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Autohersteller Daimler kürzt Arbeitszeit von Zehntausenden Mitarbeitern

Um Kündigungen zu vermeiden, reduziert Daimler die Arbeitszeit von Verwaltungskräften um zwei Stunden pro Woche ohne Lohnausgleich. Prämien werden gestrichen.
28.07.2020 - 14:51 Uhr 2 Kommentare
Daimler kürzt Arbeitszeit von Zehntausenden Mitarbeitern Quelle: Bloomberg
Pkw-Montage von Mercedes

Eine Daimler-Mitarbeiterin prüft Lack und Karosserien von Neufahrzeugen am Montageband.

(Foto: Bloomberg)

München Der Autokonzern Daimler spart weiter gegen den Corona-Schock an. Betriebsbedingte Kündigungen sind in Stuttgart zwar vom Tisch, aber im Gegenzug kürzt der Mercedes-Hersteller die Arbeitszeit von Zehntausenden Mitarbeitern und streicht den rund 130.000 Tarifbeschäftigten in Deutschland die Erfolgsprämie für 2020. Darauf haben sich Vorstand und Betriebsrat nach wochenlangen Verhandlungen in Eckpunkten geeinigt.

Demnach sollen Beschäftigte in der Verwaltung und produktionsnahen Bereichen ab Oktober um zwei Stunden pro Woche weniger arbeiten – ohne Lohnausgleich. Das entspricht in etwa einer Reduktion der Arbeitszeit um 5,7 Prozent. Betroffen sind mehr als 70.000 Mitarbeiter, wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfuhr. Ein Daimler-Sprecher wollte sich nicht zu der Zahl äußern. Sicher ist: Die Regelung ist auf ein Jahr befristet, soll also bis Oktober 2021 gelten.

Darüber hinaus gewährt Daimler bestimmten Beschäftigungsgruppen in diesem Zeitraum kein tarifliches Zusatzgeld mehr. Anspruchsberechtigte sollen stattdessen acht freie Tage erhalten. Bisher konnten etwa Schichtarbeiter mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehören zwischen mehr Geld oder mehr Freizeit wählen.

Nach den beiden Zulieferern Bosch und ZF ist Daimler der erste deutsche Autobauer, der die Arbeitszeit seiner Mitarbeiter infolge der Coronakrise merklich reduziert. VW und BMW sehen dagegen bisher keine Notwendigkeit, von dem Instrument Gebrauch zu machen. Das zeigt, wie groß die Not in Stuttgart ist. Denn zuletzt senkte Daimler die Arbeitszeit seiner Mitarbeiter in der Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 um 8,75 Prozent ab.

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    Damals wie heute hofft der Konzern, mit diesem Schritt seine überbordenden Kosten in den Griff zu bekommen, ohne gleich Personal entlassen zu müssen. „Wir danken der Belegschaft für ihren wichtigen zeitlich befristeten Beitrag, um diese Krise gemeinsam zu bewältigen. Darüber hinaus gilt es, weiterhin miteinander die langfristigen strukturellen Themen anzupacken und zu lösen“, erklärte Daimler-Personalchef Wilfried Porth.

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    Betriebsratschef Michael Brecht betonte: „Die vereinbarten Eckpunkte sind ein deutlicher Beitrag zur Sicherung der Beschäftigung und Stabilisierung unserer Finanzlage. Niemand soll sich in seiner Existenz bedroht fühlen.“

    Der Absatz ist stark eingebrochen

    Die Details zur Umsetzung der Eckpunkte-Vereinbarung sollen in den kommenden Wochen ausgearbeitet werden. Die Grundsatzeinigung markiert freilich eine weitere Verschärfung des Sparkurses von Daimler-Chef Ola Källenius. Der Schwede will bis 2025 mehr als 20.000 von 300.000 Stellen weltweit sozial verträglich abbauen. Dadurch sollen die Personalkosten um etwa zwei Milliarden Euro pro Jahr sinken.

