Michael Otto und Andreas Haug im Interview: „Europa liegt deutlich hinter dem Rest der Welt“
„Wir brauchen auch eine Lust auf Spitzenleistung.“
Foto: Carsten Dammann für HandelsblattDie Disruption fräst sich im wahrsten Sinne des Wortes durch die Otto Group. Selbst während des Gesprächs mit Konzernpatriarch Michael Otto wird in den benachbarten Räumen weiter gebohrt. Von Stock zu Stock werden die Büros der Hamburger Zentrale gerade moderner gestaltet, offener, kommunikativer. Der 73-Jährige will den Start-up-Geist fördern. Deshalb hat er sich mit dem Risikokapital-Profi Andreas Haug zusammengetan.
Herr Otto, Sie investieren einen Teil Ihres Vermögens in die Risikokapital-Fonds von e.ventures, die Herr Haug mitgegründet hat. Über wie viel Geld sprechen wir da?
Otto: Ich bin privat mit einem höheren zweistelligen, die Otto Group darüber hinaus mit einem sehr nennenswerten dreistelligen Millionenbetrag involviert.
Was erwartet sich ein Michael Otto von Andreas Haug – außer Gewinnen? Und Andreas Haug umgekehrt von Ihnen – außer Geld?
Otto: Gewinne erwarte ich mir natürlich durchaus. Noch wichtiger ist mir aber der Austausch von Know-how darüber, was sich im Digitalen in jenen Ländern tut, in denen e.ventures mit eigenen Büros vertreten ist: neben Deutschland also die USA, Brasilien, Japan und China. Natürlich digitalisiert sich auch unsere eigene Unternehmensgruppe seit vielen Jahren kontinuierlich. Aber das muss durch Anregungen von außen stetig befeuert werden.
Haug: Für uns sind gleich drei Dinge wesentlich und spannend zugleich: die Verlässlichkeit der Partnerschaft mit der Otto Group, die in puncto Digitalisierung wirklich wegweisend ist. Und das sage ich nicht, weil wir Partner sind. Der Konzern hat – zweitens – zum Beispiel ein User-Lab, das vielen unser Start-ups regelmäßig hilft. Und wir haben bei der Otto Group Fachleute, von denen wir jeden Tag eine Menge lernen können. Davon profitieren wir und wahren dennoch im durchaus gegenseitigen Interesse unsere Unabhängigkeit, wenn es darum geht zu schauen, wie wir die Gelder unserer Investoren einsetzen wollen. Zu denen zählen ja noch andere große Namen wie Porsche, Oetker, Haniel, Pro Sieben Sat 1, Rewe und Metro, aber auch etliche Family-Offices.
Otto: Diese Unabhängigkeit ist auch uns wichtig. Das sollen ja bewusst keine Fonds der Otto Group sein. Nur bei den beiden ersten Fonds von e.ventures haben wir die Mehrheit.
In den USA standen im vergangenen Jahr rund 60 Milliarden Euro an Risikokapital zur Verfügung. In Deutschland waren es nur 1,7 Milliarden. Wie ist es um das Thema hierzulande bestellt?
Haug: Ganz Europa liegt da deutlich hinter dem Rest der Welt zurück. In Deutschland kommen noch zwei weitere Probleme dazu: Hier gibt es keine Kultur des Scheiterns wie etwa in den USA, ebenso wenig darf man über Erfolge sprechen – beides nicht gerade der ideale Nährboden für junge Unternehmer. Dazu kommt: Hier orientieren sich Unternehmen immer noch gern an ihrer Herkunft, in den USA eher an ihren Möglichkeiten. Deutschland wird seiner wirtschaftlichen und innovativen Führungsrolle da leider schlicht nicht gerecht.
Der Versandhändler setzt auf die Digitalisierung.
Foto: dpaOtto: Die USA sind zwar im Vergleich zur Bundesrepublik auch ein größerer Markt. Aber die Risikobereitschaft ist dort viel ausgeprägter. Und nicht zu vergessen: Die steuerlichen Rahmenbedingungen sind für Venture-Capital in Deutschland nicht sonderlich attraktiv. Gewinne müssen voll versteuert werden, Verluste sind nur begrenzt abschreibungsfähig.
Wie ist es beim hiesigen Start-up-Nachwuchs überhaupt um die Bereitschaft bestellt, selbst ins Risiko zu gehen mit einer eigenen Geschäftsidee?
Haug: Ich sehe mit Skepsis, wie weit verbreitet noch der Wunsch nach einer Beamtenkarriere ist. Da gibt es wohl eine Polarisierung: einerseits viele, denen Sicherheit und Planbarkeit wichtig sind; andererseits etliche Leistungsbereite, die Neugier für unternehmerische Aktivitäten mitbringen. Überhaupt ist es meiner Ansicht nach auch Aufgabe der großen Unternehmen, das Interesse und die Motivation der jungen Leute zu wecken. Wir brauchen auch eine Lust auf Spitzenleistung.
