Luftfahrt: Staatshilfe für Flugtaxi-Start-up Lilium droht zu scheitern
Berlin, Frankfurt. Es muss für das Management des Flugtaxiunternehmens Lilium ein Déjà-vu sein. Erst musste es wochenlang auf die Zusage für Staatshilfen des Landes Bayern warten, weil sich Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sperrte. Schließlich löste ein Machtwort von Ministerpräsident Markus Söder die Blockade.
Nun wartet Lilium auf die Entscheidung des Bundes. Und erneut blockiert koalitionsinternes Gerangel die Freigabe. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) drängt auf eine schnelle Zusage des Haushaltsausschusses. Auch der Kanzler soll sich für eine Förderung stark gemacht haben, erfuhr das Handelsblatt aus Koalitionskreisen. Doch es gibt im Haushaltsausschuss Skepsis. Es geht um Bürgschaften von jeweils 50 Millionen Euro von Bund und Land.
Das Wirtschaftsministerium unterstütze einen durch eine staatliche Bürgschaft abgesicherten Kredit über die staatliche Förderbank KfW an Lilium, um „die Technologieführerschaft in einem Zukunftsfeld in deutscher Hand zu behalten“, erklärte ein Sprecher des Ministeriums.
Lilium wollte sich zu dem Thema nicht äußern. Aus dem Umfeld des Unternehmens ist zu hören, dass die Nervosität in der Führung steigt. Lilium hoffe, dass sich der Kanzler noch einschaltet, berichten ein Wegbegleiter der Firma sowie Koalitions- und Regierungskreise übereinstimmend.
Die sogenannte Bereinigungssitzung des Haushalts ist am 15. November. Bis dahin sei noch alles offen.
Ob Lilium tatsächlich kein Geld mehr bekommt, wenn die Staatshilfen ausbleiben sollten, ist schwer zu beurteilen. Allerdings finden sich in einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC vom 30. September alarmierende Formulierungen. Man benötige unverzüglich eine Finanzierung, um den Betrieb fortzusetzen, heißt es dort.
Auf Investorensuche im Ausland
Investoren hätten zwar weitere 32 Millionen Euro an Mitteln zugesagt. Einige hätten aber einen positiven Bescheid der Politik zur Bedingung gemacht. Sollte dieser ausbleiben und sollte es Lilium nicht gelingen, dennoch die erforderlichen Mittel aufzutreiben, müssten Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Die Lilium-Führung erwähnt dabei neben Sparmaßnahmen auch Instrumente unter dem „Insolvenzrecht.“
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Eine Insolvenz könnte für Investoren eine gute Gelegenheit sein, Lilium zu übernehmen. Vor einigen Wochen hatte das Handelsblatt berichtet, dass Lilium Berater damit beauftragt hat, potenzielle Investoren im Ausland zu suchen.
Während sich die CSU für die Förderung einsetzen soll, gibt es in der Ampelkoalition erhebliche Bedenken gegen die Hilfen. Das Überschreiten der Gewinnschwelle von Lilium sei viel zu weit entfernt, auch fehlende gewerbliche Zulassungen lassen die Parlamentarier zweifeln, ist zu hören.
Die angespannte Haushaltslage verstärkt die Bedenken. Einige Parlamentarier würden die Mittel aus dem Verkehrsetat lieber für Projekte wie eine Trassenpreisförderung ausgeben, um die Kosten für den Personen- und Güterverkehr auf der Schiene zu senken.
Der Blick in die an die SEC übermittelten Zahlen legt offen, wie dringend das deutsche Start-up auf Geld angewiesen ist. In den ersten sechs Monaten hat die Firma operativ 159 Millionen Euro verbrannt. Zusammen mit den Sachinvestitionen in Höhe von gut 30 Millionen Euro hat Lilium zwischen Januar und Juni 2024 rund 190 Millionen Euro verbraucht. Dem standen Ende Juni nur noch 109 Millionen Euro an Barmitteln gegenüber.
Fluggerät für betuchte Kunden
Lilium entwickelt seit Jahren einen elektrischen Senkrechtstarter. Der bemannte Erstflug soll Anfang kommenden Jahres stattfinden. Danach wird es noch einige Zeit dauern, bis der Jet tatsächlich zugelassen ist. Lilium steht vor einem grundsätzlichen Problem. Die ersten Fluggeräte werden zunächst ein Transportvehikel für betuchte Kunden sein. Mit den Erlösen aus diesen Verkäufen soll dann die Fertigung für den Massenmarkt finanziert werden.
Ein Fluggerät für Reiche mit Steuergeldern zu finanzieren, ist aber in der Politik umstritten. Zudem zeigen die jüngsten Zahlen, dass Lilium mittelfristig weitaus mehr als die Bürgschaften und die von den Investoren bisher zugesagten Mittel braucht.
Andererseits geht es bei den Hilfen nur um eine kurzfristige finanzielle Überbrückung bis zum geplanten Erstflug. Gelingt der, könnten Investoren wieder eher bereit sein, noch mal nachschießen.
Zudem geht es beim Thema Flugtaxi um Technologie. Die Luftfahrt tut sich schwer damit, klimaneutral zu werden. Aktuell hofft die Branche auf das sogenannte SAF, synthetisch hergestelltes Kerosin. Doch das ist knapp, die Herstellung ist energieintensiv und teuer.
Experten gehen deshalb davon aus, dass zumindest auf der Kurzstrecke bei kleineren Flugzeugen auch der elektrische Antrieb eine Rolle spielen wird. Genau darauf zielt Lilium. Die Vision von Mitgründer Daniel Wiegand ist es, das elektrische Fliegen in der Luftfahrt generell zu ermöglichen.