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Chinas Transformation Höhere Löhne, Umweltauflagen und Exportzölle – Chinas Unternehmen leiden

Firmen suchen massenweise nach neuen Standorten. Direktinvestitionen in Südostasien boomen. Ein Blick in die Pläne des Unternehmers Lau Tat Pong.
29.11.2019 - 21:25 Uhr Kommentieren
25 Prozent Lohnsteigerung in vier Jahren. Quelle: Sha Hua
Fabrik in Dongguan

25 Prozent Lohnsteigerung in vier Jahren.

(Foto: Sha Hua)

Dongguan, Bangkok Lau Tat Pong sitzt im Besprechungszimmer eines Fabrikgeländes, rund eine Stunde östlich der Hauptstadt Bangkok. Der chinesische Unternehmer bekommt grünen Tee serviert und ist noch guter Dinge. Doch dann folgt die Enttäuschung: „Für die Fabrik, die für Sie infrage kommt, haben wir noch einen anderen Interessenten“, sagt Krichaya Opassathian, Vertriebsmitarbeiterin bei dem Industrieparkbetreiber Amata. „Er wird vermutlich noch diese Woche unterschreiben.“

Schlechte Nachrichten ist Danny, wie ihn seine westlichen Bekannten nennen, inzwischen gewohnt. Am schlimmsten waren Donald Trumps Sonderzölle. Lau stellt im südchinesischen Dongguan Metallbeschichtungen und Metallgeländer für Gebäudefassaden her.

Mit den Tarifen wurden seine Produkte in den USA um ein Drittel teurer. Das brachte für Lau das Fass zum Überlaufen. Ständig steigen die Löhne in China, dazu kosten ihn neue Umweltauflagen viel Geld. Also schaut Lau sich in Südostasien nach einem neuen Fabrikgelände um. Das Handelsblatt begleitete ihn, besuchte auch seine Fabrik im südchinesischen Dongguan.

Lau steht für eine Bewegung. Eine ganze Schar von Unternehmen drängt aus China. Das Land wandelt sich von einem billigen Produktions- und Exportland in eine vom Konsum getriebene Volkswirtschaft. Für alteingesessene Firmen eine schwierige Transformation, Kosten wie Gehälter steigen.

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    Viele Unternehmen suchen daher für ihre Fabriken, die sie bislang in China betrieben, eine neue Heimat. Das bringt Länder wie Thailand und Vietnam an den Rand ihrer Kapazitäten.

    Grafik

    Nach Südostasien flossen laut der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (Unctad) im letzten Jahr ausländische Direktinvestitionen von 155 Milliarden US-Dollar – absoluter Rekord. Beispiel Thailand: Die Direktinvestitionen stiegen 2018 um zwei Drittel auf 13 Milliarden Dollar. In diesem Jahr löste Südostasien laut Unctad China als beliebtestes Investitionsziel in der Welt ab.

    Das wird so weitergehen. Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage überlegten mehr als 70 Prozent der in Südchina tätigen US-Unternehmen, Investitionen zu verschieben oder ihre Produktion in andere Länder zu verlagern, wobei Südostasien das wahrscheinlichste Ziel ist. Panasonic verlagerte im Oktober 2018 die Produktion von Autoradios aus China. Andere Unternehmen wie Yokowo, Sumitomo und Daikin Industries haben ebenfalls damit begonnen umzusiedeln.

    Teure Reinigungsanlagen

    Vor zehn Jahren baute Lau seinen Kundenstamm in den USA auf. „In den ersten Jahren habe ich Unmengen von Geld verbrannt“, erzählt er. Erst 2014 begann er, dort Gewinne zu erwirtschaften. Unter anderem stellte sein Unternehmen die Stahlfassade des 100-11th-Avenue-Gebäudes des Stararchitekten Jean Nouvel. Inzwischen kommen rund 25 Prozent seiner Kunden aus den Vereinigten Staaten. Tendenz steigend.

    Die Zölle waren wie kaltes Wasser für seine Expansion, sagt Lau. Die dadurch verursachten Mehrkosten kann er sich nicht leisten. „Meine Gewinnmarge liegt nur bei acht bis zehn Prozent“, sagt Lau. Bislang schultern seine US-Abnehmer den gesamten Preisanstieg.