Otto: Genau das will ich mit meinen Mitteln ja auch: motivieren. Der Anteil der jungen Menschen, die sich selbstständig machen wollen, ist in Deutschland noch viel zu gering. Schon an den Gymnasien und Hochschulen sollte der Nachwuchs animiert werden, später vielleicht auf eigenen Füßen stehen zu wollen. Ein bisschen mehr Wirtschaft täte unseren Ausbildungsstätten auf jeden Fall gut. Und leider beobachte ich auch ein gewisses Defizit an digitalem Fachwissen.
Würden Sie sagen, dass Sie selbst die angemahnte Risikobereitschaft mitbringen?
Otto: Ich bin oft Risiken eingegangen. Jeder Unternehmer muss das tun, sonst fegt ihn der Markt schnell weg. Wichtig ist nur, das Risiko so zu begrenzen, dass nie das große Ganze gefährdet wird.
Von einem jungen Start-up-Unternehmer erwarten Sie mehr persönlichen Einsatz, oder?
Otto: Bei dem steht zumindest weniger auf dem Spiel. Bei großen Unternehmen geht es immer gleich um viele Jobs und die Familien, die davon abhängig sind. Da hat man eine ganz andere Verantwortung.
In welcher Phase steigt e.ventures eigentlich bei einem jungen Unternehmen ein?
Haug: Manchmal schon in einer frühen Phase, oft aber auch erst in der dann kostenintensiveren Wachstumsphase. Insgesamt haben wir derzeit etwa 140 Start-ups im Portfolio – verteilt über unsere aktuell 13 Fonds. Unsere Investments liegen in einem Korridor von 500.000 Euro in sehr frühphasigen Start-ups bis hin zu 20 Millionen Euro in sehr schnell wachsenden Start-ups, deren Geschäftsmodell gefunden ist.
Wie erfolgreich sind Sie dabei?
Haug: In den anerkannten Rankings stehen wir unter den besten 25 Prozent, in einzelnen Jahrgängen gehören wir zu den Top zehn Prozent.
Otto: Darauf können wir beide stolz sein.
Sie sind unter anderem auch an einer Spiele-Plattform in China beteiligt. Nicht gerade das Kerngeschäft der Otto Group.
Otto: Ja und nein. e.ventures ist in den unterschiedlichsten Geschäftsfeldern unterwegs – von Fintechs bis zu künstlicher Intelligenz. Das kann für uns sehr schnell relevant werden – und ist es vielfach bereits. Und immer geht es darum, junge Teams und spannende Ideen zu finden und zu fördern.
Haug: Und das wollen wir wiederum dadurch unterstützen, dass wir regelmäßig Reisen organisieren, etwa ins Silicon Valley ...
… was wie der mittlerweile übliche Digital-Tourismus klingt.
Haug: Gut, dass Sie das mal ansprechen. Denn viele haben da tatsächlich so eine Art Zoobesuchs-Mentalität entwickelt, nach dem Motto: „Wir gehen wilde Digital-Tiere gucken.“ Bei uns fallen die Dialoge viel tiefer aus. Die Führungskräfte, die wir mitbringen, erhöhen wiederum unsere Glaubwürdigkeit im Valley.
Und dann sagt der Salesforce-Chef: „Wow, endlich kann ich mal mit dem Vertreter der ‚Otto-Einzelgesellschaft‘ sprechen“?
Haug: Oft sagen sie erst: „Otto who?“ Doch dann sehen sie die gemeinsamen Themen und finden schnell einen Nenner – unprätentiös und auf Augenhöhe. Darum geht’s. Und das ist dann für beide Seiten ein Gewinn.
Otto: Und natürlich schauen wir uns dann auch intensiv jene Firmen an, an denen wir beteiligt sind. Ich selbst war übrigens schon Anfang der 80er-Jahre an der Westküste – also lange bevor das chic wurde.
Rangeln Sie dort nicht mit vielen anderen Kapitalgebern um dieselben Unternehmen?
Haug: Viele Investoren im Valley beteiligen sich nur an Unternehmen, die sie innerhalb von zwei Stunden mit dem Auto erreichen können. Wir hingegen haben eine internationale Ausrichtung, die uns für Co-Investoren interessant macht. Wir können Unternehmen erfolgreich ins Ausland bringen, zum Beispiel nach China, Brasilien und eben auch Europa.
Wie unterscheiden sich die Menschen bei Otto und e.ventures?
