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  4. Wie die Autoproduktion mit grünem Stahl umweltfreundlicher werden kann

Handelsblatt Auto-GipfelAutofertigung wird klimafreundlich mit grünem Stahl

Für die Dekarbonisierung der Autoindustrie braucht es nicht nur alternative Antriebe, sondern grünen Stahl. Dieser benötigt erneuerbare Energie, die nicht ausreichend verfügbar ist.Isabelle Wermke 25.10.2023 - 17:42 Uhr Artikel anhören

Bernhard Osburg, Vorstandsvorsitzender von Thyssen-Krupp Steel, sagt: Stahlhersteller werden künftig vor allem Energiemanager sein.

Foto: Handelsblatt Media Group / Foto Vogt GmbH

Düsseldorf. „Mit jeder Tonne Stahl, die Autohersteller verbauen, entstehen zwei Tonnen CO2“, sagt Bernhard Osburg, Vorstandsvorsitzender von Thyssen-Krupp Steel, auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel 2023. Und der Stahlbedarf der Automobilindustrie ist groß: Jährlich werden in der Produktion rund neun Millionen Tonnen Stahl benötigt.

Die Stahlherstellung ist besonders CO2-intensiv und für acht Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Um klimaneutral zu werden und auch die CO2-Bilanz ihrer Endprodukte offenzulegen, braucht die Automobilindustrie große Mengen an grünem Stahl und nachhaltig hergestelltem Aluminium.

Die Tagung der Automobilbranche findet in diesem Jahr in Essen im Thyssen-Krupp-Quartier, der Konzernzentrale des Traditionsunternehmens, statt. „Thyssen-Krupp ist ein guter Ort für diese Veranstaltung“, beginnt Miguel Lopez, CEO des Industriekonzerns, seine Willkommensrede. „Über ein Viertel unseres Umsatzes macht bei Thyssen-Krupp die Automobilindustrie aus.“

CO2-neutrale Autoindustrie braucht grüne Produktionsprozesse

Die Dekarbonisierung der Branche entscheide sich nicht nur mit alternativen Antriebstechnologien, so Lopez. „Auch die Werkstoffe und Komponenten müssen grün werden, sowie die Beschaffungs- und Produktionsprozesse dieser.“

Deshalb ist für die Stahlproduzenten der Zugang zu erneuerbarer Energie von großer Bedeutung. Bei Thyssen-Krupp Steel etwa steige der Bedarf an grünem Strom bis 2030 auf das 1,75-Fache des Stromverbrauchs der Großstadt Hamburg, gibt Osburg von Thyssen-Krupp Steel einen Ausblick. So steigen auch die Kosten.

Künftig sollen bei Thyssen-Krupp Steel die Energiekosten für die Herstellung einer Bramme, also eines Blocks aus Rohstahl, einen Anteil von etwa 50 Prozent der Kosten ausmachen. Beim gegenwärtig produzierten „grauen Stahl“ – also aus nicht erneuerbaren Energien – sind dies lediglich fünf Prozent.

Osburg sieht daher eine neue wichtige Aufgabe für die Unternehmen: „Stahlhersteller werden künftig vor allem auch Energiemanager sein.“

In Nordschweden wird bereits Stahl mit der Hilfe von grünem Wasserstoff hergestellt.

Foto: Bloomberg, Getty Images

Für die Umstellung auf die Produktion von grünem Stahl wurde der Industriekonzern jüngst mit rund zwei Milliarden Euro von Bund und Land gefördert. Ende 2026 soll am Standort Duisburg eine sogenannte Direktreduktionsanlage in Betrieb gehen und jährlich 2,5 Millionen Tonnen Stahl produzieren – zuerst mit Erdgas und dann mit grünem, also durch Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugtem, Wasserstoff.