    Es bleibt ihnen kaum etwas anderes übrig, manche Produkte wie die Marmornachahmung auf Metall können die Amerikaner bislang gar nicht herstellen. Was auch hilft: Viele Produkte kosten nur ein Drittel des US-Preises. „Meine amerikanischen Geschäftspartner haben also derzeit keine andere Wahl, als mehr zu zahlen“, sagt er. Aber die Sorge ist groß, dass Billigkonkurrenz aus anderen Ländern ihm das Geschäft nimmt.

    Schwierige Suche in Südostasien. Quelle: Sha Hua
    Unternehmer Lau Tat Pong

    Schwierige Suche in Südostasien.

    (Foto: Sha Hua)

    Wenn man durch die Fabrikhallen in Dongguan geht, sieht man viele faltenzerfurchte Gesichter von Menschen, die löten, schneiden und die Ware hin- und hertragen. Das Durchschnittsalter seiner 160 beschäftigten Arbeiter, so Lau, betrage 44 Jahre.

    Viele seien sogar schon über 50. „Die jungen Arbeiter haben kein Interesse, in einem Aluminiumwerk für dieses Gehalt zu schuften. Die wollen jetzt alle zu den Tech-Unternehmen“, sagt er. Geholfen habe da auch nicht, dass China in den vergangenen Jahren landesweit, wenn auch regional unterschiedlich, das Mindestgehalt angehoben hat. 2015 betrug es in Dongguan 1510 Yuan, also umgerechnet 200 Euro. Inzwischen sind es 250 Euro.

    Steigende Löhne und der Mangel an Arbeitskräften sind nicht Laus einzige Motivation, aus China wegzugehen. Im Laufe des Gesprächs gibt Lau zu, dass die immer strengeren Umweltauflagen und Kontrollen in China eine wichtige Rolle spielen. Vor 20 Jahren habe er doch bereits eine teure Anlage zur Entsorgung des Aluminium- und Chromabfalls gebaut, klagt er. Nun behaupteten die Inspektoren, dass beim Besprühen des Metalls organische Lösungsmittel in die Luft gelangten und sie verschmutzten.

    Für eine neue, auf das Werk zugeschnittene Luftsäuberungsanlage müsste er 115.000 Euro zahlen. „Und ich weiß noch nicht einmal, ob die Gesetze im nächsten Jahr noch strenger werden“, sagt Lau. Ein anderer Fabrikbesitzer habe gerade erst 1,3 Millionen Euro für eine Reinigungsanlage ausgegeben, die im vergangenen Oktober zertifiziert wurde – aber wohl nächsten März schon obsolet ist. „In Thailand wird der Umweltschutz noch nicht so hoch gehängt“, meint er.

    Für seine Suche nach einem neuen Standort in Thailand hat sich Lau drei Tage Zeit genommen. Sein Terminkalender ist voll mit Besichtigungsterminen in unterschiedlichen Industriegebieten. Mal sind sie näher am lokalen Tiefseehafen, mal besser an den Bangkoker Flughafen angebunden. Manche werben mit besonders breiten Zufahrtsstraßen, andere bieten Schule und Krankenhäuser in der unmittelbaren Nachbarschaft.

    Doch trotz der Auswahl tut sich Lau schwer, etwas Passendes zu finden: „Wir wollen keine Zeit verlieren und brauchen deshalb ein fertiges Fabrikgebäude“, sagt er am dritten Tag seiner Reise vor der letzten Besichtigungstour. „Es gibt aber kaum etwas in den Dimensionen, die wir benötigen.“ Mindestens 100 Meter lang und 30 Meter breit müsse das Gebäude sein, um genug Platz für die Fertigungslinie zu haben.

    Aus den Händen gerissen

    Krichaya Opassathian ist beim Industrieparkbetreiber Amata eigentlich für japanische Kunden zuständig. Doch weil der Andrang aus China gerade so stark ist, kümmert sich die junge Thailänderin nun auch um Kunden wie Lau, der zum Informationsgespräch zusammen mit seinem Neffen anreist. Fast täglich hat Krichaya derzeit eine solche Besprechung.