Otto: Die Partner bei e.ventures sind sehr unabhängig. Sie müssen keine Rücksicht nehmen auf Konzernstrukturen und Finanzierungsmöglichkeiten, weil sie jederzeit Co-Investoren an Bord holen können. In einem Konzern gibt es natürlich stärkere Beschränkungen. Aber wir etablieren bekanntlich seit geraumer Zeit einen Kulturwandel im gesamten Konzern. Die Zeiten, in denen ein Vorgesetzter mit Befehlen und Kontrolle geführt hat, sind vorbei. Er muss den Rahmen schaffen, in dem die Teams sehr frei und selbstständig arbeiten. So kann man auch in einem Konzern flexibel und unternehmerisch werden.
Wenn Transformation ein Marathon ist, wie weit ist die Otto Group schon gekommen?
Otto: Da wir uns hier mit all unseren Konzerngesellschaften als Team begreifen, ist es nur natürlich, dass manche schon weiter vorn liegen als andere. Insgesamt betrachtet, sind wir gut unterwegs.
Wenn Sie sich entscheiden müssen, in ein Start-up zu investieren – schauen Sie mehr auf die Geschäftsmodelle oder die Menschen?
Haug: Bei Immobilien geht es um Lage, Lage, Lage. Bei Start-ups geht es um Team, Team und noch mal Team. Dazu kommt die Größe des Markts. Wir müssen in Themen investieren, bei denen es ein disruptives Potenzial auf einem großen Markt gibt. Das Geschäftsmodell selbst ist nachrangig, weil in der Entwicklung eines Unternehmens viele Veränderungen möglich sind. Die erfolgreichsten Unternehmen haben mit etwas anderem angefangen.
Welche Bereiche sind schon überhitzt?
Haug: In den Food-Markt würden wir heute nicht investieren. Es ist dort vom Geschäftsmodell her zum Teil sehr dünn. Auch bei Fintechs gibt es inzwischen teils sehr überzogene Bewertungen. Das ist eher etwas für etablierte Unternehmen aus der Finanzbranche, die ihr Geschäftsmodell modernisieren wollen. Es ist auch unsere Aufgabe, eben mal nicht in vermeintlich attraktive Projekte zu investieren, wenn sie zu teuer sind. Wir haben da auch regional verschiedene Möglichkeiten. Im Silicon Valley ist vieles sehr teuer, in Brasilien dagegen nicht.
Herr Otto, wie viel Risiko steckt bei Ihnen im Risikokapital?
Otto: Wie bereits der Name sagt, Risiko ist schon drin. Aber bei e.ventures schließe ich einen Totalverlust nach den bisherigen Erfahrungen weitgehend aus. Ich rechne im Gegenteil mit einer sehr guten Rendite.
Sind die Start-ups Ihrer eigenen Gruppe wie der Online-Modeshop About You oder das inzwischen eingestellte Smartphone-Bezahlsystem Yapital womöglich risikoreicher?
Otto: Bei About You habe ich keine Sorge mehr, denn das entwickelt sich besser als geplant. Yapital war ein super Konzept, für das wir leider keine Partner gefunden haben, um die nötige Größe zu erreichen. Wir hätten sehr stark weiter investieren müssen, um über Marketing ausreichend Nutzer zu bekommen. Deshalb haben wir es beendet. Es hätte uns überfordert, das allein in die Wirtschaftlichkeit zu bekommen.
Herr Haug, hätten Sie Yapital erfolgreich umgesetzt?
Haug: Da kann ich mir kein Urteil erlauben. Wir sind aber bei einer ganzen Reihe von Payment-Services engagiert. Der deutsche Markt ist in dem Sektor besonders herausfordernd. Es war aber sicherlich einen Versuch wert.
Wie hoch ist die Flop-Rate von e.ventures?
Haug: Erstaunlich niedrig. Sie werden lachen: Intern diskutieren wir bereits, ob wir zu risikoscheu sind.
Nachdem wir nun viel über deutschen Gründergeist gesprochen haben: Sind die Internetschmiede Rocket Internet und ihr Gründerteam, die Gebrüder Samwer, Fluch oder Segen für die hiesige Start-up-Szene?
Haug: Ich sehe sie als Segen. Es braucht immer einen Urknall. Und das war Rocket Internet durchaus mal für Berlin und Deutschland. Der nun zu beobachtende Niedergang des Unternehmens gleicht einem ähnlichen Urknall. In der Boomphase kamen so viele internationale Internetfirmen nach Berlin, weil es dort cool und billig ist, dass daraus wieder viel Neues entstehen wird. Und nun kommen wieder viele Talente auf den Markt.
Otto: Anfangs empfand ich Rocket durchaus als Segen, weil es den Boden bereitet hat. Mittlerweile sehe ich die Performance der Firma als eher belastend. Es wurden viele Versprechen gegeben, die nicht gehalten wurden. Das ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit geworden – und das färbt leider auf die gesamte Szene ab.
Herr Haug, Herr Otto, vielen Dank für das Interview