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Aufsichtsratschef Volkswagens heimlicher Lenker: Hans Dieter Pötsch steht vor zweiter Amtszeit

Die Berufung des Managers zum Aufsichtsratschef war 2015 höchst umstritten. Warum Pötschs Rückhalt bei den Volkswagen-Großaktionären heute so stark wie nie ist.
11.03.2021 - 16:56 Uhr Kommentieren
Der Aufsichtsratschef von Volkswagen soll bei der Hauptversammlung 2021 wiedergewählt werden. Quelle: Lucas Bäuml/laif
Hans Dieter Pötsch

Der Aufsichtsratschef von Volkswagen soll bei der Hauptversammlung 2021 wiedergewählt werden.

(Foto: Lucas Bäuml/laif)

Wolfsburg An wenigen Tagen im Jahr findet Hans Dieter Pötsch Zeit für einen Ausflug. Begleitet von seiner Frau, erkundet er per Rad die Umgebung um Wolfsburg. Der flache Landstrich um das VW-Stammwerk ist für den gebürtigen Österreicher ein Stück weit Heimat geworden, wie er sagt. Als Aufsichtsratsvorsitzender des Autokonzerns wird er auf den Ausfahrten häufig erkannt, VW ist der zentrale Fixpunkt für die gesamte Region. Aber die meisten Menschen sind zurückhaltend, der Familie Pötsch lassen sie ihre Ruhe.

Solche Pausen vom VW-Alltag sind rar. Denn es passiert viel in dieser Volkswagen-Welt, um die sich rund um Wolfsburg alles dreht. Die Frequenz der Entscheidungen sei hoch, sagt Pötsch selbst. Er klagt nicht, er stellt das nüchtern fest. So ist sein Wesen. Eine Elektrooffensive muss der Konzern anschieben, Milliarden investieren in neue Autos und digitale Geschäftsmodelle.

Der Dieselskandal und seine juristische Aufarbeitung wird Pötsch noch lange beschäftigen. Und dann ist da noch Vorstandschef Herbert Diess, der regelmäßig mit dem obersten Betriebsrat Bernd Osterloh aneinanderrasselt.

In der Welt von Volkswagen findet sich immer beides: die Sachzwänge und die widerstrebenden Interessen der Akteure, das Ringen der meist männlichen Akteure um die Macht. In dieser leicht entzündlichen Atmosphäre ist Pötsch für viele der ruhende Pol. Knallt es, dann klingelt bei ihm das Telefon. Sein Job ist es dann, die erhitzten Gemüter zusammenzuführen und den Boden für Lösungen zu bereiten.

Und kein anderer schafft es, die Lücke zwischen der Wolfsburger Werkbank und den Salzburger Großaktionären so gut zu schließen. Dort hat die Familie Porsche/Piëch ihren Stammsitz.

Volkswagen-Aufsichtsrat: Niedersachen und Katar sind für Hans Dieter Pötsch

Der Clan hat ihn ins Amt geholt, ist seine wichtigste Stütze. Aber nicht nur: Auch das Land Niedersachsen und der Wüstenstaat Katar wollen nicht auf die Dienste von Pötsch verzichten, wenn seine Amtszeit mit der kommenden Hauptversammlung endet. „Wenn er bereit ist, dann werden ihn die größten Aktionäre im Amt bestätigen“, heißt es unisono.

Der konkrete Termin für das Aktionärstreffen steht nicht fest. Ende Mai gilt als wahrscheinlich. Hans Dieter Pötsch will sich dazu nicht äußern, das sei Sache der Eigentümer.

Und die lassen wenig Zweifel an ihrer Präferenz: „Ich schätze an Herrn Pötsch seine Erfahrung, seinen Pragmatismus und seine Unaufgeregtheit“, erklärt Familiensprecher Wolfgang Porsche dem Handelsblatt. Er sei ein ehrlicher Makler der unterschiedlichen Interessen des Volkswagen-Konzerns. „Ihm geht es grundsätzlich um die Sache, nicht um die eigene Person.“

Vor fünf Jahren war es für viele undenkbar, dass dem 69-Jährigen eine zweite Amtszeit gewährt wird. Natürlich kennt Pötsch die Irrungen und Wirrungen im Konzerngefüge inzwischen so gut wie die Radwege in den Wolfsburger Wäldern. Seit dem Jahr 2003 ist er bei Volkswagen. An die Spitze des Aufsichtsrats hatte ihn ausgerechnet die Affäre um manipulierte Abgaswerte von Dieselautos gebracht, die den Konzern bisher mehr als 30 Milliarden Euro gekostet hat.

