Indien: Allianz der Superreichen: Jeff Bezos und Mukesh Ambani verhandeln über Kooperation
Eine Partnerschaft würde Reliance und Amazon ermöglichen, den Einzelhandel in Indien anzuführen.
Foto: dpaBangkok. Der Kampf um die fast 1,4 Milliarden indischen Konsumenten hängt an einer entscheidenden Frage: Bleiben Indiens reichster Mann, Mukesh Ambani, und der reichste Mann der Welt, Jeff Bezos, Rivalen – oder werden sie zu Verbündeten?
Dass gerade beides möglich erscheint, liegt an einem Angebot, das in Indien Wirtschaftsgeschichte schreiben könnte: Laut einem Bericht des Finanzdienstes Bloomberg vom Donnerstag will Ambani einen 20-Milliarden-Dollar-Anteil an der Einzelhandelssparte seines Konzerns Reliance an Bezos’ Amazon verkaufen. Amazon zeige demnach Interesse an einem Deal.
Sollte die Vereinbarung zustande kommen, wäre sie die größte Transaktion, die Indiens Unternehmenswelt je gesehen hat – und auch für Amazon eine Rekordinvestition. Eine Partnerschaft zwischen den beiden bisherigen Wettbewerbern würde den Unternehmen ermöglichen, den Einzelhandel in dem zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt klar anzuführen.
Für Amazon-Chef Bezos, der in Indien bereits Investitionen von 6,5 Milliarden Dollar zugesagt hat, wäre die Einigung mit Ambani auch das Eingeständnis, dass er in dem schwierigen Markt mit einem lokalen Partner besser aufgestellt ist.
Die Berichte über eine mögliche Einigung sorgten an der Börse in Mumbai für Euphorie: Der Aktienkurs von Reliance – Indiens größtem Konglomerat, das auch das Ölgeschäft und den Mobilfunkmarkt des Landes dominiert – stieg zeitweise um mehr als acht Prozent auf einen neuen Höchststand an. Erstmals erreichte ein in Indien gelistetes Unternehmen einen Börsenwert von mehr als 200 Milliarden Dollar.
Ambani ist jetzt reicher als Warren Buffett
Auch das Vermögen Ambanis erreichte mit fast 90 Milliarden Dollar einen neuen Höchststand – es hat sich laut dem Magazin „Forbes“ seit April mehr als verdoppelt. Auf der Liste der reichsten Milliardäre der Welt arbeitete sich der 63 Jahre alte Inder im vergangenen halben Jahr von Rang 21 auf den inzwischen fünften Platz vor. Er liegt nun vor Berkshire-Hathaway-Gründer Warren Buffett und nur noch knapp hinter Facebook-Chef Mark Zuckerberg.
Den rasanten Aufstieg schaffte Ambani mit einer Neuausrichtung seines Unternehmens vom Industriekonglomerat zum Internetkonzern und Handelsriesen. Bei der Reliance-Technologietochter Jio, die sowohl den größten Handynetzanbieter des Landes als auch Streamingdienste und einen Online-Bezahldienst betreibt, sammelte er in diesem Jahr bereits 20 Milliarden Dollar an Investorengeldern ein – unter anderem von Facebook und Google.
Den Erfolg will Ambani nun in seiner Einzelhandelssparte wiederholen und sucht derzeit auch abseits von Amazon nach Geldgebern, die bereit sind, Milliardensummen in das Unternehmen zu stecken. Einen zahlungskräftigen Investor hat er bereits gefunden: Die kalifornische Beteiligungsgesellschaft Silver Lake erwarb diese Woche für eine Milliarde US-Dollar einen 1,75-Prozent-Anteil an Reliance Retail. Medienberichten zufolge befindet sich Ambani auch in Verhandlungen mit dem New Yorker Finanzinvestor KKR über eine Beteiligung in mindestens ähnlichem Umfang.
Die diskutierte 20-Milliarden-Dollar-Investition würde Amazon den Berichten zufolge 40 Prozent an dem Unternehmen sichern. Sowohl von Reliance als auch von Amazon gab es keine Bestätigung über die angeblichen Verhandlungen. Reliance teilte mit, man kommentiere Spekulationen grundsätzlich nicht.