    Sie spricht die Probleme offen an: „Wir haben gerade einfach nicht genug im Angebot“, sagt sie. „Wir bauen und bauen. Aber die Fabriken werden uns regelrecht aus den Händen gerissen, weil so viele Fabriken aus China verlegt werden.“

    Unternehmer Lau (M.) mit Krichaya Opassathian, Vertriebsmitarbeiterin bei dem Industrieparkbetreiber Amata. Quelle: Matthias Peer
    Verhandlungen

    Unternehmer Lau (M.) mit Krichaya Opassathian, Vertriebsmitarbeiterin bei dem Industrieparkbetreiber Amata.

    (Foto: Matthias Peer)

    Krichayas Arbeitgeber Amata bietet Unternehmen in seinen Industrieparks besenreine Fabrikgebäude in unterschiedlichen Größen zum Soforteinzug. Auch bei den Anträgen für Betriebslizenzen und den Dokumenten für den Import von Maschinen ist das Unternehmen auf Wunsch behilflich. Gerade wenn beim Aufbau einer neuen Fabrik die Zeit drängt, ist das unkomplizierte Angebot gefragt.

    Doch nicht nur das knappe Angebot ist für Lau ein Problem. Auch die Kosten seines Vorhabens sorgen für eine negative Überraschung: „Die Industrieparks sind ja alle ganz schön“, sagt er, während er in einem schwarzen Minibus über die Bangkoker Stadtautobahn fährt. „Aber die Preise sind für mich schon unerwartet. Die sind ja doppelt so hoch wie in China! Ich dachte eigentlich, dass es billiger sein würde.“

    Trotz der hohen Preise glaubt Lau, kaum eine andere Wahl zu haben. Ihm gefällt, dass Thailand politisch stabil ist. Außerdem hat er in Thailand einen Freund, den Besitzer von Meyer Aluminium. 1989 beschlossen beide wegen der hohen Lohnkosten in Hongkong, ihre Produktion zu verlagern. Sein Freund entschied sich für Thailand, weil er nach der blutigen Niederschlagung der Tiananmen-Proteste der chinesischen Regierung nicht mehr traute.

    Lau entschied sich für Dongguan. Er kam 1952 in Guangzhou zur Welt und fühlt sich China verbunden, obwohl er als Sechsjähriger schon nach Hongkong ging. „Ich glaubte damals, dass China seine Gründe hat. Auch wenn ich die Tat abscheulich fand“, sagt er. Lange schien das die richtige Entscheidung; sein Geschäft florierte.

    Lange Wartezeiten an Häfen

    Auch mit Vietnam und Kambodscha beschäftigte sich Lau schon. Aber die Länder kommen nicht infrage. In Kambodscha seien Lieferketten und Infrastruktur nicht gut genug. „Und Vietnam ist heillos überlaufen. Die Preise für Land und Arbeit sind da durch die Decke geschossen“, sagt Lau. „Richtig furchteinflößend.“

    Vietnam gilt in Südostasien als größter Profiteur des Handelskriegs. In das wie China kommunistisch regierte Land wanderten massenhaft Unternehmen aus, die bisher in China produzierten: von dem Spielekonsolenhersteller Nintendo über den Apple-Zulieferer Goertek bis zur US-Laufschuhfirma Brooks. Die Zahl der angemeldeten Investitionsvorhaben stieg in den ersten acht Monaten des Jahres um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

    Hohe Kosten, lange Wartezeiten. Quelle: Matthias Peer
    Fabrikbesichtigung

    Hohe Kosten, lange Wartezeiten.

    (Foto: Matthias Peer)

    Doch die Infrastruktur hält dem Ansturm kaum stand. Unternehmer klagen über lange Wartezeiten an den Häfen und überlastete Straßen. Die Mietkosten in den Industrieparks sind rasant gestiegen – in der südvietnamesischen Provinz Binh Duong etwa um mehr als 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, in Hai Duong nahe der Hauptstadt Hanoi waren es knapp 30 Prozent. Gleichzeitig gilt der Arbeitsmarkt mit Blick auf Fachkräfte als so gut wie leer gefegt.

