Familienunternehmer: „Habe mich in ihm getäuscht“: Clemens Tönnies bricht mit Putin
Der Fleischunternehmer, damals noch Aufsichtsratschef von FC Schalke 04, und der Autokrat standen sich nah – das ist nun Geschichte.
Foto: ReutersDüsseldorf. Das Ende einer Männerfreundschaft kommt in deutlichen Worten. „Ich bin fassungslos über den Vernichtungskrieg von Putin in der Ukraine und verurteile ihn aufs Schärfste“, sagte Clemens Tönnies, Chef von Deutschlands größtem Schlachtkonzern, dem Handelsblatt.
„Ich habe mich wie viele andere in ihm getäuscht“, so Tönnies über den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin. „Meine Gedanken sind bei allen Ukrainerinnen und Ukrainern, die von diesem sinnlosen Krieg betroffen sind.“
Seit vielen Jahren pflegte Tönnies gute Kontakte zum Mann im Kreml. 2006 fädelte der Großschlachter für den FC Schalke 04 einen millionenschweren Sponsorenvertrag mit Gazprom ein. Der russische Staat ist Mehrheitseigner des Gaskonzerns. Tönnies war zu dieser Zeit Aufsichtsratschef des damaligen Spitzenklubs.
In einem Dresdner Hotel überreichte der Unternehmer Putin sogar ein Schalke-Trikot – sowie ein Eisbein. In einem Interview erzählte Tönnies von den Vorlieben seines Kumpels im Kreml: „Herr Putin mag die Eisbeine gern gepökelt.“
Tönnies wollte einmal große Geschäfte in Russland machen. Das Fleischunternehmen, das ihm, Sohn Max und Neffen Robert gehört, investierte dort Hunderte Millionen Euro. 2008 wurden Pläne bekannt, wonach Tönnies zwischen 400 bis 600 Millionen Euro in die Schweineproduktion in Russland stecken wollte.
Einen Zusammenhang zwischen Schalkes Gazprom-Sponsoring und den Aktivitäten seines Familienunternehmens bestritt er immer vehement. „Das Gazprom-Engagement war schon lange fixiert, bevor wir in Russland investiert haben“, stellte Tönnies 2014 in einem Interview mit dem Handelsblatt klar. „Ich baue doch dort keine Mastanlagen, weil Gazprom Schalke sponsert.“ Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun.
„Wir wurden gefragt, ob wir dazu bereit sind, uns beim Aufbau einer Schweinezucht in Russland zu engagieren. Natürlich machen wir das“, sagte Tönnies damals. Russland sei ein wichtiger Markt. Große Agrarflächen würden dort nicht optimal genutzt. Das wolle man ändern.
In Russland hatte Tönnies eine vertikal integrierte Schweinefleischproduktion aufgebaut. Richtig Fuß fassen konnte der Konzern jedoch nie. Aus heutiger Sicht dürfte das gelegen kommen, auch, dass das Engagement bereits veräußert worden ist. Zum Jahreswechsel 2021 hat er die russische Tochter APK Don an den Lebensmittelkonzern CP Foods aus Thailand verkauft.
Der Deal kam auch für Branchenexperten überraschend. Der Branchendienst SUS-Online nennt einen Kaufpreis von umgerechnet 290 Millionen Dollar und beruft sich dabei auf Angaben von CP Foods.
Branchenmedien zufolge unterhielt APK Don in Russland mehrere 10.0000 Hektar Ackerland für den Getreide- und Rübenanbau, ein eigenes Futtermittelwerk und rund ein Dutzend Standorte zur Aufzucht und Mast von Schweinen. Einen eigenen Schlacht- und Verarbeitungsbetrieb gab es noch nicht.
„Die Mannschaft würde gern einmal den Kreml sehen“
Thomas Dosch, Leiter des Hauptstadtbüros von Tönnies, äußerte sich gegenüber Agrarjournalisten einen Tag vor dem russischen Angriff auf die Ukraine erleichtert. Tönnies habe sich „gerade noch rechtzeitig“ aus Russland zurückgezogen. Der Rückzug sei aber nicht erfolgt, weil es dort schlechte Erfahrungen gegeben habe.