Beide Unternehmen versuchen derzeit, das in Indien extrem zersplitterte Einzelhandelsgeschäft unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie setzen darauf, dass die Branche trotz des aktuellen Einbruchs als Folge der Coronakrise in den kommenden Jahren ein rasantes Wachstum erleben wird. Einer Studie der Boston Consulting Group zufolge dürfte der Markt bis 2025 auf ein Umsatzvolumen von 1,3 Billionen Dollar anwachsen – im vergangenen Jahr waren es 700 Milliarden Dollar.
Große Teile der Branche entfallen bisher auf Millionen kleiner Kioske und inhabergeführter Nachbarschaftsläden. Amazon-Chef Bezos hatte Anfang des Jahres angekündigt, mit Zehntausenden dieser kleinen Geschäfte zu kooperieren. Sie dienen Amazon als Lager- und Logistikpartner: Kunden können ihre Onlinebestellungen in den Kiosken abholen oder bekommen sie von den Shopbesitzern nach Hause geliefert.
Auch Ambani setzt auf die Kioske: In seiner E-Commerce-Plattform JioMart, bei dem er zuletzt direkt mit Amazon konkurrierte, sammelt er Bestellungen von Lebensmitteln und Haushaltswaren ein und gibt sie an den Laden weiter, der dem jeweiligen Kunden am nächsten ist. Die Ladenbesitzer sind für die Zustellung verantwortlich.
So spart sich Ambani Lagerhäuser und kann schnelle Lieferungen garantieren. Bei dem Projekt setzt er auf die Partnerschaft mit Facebook: Bestellungen sind auch über dessen Messenger-App WhatsApp möglich, die in Indien mehr als 400 Millionen Menschen nutzen.
Milliardenübernahme von lokaler Handelskette
Auch im klassischen stationären Handel geht Ambani auf Expansionskurs: Mit mehr als 10.000 Supermärkten sowie Elektronik- und Modeläden ist Reliance Retail schon seit Langem der größte Einzelhändler des Landes. Ende August verkündete das Unternehmen dann die Übernahme der zweitgrößten Handelskette Future Group für 3,4 Milliarden Dollar – und brachte damit knapp 2000 weitere Filialen unter seine Kontrolle.
Auch im Onlinehandel setzt Reliance auf Übernahmen: Das Unternehmen wurde im August zum Mehrheitseigentümer der Onlineapotheke Netmeds – eine Woche nachdem Amazon den Start eines Medikamentenversands in Indien angekündigt hatte. Außerdem beteiligte sich Ambanis Konzern an einem Versandhändler für Unterwäsche und befindet sich Medienberichten zufolge in Verhandlungen über eine Beteiligung an einem Online-Möbelhändler.
Amazon zeigte unterdessen in Indien auch Interesse am stationären Handel. Der Konzern wurde unter anderem zum Minderheitsgesellschafter der indischen Kaufhauskette Shoppers Stop und beteiligte sich an der lokalen Supermarktkette More. Doch ein Einstieg in den Offlinehandel im großen Stil, wie es Amazon in den USA mit der Übernahme der Supermarktkette Whole Foods gelungen ist, ist in Indien schwierig.
Ausländische Investoren dürfen in dem Land maximal 51 Prozent von Einzelhandelsketten besitzen, in denen mehr als eine Marke vertrieben wird – und auch dafür brauchen sie eine spezielle Genehmigung der Regierung. Auch im Onlinehandel gibt es für ausländische Investoren besondere Vorschriften, die sich in erster Linie an Amazon und dessen Mitbewerber Flipkart richten, der zum US-Handelskonzern Walmart gehört.
Reliance sieht sich hingegen als lokaler Anbieter mit weniger Regularien konfrontiert – und hat damit einen klaren Wettbewerbsvorteil. Von einer Reliance-Amazon-Partnerschaft könnten beide Unternehmen profitieren, glaubt der Technologieberater Utkarsh Sinha. „Ein Deal würde auf den unterschiedlichen Stärken beider Seiten aufbauen“, kommentierte er.
Unklar ist, wie groß die Hürden der Wettbewerbshüter für eine Zusammenarbeit sein würden. Ambani gilt aber als politisch bestens vernetzt und bekommt für seine Vorhaben selten Widerstand. Auch Bezos hat inzwischen viel Erfahrung im Umgang mit den Behörden. Über die Chancen in dem Land zeigte er sich zuletzt optimistisch. Bei einem Indienbesuch Anfang des Jahres sagte er: „Jedes Mal, wenn ich hierherkomme, fühle ich mich richtig lebendig.“