    Daimler ist angeschlagen. Die Verkäufe von Autos und Kleintransportern des Konzerns gingen im ersten Halbjahr um fast ein Viertel zurück. Der Absatz von schweren Lastwagen und Bussen brach sogar um 38 Prozent ein. Nach sechs Monaten steht ein Verlust von 1,7 Milliarden Euro in den Büchern. Im Gesamtjahr rechnet Daimler zwar mit einem Gewinn, aber das Plus dürfte schmal ausfallen. Finanzchef Harald Wilhelm erwartet lediglich einen „niedrigen einstelligen Milliardenbetrag“ als Betriebsergebnis.

    Auch über das Horrorjahr 2020 hinaus bleibt die Situation in der Autoindustrie kritisch. „Vor uns liegen herausfordernde Monate und Jahre“, erklärte Daimler-Chef Källenius erst vergangene Woche. Mit Instrumenten wie der Verkürzung der Arbeitszeit versucht Daimler, die aktuelle Absatzdelle zu überbrücken, bis die Geschäfte wieder anziehen.

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    Zuvor hatten Management und Betriebsrat wochenlang darum gerungen, wie man den Belastungen während der Pandemie am besten begegnen kann. Gekämpft wurde um Pausenregeln, Spätschichtzulagen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld oder um die Auslagerung von Hunderten Beschäftigten. Personalchef Wilfried Porth schloss sogar betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr aus. Ein Tabubruch für die Arbeitnehmervertreter.

    Sie beriefen sich auf eine Vereinbarung vom Oktober 2017. Damals hatte Daimler den meisten der deutschen Beschäftigten eine Jobgarantie bis Ende 2029 gegeben. Doch Porth verwies auf eine Wind-und-Wetter-Klausel in der sogenannten Zukunftssicherung (ZuSI), wonach über eine Anpassung der Vereinbarung beraten werden kann, wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen „schwerwiegend verändern“. Das Ergebnis dieser Beratungen ist die nun beschlossene Arbeitszeitverkürzung und der Wegfall der Erfolgsprämie.

    Spannungen zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretern

    Beiden Seiten war daran gelegen, noch vor den großen Werksferien im August einen Deal zu erzielen, um die Unsicherheit in der Belegschaft nicht weiter zu schüren. Doch die Spannungen zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretern sind mit der Einigung längst noch nicht überwunden. Am Dienstag forderte beispielsweise der Betriebsrat im Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim insgesamt mehr Klarheit über die geplanten strukturellen Veränderungen.

    „Die aktuelle Verunsicherung der Beschäftigten hat der Vorstand durch seine fehlende Kommunikation selbst zu verantworten“, wettern die Betriebsräte in Untertürkheim in einem Flugblatt, das dem Handelsblatt vorliegt. Und weiter: „Von der Werkleitung erwarten wir eine klare Aussage zur zukünftigen Ausrichtung des Standorts und den damit verbundenen Zukunftsperspektiven für unsere Belegschaft.“

    In Untertürkheim zeigen sich wie unter einem Brennglas die Herausforderungen der gesamten Autoindustrie. Hier liegt der Sitz der Daimler-Zentrale. Fast 6.000 Mitarbeiter steuern von hier aus die Dachgesellschaft des Industriekolosses. In den umliegenden sechs Werksteilen produzieren zudem fast 11.000 Frauen und Männer Motoren, Getriebe und Achsen samt Gussteilen. Durch die Verschlankung der Verwaltung und den Hochlauf der Elektromobilität sind die Jobs an dem Standort aber besonders bedroht.

    Durch die Verkürzung der Arbeitszeit versucht Daimler, das Schlimmste zu verhindern und möglichst viele Beschäftigte in die Zukunft mitzunehmen. Mehrere große Zulieferer reagieren mit ähnlichen Ansätzen auf die Coronakrise. Erst vergangene Woche hatte beispielsweise ZF Friedrichshafen beschlossen, die Arbeitszeit seiner deutschen Mitarbeiter um bis zu 20 Prozent zu reduzieren. Im Gegenzug verzichtet der drittgrößte heimische Automobilzulieferer bis Ende 2022 auf betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen.