Hans Dieter Pötsch: Seine Wahl zum Aufsichtsratschef von VW sorgte für Kritik

Dem langjährigen Finanzvorstand Pötsch hatten Staatsanwaltschaft und Investoren den Verdacht zugeschrieben, dass er den Anlegern zu lange das Milliardenrisiko „Dieselgate“ verschwiegen haben könnte. Er sei so lange an entscheidender Position im Konzern dabei gewesen, dass er etwas von den Vertuschungen hätte mitbekommen müssen, so der Verdacht. Pötsch gehörte zum erweiterten Kreis der Vertrauten um das langjährige Führungsduo Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch.

Um das Vertrauen der Anleger wiederherzustellen, sei ein radikaler Schnitt und die Neubesetzung mit einem externen Kandidaten an der Spitze des Aufsichtsrats die bessere Wahl, bemängelte daher Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger im Oktober 2015. Die Aktionärsschützer waren gegen Pötsch, sie wollten einen Neuanfang mit einem neutralen Kandidaten. Das sei überfällig, bekräftigt Bauer seine ursprüngliche Kritik auf Nachfrage. „Und das ist es auch heute noch.“

Trotz des Wissens um das Risiko einer Anklage hatten sich die Großaktionäre im Herbst 2015 durchgesetzt und Pötsch zum Aufsichtsratschef berufen. Über den Rat der Kleinanleger setzten sie sich ebenso hinweg wie über den Kodex für eine saubere Unternehmensführung, die Corporate Governance. Sie sieht einen direkten Wechsel vom Vorstand in den Aufsichtsrat nicht vor, sondern verlangt eine zweijährige Pause, eine Abkühlphase. Sogar für Pötsch selbst macht die Regelung grundsätzlich Sinn, wie es in seinem Umfeld heißt.

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In dem Fall Volkswagen brauchte es damals aber eine schnelle Lösung, erläutert ein Aufsichtsrat. „Wohl war mir dabei aber nicht.“ Pötsch genoss nicht nur das Vertrauen der Großaktionäre. Auch der Betriebsrat und das Management gaben Pötsch den nötigen Rückhalt, wie es aus den jeweiligen Fraktionen heißt.

„Er genießt bei Anteilseignern wie Arbeitnehmern eine hohe Anerkennung“, sagt Jörg Hofmann, Chef der IG Metall und sein Stellvertreter im VW-Aufsichtsrat, dem Handelsblatt. Seine integrative Rolle „war und ist für die Führung des Konzerns im schwierigen Umfeld enorm wichtig“.

Schließlich war das Vakuum an der VW-Spitze im Schicksalsjahr 2015 so groß, dass ab April die IG Metall den Aufsichtsratsvorsitzenden stellen musste. Im Oktober übergab Berthold Huber dann an Hans Dieter Pötsch. Das Vertrauen in Pötsch hält bis heute an – deshalb gilt die Wiederwahl von Pötsch im Mai als sicher.

Freispruch zweiter Klasse für Hans Dieter Pötsch im VW-Dieselskandal

Inzwischen haben sich die Gemüter in Sachen Diesel beruhigt. Auch weil die Staatsanwaltschaft Braunschweig ihre Ermittlungen gegen Pötsch gegen eine Geldauflage eingestellt hat. Im Gegenzug flossen 4,5 Millionen Euro aus der VW-Kasse an die Staatskasse. Es ist ein Freispruch zweiter Klasse, das Risiko einer Anklage ist damit aber vom Tisch.

„Als Aufsichtsratschef hat Herr Pötsch entscheidend dazu beigetragen, die Dieselkrise zu bewältigen“, sagt Hans Michel Piëch, Aufsichtsrat und Sprecher seines Familienarms, dem Handelsblatt. Er treibe gemeinsam mit dem Aufsichtsrat und Vorstand die Transformation des Konzerns voran. „Das hat ihm Achtung bei allen Stakeholdern verschafft.“

Auch beim Land Niedersachsen: „Die Kompetenz und die Integrationsfähigkeit von Herrn Pötsch haben einen wichtigen Anteil daran, dass der Konzern viele Probleme gemeistert hat und sich auf einem guten Kurs befindet“, lobte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).

„In einem System, das mit seinen vielen Marken und unterschiedlichen Stakeholdern komplexer ist als jedes andere, schafft es Herr Pötsch, die Interessen im Aufsichtsrat von Volkswagen zu moderieren“, sagte Vorstandschef Herbert Diess dem Handelsblatt. „Damit unterstützt er den Vorstand bei der Neuausrichtung des Unternehmens.“

Es ist eine ungewöhnliche Eintracht. Oftmals streiten die Vertreter von Familie, Land, dem Management und Betriebsrat darüber, was der richtige Kurs für VW ist. Letztlich geht es um die Frage, wer das Sagen hat. Die Familie als Mehrheitsaktionär sieht sich einem Bund von Betriebsrat und Land gegenüber, das mit seiner Stimmmehrheit im Aufsichtsrat wichtige Entscheidungen beeinflussen kann.

