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Einzelhandel Händler stellen sich auf Corona-Lockdown bis Ostern ein – und fürchten Pleiten

Der Handel ist an der Schmerzgrenze, die Hoffnung auf rasche Öffnungen schwindet. Statt auf Hilfen der Politik zu warten, werden Unternehmer selbst aktiv.
15.01.2021 - 10:27 Uhr 2 Kommentare
Wenn der Lockdown im Einzelhandel bis Ostern anhält, fürchten viele Unternehmen um ihre Existenz. Quelle: dpa
Geschlossene Einzelhandelsgeschäfte Stuttgart

Wenn der Lockdown im Einzelhandel bis Ostern anhält, fürchten viele Unternehmen um ihre Existenz.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, München Leere Fußgängerzonen, verschlossene Türen: Der Lockdown verändert das Bild der vom Einzelhandel geprägten Innenstädte. Noch hoffen viele, dass ab Februar die Geschäfte wieder öffnen dürfen. Doch unter den Händlern grassiert die Angst.

Es wird zusehends klarer, dass die aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie noch deutlich länger aufrechterhalten werden. „Wir Händler müssen uns auf den schlimmsten Fall vorbereiten, denn wir müssen davon ausgehen, dass der Lockdown noch bis Ostern andauert“, warnt Marcus Diekmann, Geschäftsführer des Fahrradhändlers Rose Bikes aus Bocholt.

Weil die Inzidenzzahlen weiter hoch sind, fürchte ich, dass der Politik gar keine andere Wahl bleibt, als den Lockdown zu verlängern“, prognostiziert auch Alexander Gedat, der den Modehändler Gerry Weber führt. „Trotzdem hoffen wir auf eine frühere Öffnung und benötigen das dringend“, appelliert er.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Bundesländer wollen sich möglicherweise schon nächste Woche erneut treffen und über eine Verlängerung der Maßnahmen im Rahmen der Corona-Pandemie beraten. Zahlreiche Ministerpräsidenten hatten bereits angedeutet, dass sie ein rasches Ende des Lockdowns für nicht realistisch halten. Die Rede war dabei von bis zu acht weiteren Wochen, also bis Ende März.

„Es ist verheerend und unverantwortlich, den Handel bis Ostern zu schließen“, warnt Silvia Bentzinger, Chefin des Hemdenherstellers Seidensticker, der 33 eigene Shops betreibt. Bentzinger sorgt sich aber auch um die vielen kleinen Modehändler, die Hemden und Blusen ihres Unternehmens verkaufen. „Für viele Händler gibt es dann gar keine Möglichkeit mehr, ihre Existenz noch zu sichern“, fürchtet sie. Viele hätten keinen Umsatz mehr, aber trotzdem weiter Fixkosten.

Die Insolvenz abwenden

Eine aktuelle Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) unter 1500 Händlern ergab, dass 80 Prozent von ihnen davon ausgehen, dass die derzeitigen Hilfsmaßnahmen nicht zur Existenzsicherung reichen. Die Hälfte der Befragten geht davon aus, dass sie ohne zusätzliche staatliche Unterstützung im Laufe dieses Jahres aufgeben müssen.

Sollte der Lockdown tatsächlich bis Ostern dauern, wäre das „eine Katastrophe“, meint Helmut Hagner, Unternehmensleiter der Frey-Handelsgruppe im bayerischen Cham. „Das würde bedeuten, dass wir auf einem großen Teil der bereits georderten Frühjahrsware sitzen bleiben würden.“ Es sei schon das Wintergeschäft zumindest teilweise ausgefallen und damit ohnehin viel Ware auf Lager. Das Familienunternehmen in sechster Generation betreibt vier Modegeschäfte und drei Einrichtungshäuser.

Ein monatelanger Lockdown „wäre der Todesstoß für sehr viele Modehändler“, ist Hagner überzeugt. Sollten die Läden tatsächlich so lange schließen müssen, würde das auch Geschäfte hart treffen, die momentan noch weniger beeinträchtigt seien, etwa Möbelhäuser, Elektromärkte sowie Bau- und Gartencenter.

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„Eine kolportierte Verlängerung des Lockdowns von acht bis zehn Wochen wird im gesamten Handelsumfeld die Insolvenzgefahr drastisch erhöhen – und wir werden in der Folge Geschäftsaufgaben sehen“, sagt Alexander von Preen, Vorstandschef von Intersport, einem Einkaufsverbund von 1500 Sportfachhändlern. „Die Existenznot wird bei den zwar in Aussicht gestellten, aber bis dato nicht zugeflossenen Unterstützungsleistungen von Bund und Ländern weiter steigen“, schimpft er.

„Es ist eine sehr, sehr schwierige Zeit für uns“, bestätigt Konstantin Rentrop, Geschäftsführer von Sport Schuster. Das mehr als 100 Jahre alte Traditionshaus am Münchener Marienplatz genießt den Ruf, eines der besten Sportgeschäfte Deutschlands zu sein. „Wir stellen uns auf einen Lockdown bis Ostern ein“, sagt Rentrop.

