am 25.01.2024. Der Artikel wurde am 27.11.2024 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.

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