Bei VW ist die hohe Kunst der Diplomatie gefragt. Quelle: dpa
Hans Dieter Pötsch (l.) und Konzernchef Herbert Diess

Bei VW ist die hohe Kunst der Diplomatie gefragt.

(Foto: dpa)

Eskaliert es, dann ist Pötsch gefragt. Allein schon aus dem Grund gibt es bei ihm eine Besonderheit, die ihn von vielen anderen Aufsichtsratsvorsitzenden großer Konzerne unterscheidet. Pflichtbewusst kommt er jeden Tag ins Büro, wie zu seiner Zeit als Finanzvorstand. Er ist auf der Vorstandsetage in der VW-Konzernzentrale geblieben und hat nur den Raum gewechselt.

Weil Pötsch so präsent ist und sich bei vielen Themen einschaltet, ist er in Wolfsburg mit einer ganz besonderen Bezeichnung bedacht worden. „Er ist unser Schatten-CEO“, sagt eine Top-Führungskraft.

Pötsch drängt nicht in die Öffentlichkeit. Selbst auf firmeneigenen Veranstaltungen ist er so unauffällig wie ein Golf im Stadtverkehr. Der Österreicher bleibt lieber im Hintergrund. Früher überließ er Ex-Vorstandschef Winterkorn und Übervater Ferdinand Piëch die Bühne, heute bekommt Herbert Diess dieses Vorrecht. Und doch ist es anders geworden. Den Respekt von Winterkorn und Piëch musste sich Pötsch erst erarbeiten.

Als größter Erfolg von Hans Dieter Pötsch gilt die Rettung von Porsche

Geändert hat sich das erst, als die Übernahme von Volkswagen durch Porsche scheiterte. Pötsch entwarf vor gut zehn Jahren das finanzielle Konstrukt, um beide Unternehmen zu einen und zugleich die für Porsche existenzbedrohende Schuldenlast abzuwerfen. Der Plan ging auf, die Familien Porsche und Piëch wurde zum größten Aktionär des um Porsche erweiterten Volkswagen-Konzerns. Seitdem genießt Pötsch das Vertrauen des Porsche/Piëch-Clans und der anderen Eigentümer gleichermaßen.

Trotz des Erfolgs: Pötsch blieb unauffällig, wurde aber zu der zentralen Figur im Machtgefüge des Konzerns. „Er schafft es, die Interessen der Großaktionäre, des Managements und des Betriebsrats auszugleichen“, sagt ein führender Kontrolleur heute. Er ist eben die Integrationsfigur, von der IG-Metall-Chef Hofmann spricht. Das gelinge niemand anderem in dieser ausbalancierten, aber zugleich von Entschlossenheit geprägten Form.

In anderen Konzernen mag das für erfahrene Manager eine Fingerübung sein. Bei VW ist die hohe Kunst der Diplomatie gefragt. Für häufige Unruhe sorgt etwa der Dauerkonflikt zwischen Vorstandschef Diess und Betriebsratsboss Bernd Osterloh, wo immer wieder auch der Schlichter Hans Dieter Pötsch gefragt ist. Manchmal sei es „mörderisch“, was von Pötsch als Vermittler erwartet werde, sagt eine Top-Führungskraft. „Ich möchte diesen Job nicht machen.“

Erst vor Weihnachten hatte Diess eine Intrige gegen sich gewittert und daher eine vorzeitige Vertragsverlängerung gefordert. Ein höchst ungewöhnlicher Vorgang. Denn mit dieser Forderung hätte Diess auch so sehr scheitern können, dass er hätte gehen müssen. Mitten im größten Umbau in der VW-Geschichte wäre ein Machtvakuum an der Firmenspitze entstanden.

Osterloh und Diess schalteten nach dem Eklat Anfang Dezember auf stur, die Großaktionäre waren ratlos. Als nichts mehr ging, brach die Stunde von Pötsch an. In persönlichen Gesprächen mit beiden weichte er die harte Front auf und schaffte den Boden für einen Kompromiss. Leicht genervt war er schon, da Diess schon einmal im Sommer die Lage hatte eskalieren lassen. Dabei hatte der VW-Chef auch scharf gegen den Aufsichtsrat mit Pötsch an der Spitze geschossen, als er dem Gremium auf einer halb-öffentlichen Veranstaltung Gesetzesbrüche vorgeworfen hatte.

Um Haaresbreite war Diess das erste Mal einem Rauswurf entgangen. Selbst Pötsch war nach dieser Attacke angefasst. Eine Lösung musste dennoch her, wie der oberste Kontrolleur laut Beteiligten im kleinen Kreis sagte. Wie auch später im Dezember schaffte er den Ausgleich zwischen den Streitenden. Und machte sich in den Augen der Großaktionäre einmal mehr unverzichtbar.

Mehr: Der schwierige Abschied vom Verbrenner für Deutschlands Autobauer

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