Das zehre an der Substanz des Familienunternehmens, so der Manager. Dezember und Januar seien für Sport Schuster die wichtigsten Monate. Einer der größten Umsatzbringer sind Alpin-Skier. 3000 Paar hat Schuster auf Lager, sie sind momentan so gut wie unverkäuflich.

In Worst-Case-Szenarien denken

Nach Ansicht der Fachleute ist es höchste Zeit, zu retten, was zu retten ist. „Die Unternehmer dürfen jetzt nicht mehr auf den Staat hoffen, sondern müssen rasch mit Vermietern, Lieferanten und Banken sprechen, um ihre Kosten runterzubekommen und die Finanzierung auch bei hohen Umsatzausfällen weiter zu sichern“, rät Händler Diekmann. Sie müssten alle Geschäftspartner in die Pflicht nehmen, um ihre Kosten so weit wie möglich in Richtung null zu drücken. „Sie müssen jetzt praktisch in eine Art Winterschlaf wechseln.“

Das Problem: Viele Händler scheinen immer noch zu hoffen, dass sie bald wieder öffnen können. Gerade Familienunternehmen scheuten sich häufig, in Worst-Case-Szenarien zu denken, beobachtet Konrad Fröhlich, Restrukturierungsexperte beim Beratungsunternehmen Struktur Management Partner. „Viele Unternehmer wissen nicht einmal, wie sich Krise wirklich anfühlt“, sagt er. Weil es in der Vergangenheit lange gut gegangen sei, seien die meisten auf eine solche Situation nicht vorbereitet.

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Seidensticker-Chefin Bentzinger nennt das, was jetzt zu tun ist, „blutstillende Maßnahmen“. Der Hersteller habe durch einen Kredit mit einer Landesbürgschaft seine eigene Finanzierung abgesichert. Nun versuche er, durch Maßnahmen den wichtigen Absatzkanal der unabhängigen Händler zu retten, etwa durch Verlängerung der Zahlungsziele. Denn trotz eines Ausbaus des Onlinehandels macht auch für Seidensticker der Verkauf über stationäre Geschäfte noch mehr als 70 Prozent des Umsatzes aus.

„Die Händler müssen jetzt ganz dringend die Kosten im Griff halten und die Liquidität sichern“, sagt Gerry-Weber-Chef Gedat. Das Wichtigste sei, mit den Vermietern über eine Reduzierung der Mieten zu verhandeln. Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 war das noch schwieriger.

Da gab es nur die Möglichkeit, die Miete zu stunden. Später musste sie dann in der Regel mit acht Prozent Zinsen zurückgezahlt werden. Das verschob die Belastung der Liquidität nur.

Jetzt hat der Gesetzgeber die Möglichkeit geschaffen, sich bei einem staatlich angeordneten Lockdown auf den „Wegfall der Geschäftsgrundlage“ zu berufen, wodurch er das Recht bekommt, eine Anpassung der Miete zu fordern, wenn er seinen Laden schließen muss. „Das bedeutet, dass wir die Miete mindestens halbieren können“, sagt Gerry-Weber-Chef Gedat.

Nicht auf staatliche Hilfe warten

Für kleinere Händler ist das nicht immer so klar. Natürlich sucht auch Sporthändler Schuster den Kontakt zu den Vermietern, um die Zahlungen zu mindern. „Das werden sicher keine einfachen Gespräche“, ahnt Geschäftsführer Rentrop. Alle neuen Investitionen hat Sport Schuster erst einmal gestoppt.

Von der Politik fühlt sich die Handelsbranche eher alleingelassen. „Anders als die Gastronomie bekommen die Händler vom Staat ja so gut wie gar keine Hilfe“, schimpft Gedat. „Diese Ungleichbehandlung ist eine Katastrophe.“ Bei Sporthändler Schuster hat es bis August gedauert, bis die Hilfsgelder aus dem ersten Lockdown flossen. Denn es geht mittlerweile nicht mehr nur um den Handel. „Je länger der Lockdown dauert, desto stärker stellt er auch die Hersteller vor immense Probleme“, sagt Seidensticker-Chefin Bentzinger.

Das sieht auch Intersport-CEO von Preen. „Wir sind mit unseren Lieferanten zu jeder Zeit im Austausch und versuchen, partnerschaftlich Lösungen für verlängerte Zahlungsziele und Valutierungen zu finden“, erklärt er. Aber man dürfe hierbei eins nicht vergessen: „Neben den großen, börsennotierten Unternehmen haben wir vor allem auch viele mittelständische und immer noch familiengeführte Partner als Lieferanten, die ebenfalls stark von der Coronakrise betroffen sind.“

Mehr: Der Einzelhandel wird sich immer stärker spalten – der Branchenausblick für 2021.

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2 Kommentare zu "Einzelhandel: Händler stellen sich auf Corona-Lockdown bis Ostern ein – und fürchten Pleiten"

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  • Händler fürchten Pleiten - die sind doch schon längst da.

  • eine unmittelbare Folge (und natürlich auch die "Mehrtoten") unserer "wir schaffen das" Mentalität.

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