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Wiesenhof-Mutterkonzern PHW Nach Tönnies gerät auch Fleischfabrikant Wesjohann unter Druck

Auch der Chef des Geflügelkonzerns PHW hat mit Corona-Fällen und umstrittenen Werkverträgen zu kämpfen. Zugleich investiert er kräftig in pflanzliche Ernährung.
12.07.2020 - 14:06 Uhr Kommentieren
Der Chef der PHW-Gruppe ist Deutschlands größter Geflügelproduzent. Künftig will auch er Werkverträgler direkt anstellen. Quelle: dpa
Peter Wesjohann

Der Chef der PHW-Gruppe ist Deutschlands größter Geflügelproduzent. Künftig will auch er Werkverträgler direkt anstellen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Während Schweineschlachter Clemens Tönnies derzeit der „Buhmann der Nation“ ist, steht Unternehmer Peter Wesjohann vom größten deutschen Geflügelkonzern PHW kaum im Fokus der Öffentlichkeit. Dabei beschäftigt auch PHW – bekannt für die Marke Wiesenhof – mehr als 1000 Werkverträgler und sah sich gezwungen, seinen Putenschlachthof im niedersächsischen Wildeshausen wegen Corona-Fällen zu schließen.

Bei der Wiesenhof-Tochter Geestland Putenspezialitäten (GPS) waren 46 der mehr als 1110 Beschäftigten infiziert. Am 26. Juni schickten die Behörden deshalb die gesamte Belegschaft in zweiwöchige Quarantäne. Nach erneuten Abstrichen am Freitag dürfen die negativ getesteten Mitarbeiter nun wieder arbeiten. Etwa 35.000 Puten werden in Wildeshausen sonst am Tag geschlachtet.

Die Lieferkette von Puten ist noch enger getaktet als bei Schweinen. GPS warnte vor Rückstaus in Ställen und „Tierwohlproblemen“. „Im schlimmsten Fall müssten die Landwirte gesunde Tiere in ihrem Betrieb töten“, fürchtete GPS-Chef Norbert Deeken am Tag der Schließung.

Peter Wesjohann selbst äußerte sich nicht dazu. Seine PHW-Gruppe mit mehr als 35 Tochterfirmen ist die Nummer vier der deutschen Fleischindustrie – hinter Tönnies, Vion und Westfleisch. Europaweit beschäftigt der „Herr der Hühner“ mehr als 7000 Mitarbeiter. Der Umsatz stieg 2018/2019 um vier Prozent auf 2,7 Milliarden Euro.

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    Der Erfolg von PHW beruht auch auf umstrittenen Werkverträgen. Das Konstrukt will der Gesetzgeber für Kernbereiche von Schlachtfirmen bis Jahresende verbieten. „Für ein Geschäftsmodell, das die Ausbeutung der Arbeiter und die Ausbreitung von Pandemien in Kauf nimmt, kann es keine Toleranz geben“, wetterte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD).

    Übernahme von Werkverträglern

    So in die Ecke gedrängt, gaben alle großen Schlachter klein bei – so auch Wesjohann. PHW kündigte an, seine über Werkverträge beschäftigten Mitarbeiter in ein festes Anstellungsverhältnis zu übernehmen – jedoch nur „in den für die Geflügelfleischerzeugung maßgeblichen Bereichen“.

    Rund 20 Prozent aller PHW-Beschäftigten sind über Werkvertragsfirmen tätig. „Wir haben diese Quote in den vergangenen Jahren bereits schrittweise reduziert, waren einer der Erstunterzeichner der Selbstverpflichtung der Fleischwirtschaft, haben viele Veränderungen in dieser Branche maßgeblich vorangetrieben“, ließ Wesjohann verlauten. Mehr will der 51-Jährige dazu derzeit nicht sagen.

    Viele Beschäftigte in Wildeshausen sind Werkverträgler, oft aus Rumänien und Bulgarien, sagt Matthias Brümmer, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Die Gewerkschaft klagte immer wieder Löhne für die Beschäftigten bei Subunternehmern ein. 2017 hatte das Landgericht Oldenburg die Wiesenhof-Tochter GPS zu einer Strafe von elf Millionen Euro verurteilt. Hunderte Bulgaren waren über Dienstleister zu Dumpinglöhnen beschäftigt worden.

    Auch die Unterbringung der Werkverträgler hält Brümmer für teilweise kritikwürdig. Schlafstätten würden von Subunternehmern oder dubiosen Immobilienfirmen für bis zu 300 Euro im Monat vermietet, wie Mietverträge zeigten. „Das ist Abzocke“, meint Brümmer. Herr Wesjohann könne sich nicht mehr herausreden, dass das in der Verantwortung der Subunternehmen liege. PHW habe 2015 eine Selbstverpflichtung unterschrieben, Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter aktiv zu verbessern und zu kontrollieren, meint der Gewerkschafter.

