Ukraine-Krieg: Logistikbranche: Ukrainer und Weißrussen fehlen
Lkw auf einer Rastanlage.
Foto: dpaWarschau. Die von der russischen Armee angegriffene Ukraine ist das ärmste Land Europas. Und so ist es wenig erstaunlich, dass deren Bewohner manche Arbeit verrichten, die auf dem Kontinent kaum jemand machen will: zum Beispiel international verkehrende Lastwagen fahren.
Wie wichtig die Ukrainer für die Branche sind, zeigt sich gerade in Polen. Rund fünf Wochen nach Kriegsausbruch ist der dortige Transportsektor in heller Aufregung. Rund 300.000 Fahrer arbeiten für polnische Logistikunternehmen im internationalen Transport. Laut Angaben des polnischen Branchenverbands ZMPD sind rund 110.000 davon Ukrainer, von denen mehr als ein Drittel aktuell nicht arbeite.
Stattdessen steckten sie unfreiwillig in ihrer Heimat fest oder sind in irgendeiner Form in deren Verteidigung engagiert. ZMPD-Sprecherin Anna Brzezinska ist alarmiert: „Lastwagen stehen in den Transporthubs, weil es wenige Fahrer gibt.“ Verschärfend kommt hinzu, dass den polnischen Transportfirmen auch Fahrer aus Belarus fehlen. Rund 30.000 Menschen aus dem Nachbarland sind Verbandsangaben nach bei polnischen Transportfirmen angestellt.
Auch ihre Weiterbeschäftigung hängt teilweise in der Schwebe. Sie müssen regelmäßig in ihre Heimat zurückkehren, um ihre Visa zu verlängern. Viele Fahrer schrecken vor einem Grenzübertritt derzeit jedoch zurück. Sie befürchten, in die Armee eingezogen zu werden, falls sich der Krieg ausweiten sollte.
Polens Transportfirmen, die dank der verhältnismäßig günstigen ukrainischen und belarussischen Fahrer ein Schwergewicht in Europas Logistiksektor sind, befürchten nun steigende Löhne. Dass sich die Frachttarife erhöhen lassen, sei dagegen eher unwahrscheinlich, sagt Brzezinska. „Die Gewinne der Logistikfirmen sinken, und dabei standen viele von ihnen schon vorher finanziell nicht gut da.“ Die Leasingfirmen, denen die Lastwagen oft gehören, würden keine Zahlungsaufschübe gewähren, sagt die Branchenvertreterin.
Der Krieg in der Ukraine wirft ein Schlaglicht auf einen Sektor, der schon zuvor mit einem Fahrermangel zu kämpfen hatte. Eine Umfrage des internationalen Branchenverbands World Road Transport Organisation (IRU) ergab, dass in Eurasien im Jahr 2020 rund 20 Prozent der Stellen unbesetzt waren.
Raues Umfeld schreckt ab
Viel zu wenige junge Schulabgänger entscheiden sich für den Beruf des Fernfahrers, als dass die vor der Pensionierung stehenden Trucker ersetzt werden könnten. Die Gründe dafür sind vielfältig. So ist es in vielen Ländern erst mit 21 Jahren erlaubt, einen Lastwagen steuern. Potenzielle Nachwuchskräfte verlassen aber oft mit rund 16 Jahren die Schule und gehen so dem Transportgewerbe verloren.
Der IRU beklagt zudem das raue Umfeld, in dem Lkw-Fahrer tätig seien. So kritisiert IRU-Sprecher John Kidd: „Häufig behandelt man Fernfahrer mit zu wenig Respekt, etwa am Zoll oder beim Abladen.“
Die Fahrer haben darüber hinaus lange Arbeitszeiten und sind teilweise wochenlang nicht zu Hause. Zudem mangele es fast überall in Europa an sicheren Standplätzen für die Ruhezeiten, sagt Kidd. „Wir wünschen uns da mehr Investitionen.“
Wie andere Branchen würden die Logistiker gern mehr Frauen anstellen. Aber auf sie wirken die Arbeitsbedingungen erst recht abschreckend. Es gibt daher kaum Frauen, die den Beruf der Fernfahrerin ausüben. Ihr Anteil sinkt laut IRU gar.
Viele Fahrer aus Belarus haben Angst, in der Heimat eingezogen zu werden.
Foto: dpaFrüher stützten sich die polnischen Logistikfirmen in erster Linie auf einheimische Fahrer. Aber mit steigendem Wohlstand büßte der Beruf des Fernfahrers an Attraktivität ein – so wie das zuvor schon in Westeuropa geschehen war. Und auch das Fernweh ist laut Verbandsvertreterin Brzezinska kein Motiv mehr, Lkw-Fahrer zu werden.
Polen sind im Durchschnitt mittlerweile so wohlhabend, dass private Auslandsreisen finanziell drin sind. Niemand muss mehr Lastwagen fahren, um Westeuropa zu sehen. In die Lücke sprangen deshalb die ärmeren Nachbarn, die Ukrainer.
Auffallend ist, dass viele von ihnen in einem weiteren Transportgewerbe tätig sind, das in Westeuropa aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen unbeliebt ist. Global gesehen sind laut dem Verband Deutscher Reeder (VDR) knapp vier Prozent aller Seeleute Ukrainer.
Mit dem Krieg in der Heimat ist damit eine brisante Situation entstanden. Unter den Seeleuten gibt es nämlich auch viele Russen, laut VDR beträgt ihr Anteil ungefähr zehn Prozent. Etwa 5000 Seeleute aus Russland und der Ukraine arbeiten auf deutschen Handelsschiffen, teilweise auf dem gleichen Gefährt. VDR-Sprecher Christian Denso warnt: „Je länger der Krieg in der Ukraine dauert, desto schwieriger wird diese Konstellation.“
Die Reeder befürchten, dass sich Spannungen auf den Schiffen entladen könnten. „Möglicherweise müssen wir uns überlegen, Besatzungen zu trennen“, sagt Denso. Wie bei den Fernfahrern kommt bei den Seeleuten hinzu, dass viele Ukrainer in ihrer Heimat festsitzen oder möglichst rasch dorthin zurückkehren möchten, um die Familie zu beschützen.
Die Reeder werden sich daher wohl verstärkt anderen Arbeitsmärkten zuwenden müssen, beispielsweise den Philippinen. Von dort kommen bereits viele Matrosen.
Straßentransportfirmen haben es da schwerer. Westeuropas Logistiker sind immer weiter nach Osten vorgestoßen, um günstige Fahrer zu rekrutieren: zuerst nach Zentraleuropa, dann auf den Balkan und in die Ukraine. Im Osten der Ukraine liegt aber Russland.