    Auch Bosch, der Primus unter den Lieferanten, will mit einer Reduktion der Arbeitszeit die Auswirkungen der Coronakrise abmildern. 35.000 Mitarbeiter des Stiftungskonzerns in den Bereichen Entwicklung, Forschung, Vertrieb und Verwaltung arbeiten ab August bis Jahresende um mindestens 8,57 Prozent weniger als zuvor. Dadurch reduzieren sich in diesem Zeitraum auch die Gehälter der Betroffenen.

    Källenius setzt auf das Luxussegment

    Während Daimler, ZF und Bosch sich schon mit den Betriebsräten geeinigt haben, mit welchen Maßnahmen sie auf die Pandemie reagieren, wird bei Continental noch um einen Deal gerungen. Der Hannoveraner Zulieferer will anders als seine Konkurrenten keine Beschäftigungssicherung aussprechen. Der Grund: Conti rechnet mit einer lang anhaltenden Flaute am Automarkt. „Wir erreichen frühestens nach 2025 wieder das Niveau von 2017“, erklärte Konzernchef Elmar Degenhart jüngst. In solch unsicheren Zeiten könne man nicht für alle Jobs eine Garantie gewähren.

    Auch Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer ist skeptisch, ob sich mit der Reduktion der Arbeitszeit mittelfristig ein Gutteil der Jobs in der Autoindustrie halten lässt. „Das Modell ist für eine Übergangszeit von wenigen Jahren praktikabel. Wichtig ist aber, dass die Konzerne dann auch wieder auf Vorkrisenniveau produzieren können“, erklärt der Leiter des Center Automotive Research (CAR). Bleibt die Nachfrage dagegen absehbar auch mittel- bis langfristig niedriger als vor der Pandemie, sei ein Personalabbau der „vermutlich sinnvollere Weg“, so Dudenhöffer.

    Die deutsche Autoindustrie leidet besonders stark unter der Coronakrise. Im ersten Halbjahr sind die Pkw-Verkäufe hierzulande um mehr als ein Drittel auf 1,2 Millionen Einheiten eingebrochen. Die Exporte und das Produktionsvolumen gingen sogar um 40 Prozent zurück. Schlimmer noch: Die Pandemie trifft die Branche mitten im größten Wandel ihrer Geschichte. Verbrennungsmotoren werden im Elektrozeitalter zum Auslaufmodell. Ein gewichtiges Alleinstellungsmerkmal, an dem Hunderttausende Beschäftigte hängen, fällt damit allmählich weg.

    Die Überlappung von Strukturwandel und Pandemie setzt Konzerne wie Daimler enorm unter Druck. Die Folge: Nach einer Dekade des Wachstums ist die heimische Autoindustrie im Schrumpfmodus. Daimler-Chef Källenius will eine Marginalisierung seines Konzerns verhindern, indem er den Autobauer auf Rendite trimmt. Statt mit Massenherstellern um dünne Margen zu konkurrieren, will er Mercedes wieder verstärkt auf Luxusautos fokussieren.

    Die Modellpallette der Marke mit dem Stern baut Källenius folgerichtig mit dem Ziel um, künftig vor allem mit Fahrzeugen am oberen Ende der Segmente profitabel zu wachsen. Eine Expansion in untere Pkw-Segmente, wie sie noch sein Vorgänger Dieter Zetsche unternahm, lehnt Källenius dagegen ab.

