Druck auf Lufthansa steigt: Turkish Airlines greift nach dem fünften Stern
Bequeme Sitze und Kopfhörer mit Rauschunterdrückung.
Foto: PressebildBerlin. Kübelweise ergoss sich einst der Spott der Luftfahrtbranche über Turkish Airlines. Als „Gastarbeiter-Flieger“ wurde der Sponsor von Borussia Dortmund belächelt, weil er zur Sommerzeit türkische Malocher aus dem Ruhrgebiet in die Heimat flog. Boshaft übersetzten viele das Kürzel der Gesellschaft „THY“ mit „They hate you“ („Sie hassen dich“).
Die Kritiker aber dürften sich nun verwundert die Augen reiben: Die einst staatliche Fluggesellschaft, die inzwischen mehrheitlich an der Börse gelistet ist, greift nach der höchsten Qualitätsauszeichnung in der Luftfahrt: dem fünften Stern der international anerkannten Ratinggesellschaft Skytrax.
„Wir arbeiten mit unserem Team hart daran, dieses Rating zu bekommen“, sagte Ilker Ayci, Vorstandschef der Airline, dem Handelsblatt. Man sei dabei, das Kabinen-Interieur aufzuwerten, habe die Businessclass mit hochwertigen Kopfhörern für die Geräuschunterdrückung ausgestattet und in eine Firma investiert, die nun edle Sitze liefert. Bis es mit dem fünften Stern so weit sei, räumte er ein, könne es allerdings noch etwas dauern.
Gutes Ergebnis beim Cashflow
Derzeit besitzen diese Auszeichnung lediglich sechs Fluggesellschaften aus Fernost und der Golf-Flieger Qatar Airways. Die britische Unternehmensberatung Skytrax bewertet jährlich die Qualität von Fluglinien und Airports. Überprüft werden dabei rund 800 einzelne Produkt- und Dienstleistungsbereiche. Die Qualität der Sitze spielt dabei ebenso eine Rolle wie ein zügiges Boarding, die Mahlzeiten oder das Unterhaltungsprogramm.
Der Turkish-Airlines-Chef hat ehrgeizige Ziele.
Foto: AFP
Wie Turkish Airlines bemüht sich aktuell auch die Deutsche Lufthansa, mit dem fünften Stern ausgezeichnet zu werden – was manche Flugexperten für eine kaum zu finanzierende Angelegenheit halten. Angesichts ihres auf zwei Milliarden Euro eingebrochenen Cashflows deckelte die Airline 2015 ihre Investitionen auf 2,5 Milliarden Euro und kündigte an, einige Flugzeug-Bestellungen aufzuschieben.
Anders Turkish Airlines. Obwohl die Fluggesellschaft vom Bosporus 2015 mit zehn Milliarden Dollar nur ein Drittel so viel einnahm wie die Lufthansa, blieben ihr als operativer Cashflow fast 1,4 Milliarden Dollar – Geld, mit dem sich die Flotte nicht nur verbessern lässt.
Lufthansa reagiert auf Bedrohung
„Wir werden allein dieses Jahr 43 neue Flugzeuge in Dienst stellen“, sagte Ayci, darunter auch mehrere Langstreckenflieger vom Typ Airbus 330 und Boeing 777. Bis zum Jahr 2023, wenn sich die Staatsgründung der Türkei zum einhundertsten Mal jährt, soll die Flotte auf über 500 Maschinen wachsen – von aktuell 304.
Helfen soll dabei vor allem der neue Istanbuler Megaflughafen, dessen Eröffnung für Februar 2018 vorgesehen ist. „Von dort erreichen wir 54 Länder in weniger als vier Stunden“, schwärmt der Airline-Chef. Schon in der ersten Ausbaustufe soll die Drehscheibe 90 Millionen Passagiere pro Jahr befördern, später sind 120 Millionen geplant.
Damit wird Turkish seinem „Star Alliance“-Partner Lufthansa immer gefährlicher. Der reagierte auf die Bedrohung Ende 2014, indem er die bei Turkish gesammelten Meilengutschriften nur noch mit einem deutlichen Abschlag anerkannte. „Wir verhandeln darüber immer noch“, sagte Ayci. Der Vorstandsvorsitzende zeigt sich dennoch optimistisch: „Mit dem nötigen Respekt und Wohlwollen werden wir bald eine Lösung finden.“
Deutschlandflüge voll ausgelastet
Immerhin arbeite man mit der Lufthansa schon seit drei Jahrzehnten bei der Gemeinschaftsfirma „Sunexpress“ erfolgreich zusammen. Die ursprünglich als Ferienflieger gegründete Gesellschaft, die seit kurzem auch per Chartervertrag das Low-Cost-Konzept von Eurowings auf der Langstrecke unterstützt, warf 2015 immerhin 86 Millionen Euro Nettogewinn ab, wie der Turkish-Airlines-Chef verriet. „Für weitere Gespräche mit der Lufthansa steht unsere Tür offen“, ergänzte er. Erste Resultate kündigte Sunexpress-Chef Jaan Albrecht bereits auf der Berliner Touristikmesse ITB an. Er werde Eurowings ab Ende März auch Mittelstreckenflieger zur Verfügung zu stellen.
Deutlich stockender läuft für Turkish offenbar die geplante Expansion der eigenen Billigfluglinie Anadolujet nach Deutschland. „Es gibt dazu immer noch keine Entscheidung unseres Aufsichtsrats“, sagte Ayci. Dabei wäre es für die 25 in Ankara stationierten Flugzeuge leicht, auch deutsche Ziele anzufliegen. Turkish Airlines könnte ihnen dazu einfach ein Codesharing anbieten. Bislang aber, gibt Ayci zu bedenken, seien die Deutschlandflüge seiner Linienfluggesellschaft immer noch voll ausgelastet.
Auch Air-France verschiebt Maschinen
Doch den Türken rennt die Zeit davon. Nicht nur der Low-Cost-Rivale Ryanair expandiert derzeit in Deutschland massiv, auch andere Billigairlines starten hierzulande durch: Die erst vor vier Jahren in Island gegründete Wow Air hebt mit ihren Interkontinentalflügen ab Juni auch von Frankfurt ab, nachdem sie bereits von Berlin und Düsseldorf fliegt. Die Airline des Unternehmers Skuli Mogensen nutzt mit ihren Airbus-A320/321-Fliegern das isländische Keflavik als Zwischenstopp, um damit demnächst selbst Ziele wie San Francisco, Los Angeles, Toronto oder Montreal zu erreichen.
Zudem stationiert die Air-France-KLM-Billigtochter Transavia Ende März vier Boeing 737 in München, um von dort 19 europäische Ziele anzusteuern. „Die Buchungen sind schon jetzt sehr erfolgreich“, sagte der kaufmännische Leiter Roy Scheerder dem Handelsblatt. „Unser Interesse ist es, auch von anderen deutschen Flughäfen zu starten“, kündigte er an. Viele davon seien allerdings von Wettbewerbern schon stark besetzt.