Diese Umstellung ist durch hohe Energiepreise und fehlende Wasserstoffinfrastruktur zwar teuer. Doch Thyssen-Krupp-Chef Lopez warnt davor, Wertschöpfungsketten für Produkte wie grünen Stahl in Weltregionen mit günstigeren Produktionskosten abwandern zu lassen. „Dabei werden die Konsequenzen nicht ausreichend bedacht. Denn ist die Stahlproduktion als Glied in der Wertschöpfungskette erst einmal abgewandert, hat dies mittelfristig Konsequenzen für die Automobilproduktion hierzulande.“

Wo künftig Autos sowie Komponenten und Software gebaut würden, entscheide sich mit der Verfügbarkeit von erneuerbarer Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen, sagt Lopez. „Europa, die USA und China konkurrieren um die effektivsten Fördermechanismen – und mancher taktiert mit dem Faktor Zeit. Wer aber die Dekarbonisierung seiner Stahlproduktion verzögert, verleiht denen, die früher umsteigen, einen Kostenvorteil.“

Deutsche Autobauer: Lieferverträge für grünen Stahl

Dazu kommt: Experten prophezeien seit Jahresbeginn eine Knappheit des grünen Stahls, da das Angebot an CO2-reduzierten Materialien wie Stahl und Aluminium nicht mit der schnell steigenden Nachfrage mithalten könne. Ein Nachfrageüberhang könne bis ins kommende Jahrzehnt bestehen bleiben.

Einige Autohersteller haben deshalb schon jetzt Lieferverträge mit Stahlherstellern für grünen Stahl geschlossen. Mercedes-Benz etwa hat im Juni einen Liefervertrag mit dem schwedischen Start-up H2 Green Steel geschlossen: Ab 2025 will der Autohersteller jährlich 50.000 Tonnen Grünstahl in seine Endprodukte verbauen.

Im Durchschnitt besteht eine Limousine des Autoherstellers zu rund 50 Prozent aus Stahl. Etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen in der Produktion fallen darauf zurück.

Mehr vom Handelsblatt Auto-Gipfel 2023

Auch BMW hat sich bei der CO2-Einsparung hohe Ziele gesetzt und setzt beim Einsatz von Grünstahl gleich auf zwei Lieferanten: 40 Prozent des grünen Stahls für die Produktion will BMW ab 2030 ebenfalls von H2 Green Steel beziehen. Zusätzlich hat der Autobauer mit dem deutschen Stahlhersteller Salzgitter AG Lieferverträge geschlossen. Ab 2026 soll Salzgitter grünen Stahl für die europäischen Werke liefern.

Auch Volkswagen soll ab 2026 von Salzgitter mit grünem Stahl beliefert werden.

Der Automobilzulieferer ZF hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu sein. „Stahl ist ein wichtiger Grundstoff für uns“, sagt Holger Klein, Vorstandsvorsitzender von ZF. Die Grünstahlproduktion sei ein globales langfristiges Ziel, so Klein.

Grüner Stahl: Definition fehlt bislang

Ein Problem bleibt aber bestehen: Für grünen Stahl braucht es Standards. Denn die Menge an ermittelten Emissionen muss nicht nur für das Produkt selbst aufgeschlüsselt werden – sondern auch von Kunden wie der Automobilindustrie bei der Weiterverarbeitung kenntlich gemacht werden können.

„Die Gretchenfrage lautet: Was ist eigentlich grüner Stahl?“, sagt Thyssen-Krupp Steel-Chef Osburg. Denn eine globale oder europäische Definition für grünen Stahl fehlt bislang.

Im Oktober 2022 hatte die Wirtschaftsvereinigung Stahl, der Osburg auch vorsitzt, einen Vorschlag für ein Labelsystem gemacht, um emissionsarmen oder -freien Stahl zu definieren. Der Vorschlag beinhaltete ein Klassifizierungssystem, das es Stahlkunden erleichtert, den gesamten CO2-Fußabdruck des jeweiligen Endprodukts anzugeben. Doch als konkrete Definition umgesetzt wurde dies von der Politik bislang nicht.

Auch Unternehmen wie der Stahlhändler Klöckner & Co bieten inzwischen einen eigens entwickelten CO2-Fußabdruck für die Stahlprodukte an.

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