Verlangen nach Selbstschutz riesig: Die Deutschen sind im Waffenwahn
Der Fachhandel verzeichnet eine massive Absatzsteigerung.
Foto: dpaKöln. Die Türklingel ertönt im Minutentakt. „Ich kann jetzt nicht, ich kann mich hier nicht teilen!“, ruft Verkäufer Christian Ahlhorn einem Kollegen zu. Bei Dittmar & Brouns in Duisburg geht es zu wie in einem Schuhgeschäft nach dem ersten Schnee. Doch statt Winterstiefeln holt Ahlhorn Pistolen und Pfefferspray aus dem dunkelbraunen Holzregal. Der Waffenladen in der Fußgängerzone verkaufte im Januar an einem Tag mehr als 100 Dosen Reizgas, so viel wie sonst in sechs Monaten. Nun fragen die Kunden zunehmend nach Elektroschockern und Schreckschusswaffen.
Deutschland bewaffnet sich. Seit Wochen kaufen die Bürger wie im Rausch. Händler im ganzen Land berichten von Kunden, die sich nicht mehr sicher fühlten. Nach den sexuellen Übergriffen in mehreren Großstädten in der Silvesternacht sei die Nachfrage stark gestiegen. Elektroschocker waren zwischenzeitlich fast flächendeckend vergriffen. „Wir sind ausverkauft. Die Lieferanten haben nichts mehr, die wurden auch total überrumpelt“, berichtet ein Händler aus Stuttgart. Auch in Berlin, München, Dresden und Düsseldorf haben Waffengeschäfte Schocker kaum mehr vorrätig.
Wohin das führen kann, zeigte sich beim Start des Kölner Karnevals am vergangenen Donnerstag. Am Bahnhof traf das Handelsblatt eine verkleidete junge Frau, die in der Handtasche wie selbstverständlich einen Elektroschocker trug: „Wenn mich einer angreift, verteidige ich mich.“ Viele Frauen hatten an „Weiberfastnacht“ Pfefferspray dabei. In einer Disco am Rudolfplatz versprühte ein Jeck Reizgas auf der Tanzfläche. Mehrere Gäste klagten anschließend über Atemnot und Augenprobleme.
Die Gewinner des Waffenwahns sind vor allem die Verkäufer. „So etwas hat die Branche noch nie erlebt“, sagt Ingo Meinhard vom Verband deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler (VDB). Die dort organisierten Händler haben ihren Absatz an frei verkäuflichen Waffen 2015 verdoppelt. Einige der 960 befragten Geschäfte steigerten ihre Verkäufe gar um das Dreifache. Und der Boom halte an, sagt Meinhard.
Viele Frauen hatten an „Weiberfastnacht“ solche und andere Selbstverteidigungsmittel dabei.
Foto: dpaBei Pistolenherstellern wie Carl Walther aus Ulm läuft die Produktion von Gas- und Schreckschusswaffen auf Hochtouren. Doch statt Euphorie zu verbreiten, hält sich das Unternehmen zurück. Mehr noch: Der eigene Erfolg macht die Firma nervös. So berieten die Walther-Chefs stundenlang hinter verschlossenen Türen, wie sie öffentlich mit dem Boom umgehen sollen. Ergebnis: Die Schwaben geben sich schmallippig – weder Zahlen noch ein Statement. Beim norddeutschen Pistolenhersteller SIG Sauer geht man erst gar nicht ans Telefon. Der schwäbische Waffenhersteller Heckler & Koch lässt eine Anfrage auch unbeantwortet.
Ein Insider eines großen Waffenherstellers erklärt die Verschwiegenheit. Die vielen neuen Aufträge erfreuten die Branche nur bedingt: „Mittelfristig wird das unsere Position womöglich verschlechtern. Der Gesetzgeber könnte den Kleinen Waffenschein verbieten.“
Der Schein berechtigt zum Führen von Schreckschuss,- Reiz- und Signalwaffen außerhalb der eigenen Wohnung. Zwar darf hierzulande jeder über 18-Jährige diese Waffen frei kaufen. Wer aber eine Gaspistole in der Öffentlichkeit ohne Kleinen Waffenschein führt, macht sich strafbar. 2015 stieg die Zahl der ausgestellten Dokumente um neun Prozent auf 285.000. In den vier Wochen seit Silvester erhielten die Behörden etwa in Köln so viele Anträge wie sonst in drei Jahren.
Die grüne Innenexpertin Irene Mihalic fordert, dass Gas- und Schreckschusswaffen nicht länger frei verkauft werden dürfen. „Der Wilde Westen ist nicht unser Leitbild“, sagt sie. Es müsse verhindert werden, dass die Menschen sich verstärkt bewaffnen, um die Dinge selber in die Hand zu nehmen.
Vladimir Kupa hat mit seiner Firma Euro Security Products andere Sorgen. Der Tscheche kommt mit der Produktion von Elektroschockern kaum hinterher. Kupas Firma produziert mit 15 Mitarbeitern den „Power Max“ mit bis zu 500.000 Volt und bezeichnet sich als Marktführer für Elektroschocker in Europa. Der Hersteller verspricht einen „vollen Schlag, der dem Angreifer einen Verlust der Orientierung und einen Schock für einige Minuten, eventuell seinen Fall verursacht“.
„Im Moment erhalten wir drei bis viermal so viele Bestellungen wie üblich“, sagt Kupa. Bei Einzelteilen gebe es Lieferschwierigkeiten. „Wir bauen die Produktion so weit wie möglich aus und versuchen, den Absatz mehr als zu verdoppeln.“ Die meisten Bestellungen erhalte er aus Deutschland. Der zweitgrößte Markt Frankreich mache ein Fünftel der deutschen Nachfrage aus.
Auch beim deutschen Pfefferspray-Hersteller Def-Tec sind die Auftragsbücher voll. Die Frankfurter erzielten in zwei Monaten siebenmal so viel Umsatz wie im gesamten Vorjahr. Def-Tec schaffte es zwischenzeitlich nicht, die Nachfrage zu decken. Inzwischen produziert das Unternehmen 4.500 Dosen pro Woche.
Experten sehen all das mit Sorge. Der Sozialpsychologe Dietmar Heubrock von der Universität Bremen beobachtet einen „fortschreitenden Vertrauensverlust der Bevölkerung in den Staat“. Und das, obwohl die Gewaltkriminalität in Deutschland laut einer Statistik des Bundeskriminalamtes bis 2014 über sieben Jahre rückläufig war.
Kölns Polizeidirektor Michael Temme, der den Einsatz über die Karnevalstage leitet, sagt: „Der Boom bei den frei verkäuflichen Waffen macht uns große Sorgen.“ Und das gelte nicht nur für die tollen Tage. „Eine Waffe verringert nicht die Gefahr, sondern erhöht sie“, sagt Temme. Der Angreifer könne sie seinem Opfer entreißen und gegen es richten. Die Polizei empfehle statt Waffen einen Schrillalarm.
Bei Dittmar & Brouns in Duisburg ist von solchen Ängsten nichts zu hören. In dem Waffenladen geht weiter eine Gaspistole nach der anderen über die Theke. Verkäufer Christian Ahlhorn rät seinen Kunden: „Pfefferspray funktioniert nur im Gesicht. Wenn ich von mehreren angegriffen werde, ist eine Gaspistole sicherer.“ Und wenn jemand von hinten kommt? Dann empfehle sich zusätzlich ein Elektroschocker. „Bei dem ist es schließlich egal, wo ich den Angreifer berühre.“