    Brümmer kennt Peter Wesjohann als „Mensch, der geradeheraus ist“. Er gilt als heimatverbunden, engagiert sich an der Spitze des örtlichen Fußballvereins SV Arminia Rechterfeld. Wiesenhof sponsert den Erstligisten Werder Bremen. Der Unternehmer wolle seinen Gewinn maximieren – auch auf Kosten der Beschäftigten, kritisiert der NGG-Mann.

    Jedes dritte in Deutschland geschlachtet Hähnchen kommt von Wiesenhof. Quelle: dpa
    Wiesenhof-Schlachhof in Lohne

    Jedes dritte in Deutschland geschlachtet Hähnchen kommt von Wiesenhof.

    (Foto: dpa)

    Wesjohann übernahm 2009 die Führung der Firma, die sein Großvater Paul 1932 als Landhandel gründete. Die Geflügelfirma expandierte europaweit. 1999 teilten die Gründersöhne Paul-Heinz und Erich das Unternehmen auf. Die PHW-Gruppe entstand, benannt nach den Initialen des Patriarchen.

    Sohn Peter studierte nach einer Ausbildung bei der Deutschen Bank BWL. Beim Discounter Aldi machte er schnell Karriere. Der Vater holte ihn nach der Teilung in die Firma. Seitdem hat er die industrielle Geflügelproduktion noch weiter perfektioniert, den Umsatz mehr als verdreifacht.

    Die PHW-Gruppe betreibt Brütereien, Futtermühlen, Schlachtereien, Wurstfabriken und Fleischvertrieb. Allein die Geflügelmast ist ausgelagert – meist zu Vertragslandwirten. „PHW ist der klare Leuchtturm in der Geflügelbranche, einer der wenigen, der ernsthaft in seine Marken wie Wiesenhof oder Privathof investiert“, meint Werner Motyka, Partner der Beratung Munich Strategy. Die enge Taktung der Wertschöpfungskette mache diese aber auch anfällig für Krisen.

    Kurskorrekturen im Unternehmen vorgenommen

    Wesjohann habe klare Kurskorrekturen im Unternehmen vorgenommen, meint der Branchenexperte. So habe er Ruhe ins Thema Haltungsbedingungen und Tierwohl gebracht, indem er auf Kritiker wie Peta zuging. Für Motyka ist das mehr als nüchternes Kalkül, sondern auch ein gutes Stück Überzeugung. Laut Wesjohann stammen bis Jahresende 90 Prozent der deutschen Produktion aus unterschiedlichen Tierwohlprogrammen.

    Nach heftigen Skandalen habe es bei PHW teils erhebliche Verbesserungen bei der Tierproduktion gegeben, konstatiert Edmund Haferbeck von der Tierschutzorganisation Peta. Gleichwohl bleibe PHW „ein Kernunternehmen der Geflügelproduktion mit allen damit verbundenen kritischen Tierschutzkomponenten“.

    Haferbeck begrüßt indes, dass sich PHW unter Peter Wesjohann pflanzenbasierten Proteinen zugewandt hat. Heute produziert die Geflügelfirma vegane Ersatzprodukte. Für Wesjohann ist vegane Ernährung mehr als eine Mode. Zehn Prozent Umsatz sollen künftig von pflanzlichen Produkten kommen.

    PHW vertreibt diese auch für andere Hersteller – etwa vegane Burgerpatties des gehypten US-Anbieters Beyond Meat sowie Ei- und Mozzarella-Ersatz. „Wir sehen das Wachstum des pflanzenbasierten Lebensmittelsektors nicht als Bedrohung für unser bestehendes Kerngeschäft, sondern als Chance“, betont Wesjohann. Deshalb investiert er kräftig in Start-ups, die die Ernährung revolutionieren wollen.

    Dazu zählen Supermeat aus Israel, das Fleisch im Labor züchtet, Good Catch, das veganen Fischersatz herstellt, oder Redefine Meat, das Vegansteaks aus dem 3D-Drucker fertigt. Auch an Bugfoundation, das Insektenburger produziert, ist PHW beteiligt. Insekten haben es Wesjohann angetan – auch als klimaschonendes Proteinfutter für Geflügel. PHW ist am kanadischen Start-up Enterra beteiligt. Das will Fliegenlarven auf Abfällen züchten und zu Tierfutter verarbeiten.

    Doch das ist noch Zukunftsmusik. Nun kommt es für Wesjohann darauf an, dass der Putenschlachthof Corona-frei hochfährt und Werkverträgler reibungslos übernommen werden. Sonst könnte der Unternehmer schnell ins öffentliche Kreuzfeuer geraten wie sein Branchenkollege Clemens Tönnies.

    Mehr: Tönnies-Krise: Werden jetzt Wurst und Schnitzel knapp?

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