    Um Vietnam im Standortwettbewerb etwas entgegenzusetzen, beschloss Thailands Regierung im September finanzielle Vergünstigungen für neue Fabriken: Für fünf Jahre sollen die Unternehmenssteuern halbiert werden.

    Herrn Lau bereiten in Thailand jedoch weniger Steuern Sorgen als die Gefahr von Engpässen. Der Arbeitsmarkt beschäftigt ihn besonders. „Ich habe gelesen, dass Thailand eine Arbeitslosenquote von lediglich einem Prozent hat“, sagt er. „Das macht mir richtig Angst.“ Für seine geplante neue Fabrik braucht er zwar wohl nur 50 bis 60 Mitarbeiter. Aber Lau weiß bereits aus seiner Heimat, wie schwer es für kleine und mittelgroße Firmen sein kann, Personal zu finden.

    Laus Kundenberaterin im Amata-Industriepark, Krichaya, versucht, dem Unternehmer die Sorgen zu nehmen. 200.000 Menschen seien auf dem Gelände in der Provinz Chonburi beschäftigt, anderthalb Millionen leben im unmittelbaren Einzugsgebiet. Krichaya gibt aber zu, dass der Wettbewerb der Fabriken um Arbeiter zu einer hohen Fluktuation führen kann. „Frauen bleiben ihrem Arbeitgeber oft länger treu, aber Männer wechseln sehr häufig“, erklärt sie.

    Obwohl die einzige Fabrik auf ihrem Gelände, die für Lau infrage kommt, wohl bereits vergeben ist, will Krichaya dem potenziellen Investor trotzdem ein Angebot machen: Sollte er einen Mietvertrag für mindestens drei Jahre unterschreiben, würde Amata für ihn sofort eine neue Fabrik gemäß seinen Anforderungen bauen. Und das soll schnell gehen: Wenn Lau im Dezember unterschreibe, könne er bereits im Mai damit beginnen, seine Anlagen aufzubauen.

    Um vorzuführen, dass es tatsächlich so schnell gehen kann, führt Krichaya den Unternehmer zur Baustelle einer Fabrik, die für einen anderen China-Abwanderer vorgesehen ist. Zwei Monate zuvor war Baubeginn, inzwischen sind die Konturen des Gebäudes schon gut erkennbar. Die Stahlträger stehen bereits, auch Teile der Außenmauer. Arbeiter mischen in der Mittagshitze Farbe an. Lau setzt sich einen weißen Helm auf und marschiert über die Zufahrtsrampe in die künftige Werkshalle.

    Die Rampe komme ihm etwas steil vor, bemerkt er. Der Bauleiter erklärt Lau, dass er bei einem Neubau auch Sonderwünsche für seine Fabrik umsetzen könne. Lau scheint aber vor dem Planungsaufwand zurückzuschrecken: „Uns fehlt einfach die Zeit, uns noch vor Baubeginn mit Planungsentscheidungen auseinanderzusetzen.“

    Die wichtigste Frage stellte Lau ganz am Ende des Besichtigungstermins – die nach dem Preis. Pro Quadratmeter der neu gebauten Fabrik würden 220 Baht Monatsmiete anfallen. Für die mindestens 3000 Quadratmeter, die Lau braucht, wären das umgerechnet rund 20.000 Euro im Monat. Ein Schnäppchen ist das nicht. Zeit zu verhandeln hat Lau aber keine. Er muss weiter zu einem Kundentermin und dann zum Flughafen.

    Er werde wohl in den kommenden Wochen noch einmal nach Thailand kommen müssen, um eine Entscheidung zu fällen, sagt er. Trotz der Probleme liebäugelt er weiter mit Thailand. Die Wahrscheinlichkeit dafür beziffert er auf 70 bis 75 Prozent. Das zeigt seinen Leidensdruck in China – und wie sehr sich das Land wandelt.

    Mitarbeit: Thomas Jahn

    Mehr: US-Präsident Donald Trump sieht ein Ende im Handelsstreit mit China. Seit eineinhalb Jahren überziehen sich die beiden Wirtschaftsmächte mit milliardenschweren Sonderzöllen.

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