Logistik: Deutsche Bahn bleibt trotz DHL-Absage optimistisch beim Schenker-Verkauf
Düsseldorf. Die DHL Group galt als einer der Favoriten im Bieterverfahren um die Bahntochter DB Schenker. Vor Monaten bekundete man im Posttower hinter vorgehaltener Hand großes Interesse an Europas größtem Straßentransport-Anbieter. Am Mittwoch aber sagte DHL-Chef Tobias Meyer ab: Schenker passe nicht ins Profil von DHL.
Aus Kreisen der Verkäufer hieß es, DHL habe „die Integration von DB Schenker geprüft, wegen der starken Überlappung mit dem eigenen Speditionsgeschäft“ aber nun abgesagt. Der DB-Aufsichtsrat hatte den größten Ertragsbringer des Staatsunternehmens im Dezember zum Verkauf gestellt und beauftragte dafür die Deutsche Bank, Goldman Sachs und Morgan Stanley.
Mit DHL hat nur einer von vielen Kaufinteressenten abgesagt. Insgesamt bekundeten mehr als 20 Unternehmen formal ihr Interesse an dem Speditionskonzern, wie das Handelsblatt bereits im Februar berichtete. Alle übrigen haben noch 20 Tage Zeit, der Deutschen Bahn ihre nicht bindenden Kaufangebote vorzulegen.
Die aktuellen Zahlen stärken die Position der Verkäufer. Das Geschäft von DB Schenker lief 2023 trotz weltweit sinkender Umsätze in der Logistikbranche noch relativ stabil. So habe der Ertrag vor Zinsen und Steuern (Ebit) 2023 oberhalb der Marke von 1,1 Milliarden Euro gelegen, heißt es aus Kreisen der Verkäufer. Offiziell bekannt gegeben werden die Geschäftszahlen erst am 21. März.
Schenker: Gewinn bleibt 2023 stabiler als bei der Konkurrenz
Wegen der weltweit stark rückläufigen Frachtraten habe DB Schenker im vergangenen Jahr zwar rund 700 Millionen Euro weniger verdient als 2022 und 30 Prozent weniger Umsatz gemacht. Der Rückgang sei aber geringer ausgefallen als bei den direkten Wettbewerbern DHL und Kühne + Nagel.
Die Deutsche Bahn kaufte Schenker im Jahr 2002. Dabei hat der Berliner Staatskonzern mit dem auf See-, Luft- und Lkw-Fracht spezialisierten Spediteur wenig gemeinsam. Entsprechend lange wird bereits über einen Verkauf von DB Schenker diskutiert. Im Konzernverbund gehalten wurde das Essener Unternehmen zuletzt nur noch, weil es hohe Erträge erzielte. Die Gewinne von Schenker müssen seit Jahren herhalten, um das teilweise stark defizitäre Geschäft auf der Schiene auszugleichen.
Der DB-Eigentümer Bund will das Unternehmen nun verkaufen, um den enorm hohen Finanzbedarf der Deutschen Bahn zu decken. Für den Ausbau der maroden Infrastruktur hatte die Bundesregierung im vergangenen Jahr ein Budget von 40 Milliarden Euro bis 2027 in Aussicht gestellt. Doch davon sind nur 31,5 Milliarden Euro gesichert, wie Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) dem Handelsblatt sagte. Zudem stieg die Nettoverschuldung der Deutschen Bahn 2023 offenbar auf 33 Milliarden Euro. Mit dem Verkauf von DB Schenker sollen vor allem Schulden getilgt werden.
Kaufpreis könnte bei 13,5 Milliarden Euro liegen
Wie viel die Deutsche Bahn mit dem Verkauf erlösen kann, ist allerdings ungewiss. Vor zwei Jahren, als die Corona-bedingten Lieferketten-Engpässe die Frachtraten in astronomische Höhen trieben, war noch von 15 bis 20 Milliarden Euro die Rede. Inzwischen dürften die Erwartungen bescheidener ausfallen. Mächtige Wettbewerber wie Kühne + Nagel, DHL, UPS und Fedex bewertet die Börse derzeit im Durchschnitt mit dem 11,8-Fachen des Ertrags vor Zinsen und Steuern (Ebit). Bei DB Schenker entspräche dies einem Kaufpreis von 13,5 Milliarden Euro.
DB-intern kalkuliert man mit einer anderen Größe: dem sogenannten „Discounted Cashflow“, einem komplizierten und oft ungewissen Verfahren. Dieses geht bei der Unternehmensbewertung von zukünftigen Zahlungsströmen aus, die um die eigenen Kapitalkosten gemindert werden.
Laut Finanzkreisen wolle man nur verkaufen, wenn die zu erwartenden Nettoeinnahmen niedriger ausfallen als die Übernahmeofferte. Außer der Angebotshöhe soll es keine weiteren Kriterien für die Auswahl des Käufers geben, schließlich verlangt die EU-Kommission von dem deutschen Staatsunternehmen eine „diskriminierungsfreie Ausschreibung“.