    Der Skandinavier sieht, dass die Zahl der Menschen mit einem Einkommen von mehr als 250.000 Euro pro Jahr stetig wächst – und zwar rund um den Globus. „Der Trend kommt uns zugute“, bekundet Källenius. Mit Submarken wie Maybach oder AMG will der Manager noch stärker versuchen, reiche Kunden für Mercedes zu begeistern. Im Idealfall ziehen die hohen Gewinne, die Daimler mit dem Verkauf von Edellimousinen wie der S-Klasse erzielt, den ganzen Konzern mit nach oben.

    Mehr: ZF kürzt Arbeitszeit und verzichtet auf Kündigungen

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    2 Kommentare zu "Autohersteller: Daimler kürzt Arbeitszeit von Zehntausenden Mitarbeitern"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Daimler spart weiter!

      "Gesichtswahrung" für die Herren Porth und Brecht zu Lasten von Zehntausenden der Mitarbeiter.
      Nach Diktat verreist, könnte man noch ergänzen, es wird zwar aktuell nicht gekündigt, aber eine
      Vertragsklausel läßt im Umkehrschluss alle Möglichkeiten in dieser Richtung weiterhin offen.

      Die errechnete Einsparung von rd.450 Mio Euro relativiert sich schnell, wenn man die jüngste
      Aussage des Finanzvorstands (CFO) von Daimler, Harald Wilhelm, gegenüberstellt.
      In der Börsenzeitung sprach er vor Tagen davon, "es könnten Milliardenzahlungen auf Daimler zukommen".
      Wer, wenn nicht "er",könnte es ganz genau wissen.....?

      Folgerung: Nun beteiligt Daimler seine Mitarbeiter auch noch an den Dieselbetrügereien -wie sie genannt werden- und der CEO Herr Källenius "sammelt" fleißig eiin, könnte man den Eindruck des oben genannten
      "Urlaubs-Deals" zwischen den Herren Porth + Brecht bezeichnen. Aber nicht genug der "Daimler-Lichtblicke":

      Als dritte "Geheimwaffe" stellte das Handelsblatt dieser Tage einen Top-Manager der Programmierkunst
      vor, der den Kampf fürs Unternehmen gegen "Google" aufnehmen wird und hoffentlich erfolgreich
      für Daimler abschließen kann. Also CEO + CFO+CTO das neue hoffentlich erfolgreiche Dreigestirn Daimler's.

      Doch ein Blick in die Konzernbilanz 2.Quartal 2020 zeigt, dass zwar die Gesamtverschuldung des Daimler-
      Konzerns um 3,7 Milliarden Euro auf 235,9 Mrd.Euro abgesenkt werden konnte (ultimo 2019:240 Mrd.Euro)
      aber es gilt auch für Daimler weiterhin die Aussage, die einst H.J.Abs ihr langjähriger Aufsichtsratsvor-
      sitzender der "Goldenen Daimler Jahre" auf einer Daimler-Hauptversammlung zum Bedenken gab:

      "Es ist die vornehmste Pflicht des Bankiers ,Kredite dann einzufordern, wenn sie fällig sind."

      Beruhigend für alle Aktionäre und Spekulanten: Das Eigenkapital des Daimler Konzerns betrug am 30.6.2020 stolze 58,8 Mrd.Euro und hat sich "lediglich" um 4,0 Mrd.Euro vermindert.

      Von der KPMG allerdings nur bescheinigt, nicht testiert




    • Der Wegfall der Jahresprämien wird für die meisten Beschäftigten die größere finanzielle Belastung darstellen.
      Die Reduktion der Arbeitszeit um 5,7 Prozent wird sich nicht in gleicher Höhe im Nettogehalt widerspiegeln.
      Die Steuerprogression hat in den letzten Jahren einen immer höheren Anteil der Gehaltssteigerungen aufgefressen. Auch damit wurde die "Schwarze Null" im Bundeshaushalt.
      Allerdings sind bei stagnierenden oder gar sinkenden Löhnen und Gehältern bei steigender Arbeitslosigkeit alle Steuerprognosen reine Makulatur. Der nächste Bundeskanzler wird als Kanzler der Steuererhöhungen in die Geschichte eingehen.

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