Clemens Tönnies drückt es so aus: „Unsere geschäftlichen Aktivitäten in Russland haben wir im Jahr 2021 beendet. Und auch Schalke hat mit dem Gazprom-Ende alles richtig gemacht.“
Zuvor hatte die Verbindung Tönnies-Putin sowie Schalke-Gazprom bereits andere militärische Krisen überstanden. So überdauerte die Freundschaft der Männer auch den weltweiten Aufschrei nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2014 und die folgende Annexion der Halbinsel Krim. Als Antwort auf Sanktionen der EU hat Russland allerdings den Import von Schweinefleisch verboten. Das traf auch Tönnies. Das Einfuhrverbot machte es für den Schlachtkonzern umso attraktiver, eine eigene Produktion in Russland aufzubauen.
Der ehemalige Schalker Aufsichtsrat hat das Gazprom-Sponsoring eingefädelt und lange verteidigt.
Foto: dpa„Wir haben vor, ein Quantum Schweine in Russland zu produzieren. Dazu bauen wir im ersten Schritt dort eine Schweinemast auf. Am Ende werden es dort circa 1,5 Millionen Schweine jährlich sein“, kündigte Tönnies damals an. Das höre sich nach viel an, sei aber nicht mal ein Zehntel dessen, was Tönnies in Deutschland verarbeite.
Damals sah der Unternehmer noch keinen Grund, an Gazprom zu zweifeln: „Verträge sind einzuhalten, und Verbindungen dürfen nicht abbrechen“, sagte er dem Handelsblatt. Der Energiekonzern habe sich Schalke gegenüber immer hervorragend verhalten, die Zusammenarbeit stehe deswegen nicht infrage.
Trotzdem könne Russland nicht tun und lassen, was es wolle, hieß es bereits damals. „Sollen wir einen Weltkrieg provozieren, oder was? Uns ist nicht egal, was Russland macht – da haben wir ein hohes Maß an Verantwortung. Aber es wird eine Zeit nach der Krise geben. Wir dürfen nicht alle Bande zerreißen“, sagte Tönnies seinerzeit. Er wollte sogar eine Einladung von Putin annehmen und den Präsidenten mitsamt der Schalker Mannschaft besuchen. Das Team würde „gern einmal den Kreml sehen und interessiert sich für Moskau“, so der damalige Schalker Aufsichtsratschef.
Fleischbranche unter wirtschaftlichem Druck
Tönnies dürfte das bereits erfolgte Ende des Russland-Engagements nicht nur Imageprobleme ersparen, der Verkauf zum Jahreswechsel hat auch sehr willkommene Millionen erlöst. Die gesamte deutsche Fleischbranche ist in Nöten, weil infolge der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland auch der lukrative Export nach China weggebrochen ist. Der Preis hier wiederum ist wegen eines Überangebots an Schweinefleisch eingebrochen.
Zudem haben sich die Personalkosten stark erhöht. Denn seit Januar sind Werkverträge in Kernbereichen der Schlachtindustrie gesetzlich verboten. Tönnies war nach Massenausbrüchen von Corona 2020 in die Kritik geraten. Damals rückten die prekären Lebensumstände vieler Werkverträgler in den Fokus.
„Wir sind extrem unter Wasser, in tiefroten Zahlen – und zwar nicht Tönnies allein, sondern die gesamte Schlacht- und Zerlegebranche“, sagte Clemens Tönnies kürzlich in einer ARD-Dokumentation. 2020 machte das Unternehmen trotz der Pandemie rund sieben Milliarden Euro Umsatz.
Der hochverschuldete Fußballverein Schalke 04 hatte die 15 Jahre dauernde Partnerschaft mit dem Hauptsponsor am Montag aufgekündigt. Clemens Tönnies war bereits im Juni nach heftiger Kritik der Fans an seiner Person von seinen Ämtern zurückgetreten. Die „Bild“ spekulierte, dass er selbst sich anstelle von Gazprom als Geldgeber angeboten habe.
Bereits zuvor hatte er erklärt: „Schalke bleibt für mich eine Herzensangelegenheit. Wenn ich irgendwo unterstützen könnte, würde ich es wahrscheinlich tun.“