So bleibt für die Verkäufer die Hoffnung, dass sich die übrigen Kaufinteressenten gegenseitig überbieten. Die Chancen dafür stehen gut, schließlich haben viele große internationale Logistiker Interesse bekundet.
Reedereien zeigen massives Interesse
Neben der Schweizer Reederei MSC ist auch der dänische Wettbewerber Maersk am Kauf interessiert. Maersk erwirtschaftete in den vergangenen drei Jahren teils zweistellige Milliardengewinne. Das Interesse bekundete Reedereichef Vincent Clerc in einem Analysten-Gespräch, bei dem er Mitte Februar die Konzernjahresergebnisse präsentierte.
Mit ihren hohen Gewinnen erwarben die Dänen schon vor einiger Zeit den Li&Fung-Ableger LF Logistics mit mehr als 200 Logistikzentren, die sich um Transporte und Lagereidienstleistungen vor allem in Asien kümmern. In den USA übernahm Maersk 2020 den Logistikkonzern Performance Team. Die Übernahme von DB Schenker mit dessen Schwerpunkt in Europa würde die Einkaufstour abrunden.
Hauptsache Höchstpreis? An wen die Deutsche Bahn ihre Tochter DB Schenker verkaufen will
Einen Insider von DB Schenker haben sich die Dänen bereits an Bord geholt. Anfang Mai wird Ole Trumpfheller bei Maersk Chef der von Hamburg aus geleiteten Area North Europe. Trumpfheller leitete zuvor als Head of Global Operations das Lieferkettengeschäft von DB Schenker.
Überschneidungen zwischen Maersk und DB Schenker gibt es wenige, bei einer Übernahme müssten vermutlich kaum Jobs abgebaut werden. Anders ist das bei einem anderen möglichen Bieter aus Dänemark, dem Speditionskonzern DSV. Die ursprünglich aus dem Lkw-Transport stammende DSV hatte vor fünf Jahren den Schweizer Wettbewerber Panalpina für 4,1 Milliarden Euro übernommen, um dort anschließend fast ein Drittel der Stellen zu streichen. Auch der Firmenname Panalpina ist heute Geschichte.
Viele Finanzinvestoren sind an Schenker-Übernahme interessiert
Auch viele Finanzinvestoren haben ihr Interesse an DB Schenker signalisiert. Finanzkreisen zufolge ist darunter ein Bündnis der Private-Equity-Fonds CVC und Carlyle, außerdem ein Konsortium des saudi-arabischen Logistikers Bahri mit der französischen Großbank Société Générale und der Anwaltssozietät Clifford Chance als Berater. Die Beteiligungsgesellschaften Advent und Bain sollen ebenfalls interessiert sein, wie auch der US-Finanzinvestor Blackstone und der Vermögensverwalter Brookfield.
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Für Aufregung sorgte zuletzt innerhalb der Bundesregierung, dass auch mehrere Bieter aus dem Nahen Osten Schenker übernehmen könnten. So wird ADQ, einer von drei Staatsfonds des Emirats Abu Dhabi, ein Kaufinteresse nachgesagt, ebenso dem Hafenbetreiber DP World aus Dubai. DP World hatte zuletzt den Duisburger Warenversorger Imperial Logistics International übernommen und weitere Übernahmen angekündigt.
Bedenken in der Politik gegen Übernahme durch Staatsfonds aus dem Nahen Osten
Gegen eine Übernahme durch die arabischen Staatsfonds gebe es Bedenken, heißt es in Berlin, da DB Schenker auch für die Bundeswehr tätig sei. Ob die Bahntochter tatsächlich zur „kritischen Infrastruktur“ zählt, ist aber fraglich. Der Essener Konzern besitzt weder Schiffe noch Flugzeuge, der Großteil der Trucks gehört Subunternehmern. Zudem arbeiten auch viele andere Speditionen für die Bundeswehr, darunter Hellmann International aus Osnabrück.
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Bei Wettbewerbern von Schenker hält man es zudem für wenig wahrscheinlich, dass die Kartellbehörden die Übernahme durch einen der Interessenten ablehnen könnten. Denn der Speditionsmarkt ist zersplittert. DB Schenker, europaweit mit 7,8 Milliarden Euro Umsatz Marktführer im Straßengüter-Verkehrsmarkt, besitzt dort einen Marktanteil von 1,7 Prozent. Im internationalen Luftfrachtgeschäft kommt der Konzern als Nummer vier auf einen Anteil von 5,9 Prozent, im Speditionsgeschäft mit Seefracht auf gerade einmal 4,1 Prozent.
Da bislang noch keine Preisangebote der Interessenten vorliegen, wird sich die Bahn-Aufsichtsratssitzung am 20. März nicht näher mit der Angelegenheit beschäftigen können. Eine Vorentscheidung, heißt es in Kreisen den Kreisen, könnte Ende März oder Anfang April fallen.
Erstpublikation: 06.03.2024, 11:26 Uhr.