Streit über Schadensersatz: Dieselskandal kostete VW mehr als 30 Milliarden Euro – Ex-Chef Winterkorn kommt mit rund elf Millionen davon
Nach Überzeugung des Aufsichtsrats steht fest, dass Winterkorn es in der Zeit ab dem 27. Juli 2015 unterlassen habe, die Hintergründe des Einsatzes unzulässiger Softwarefunktionen in Dieselmotoren aufzuklären.
Foto: ReutersDüsseldorf. Die Strafzahlungen und Entschädigungen im Zuge des Dieselskandals haben Volkswagen bislang mehr als 30 Milliarden Euro gekostet. Rund elf Millionen Euro bekommt der Konzern jetzt von dem Manager, der VW während des Skandals führte: Martin Winterkorn. Nach Informationen des Handelsblatts steht eine Einigung im langen Streit über Schadensersatz durch den Ex-Chef kurz vor dem Abschluss.
Es wird die höchste Entschädigung, die ein deutscher CEO bislang seinem ehemaligen Arbeitgeber bezahlt hat. Tatsächlich kommt Winterkorn aber glimpflich davon: Ursprünglich hatte VW eine Milliarde Euro gefordert.
Auch mit fünf weiteren Vorständen stehe VW kurz vor einer Einigung. Noch in dieser Woche sollen entsprechende Vereinbarungen unterschrieben werden. Das erfuhr das Handelsblatt aus mit den Vorgängen vertrauten Kreisen. Die Manager dürften am Ende persönlich mit einer insgesamt zweistelligen Millionensumme haften, der Löwenanteil soll dabei von Ex-Vorstandschef Martin Winterkorn kommen. Zwei weitere Vorstände werden demnach voraussichtlich zwischen sechs und sieben Millionen Euro zahlen, die restlichen je zwischen einer und drei Millionen Euro.
Zu einem Deckungsvergleich soll es zudem mit dem Managementhaftplicht-Versicherer des Konzerns kommen. Die Versicherer um die Zurich-Gruppe könnten zwischen 200 und 300 Millionen Euro zahlen. Zuerst hatte das Onlinemagazin „Business Insider“ über anstehende Einigungen berichtet.
Weder der Konzern noch die Manager und Versicherer wollten sich zu den Verhandlungen äußern.
Ende März hatte der VW-Aufsichtsrat beschlossen, von Winterkorn, dem früheren Audi-Chef Rupert Stadler sowie vier weiteren Ex-Vorständen Schadensersatz wegen der Verletzung aktienrechtlicher Sorgfaltspflichten zu fordern. Der Konzern stützte sich bei den Regressforderungen auf ein Gutachten der Kanzlei Gleiss Lutz. Die Sozietät war zu dem Ergebnis gekommen, dass der damalige CEO Winterkorn es ab dem 27. Juli 2015 unterlassen habe, die Hintergründe des Einsatzes unzulässiger Softwarefunktionen in Dieselmotoren unverzüglich und umfassend aufzuklären.
Rupert Stadler steht wegen einer möglichen Mitverantwortung an den manipulierten Abgaswerten bereits vor dem Münchener Landgericht.
Foto: ReutersAuch beim Ex-Audi-Chef Stadler sowie den früheren Audi-Entwicklungsvorständen Ulrich Hackenberg und Stefan Knirsch sowie Ex-Porsche-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz und Heinz-Jakob Neußer, dem Ex-Entwicklungsvorstand von Volkswagen, stellten die Anwälte Pflichtverletzungen fest.
Ursprünglich forderte VW mehr als eine Milliarde Euro
Von Winterkorn forderte VW im Anschluss zunächst eine Milliarde Euro, die anderen Manager sollten teils hohe Millionenbeträge zahlen. Von diesen unrealistischen Forderungen rückte man im Unternehmen dann offensichtlich schnell ab. Den Druck auf die Manager hielt man aber laut Insiderkreisen hoch. Das Signal: Kommt es nicht zu einer zügigen Einigung, folgen Schadensersatzklagen. Das Ziel: Ein Vergleich soll noch vor der Hauptversammlung im Juli gefunden werden.
Zwar verlautete noch vor wenigen Tagen aus Verhandlungskreisen, dass man noch nicht auf der Zielgeraden sei. Doch nun läuft es laut Handelsblatt-Informationen bei allen sechs Vorständen auf eine Einigung in den kommenden Tagen hinaus.
Am heutigen Dienstag kommen demnach die Versicherer zusammen, bei denen Volkswagen für seine Spitzenmanager eine sogenannte D&O-Versicherung mit einer Deckungssumme von 500 Millionen Euro abgeschlossen hatte. Sie sollen offenbar prinzipiell bereit sein, in einem Deckungsvergleich 200 bis 300 Millionen Euro zu zahlen. Allerdings soll es an der einen oder anderen Stelle noch Unstimmigkeiten in dem Kreis von mehr als einem Dutzend Versicherern geben. Die Versicherer gehen offensichtlich lediglich von fahrlässigen Pflichtverletzungen der Manager aus.
Würde Winterkorn tatsächlich zehn Millionen Euro aus seiner Privatkasse beisteuern, käme er gemessen an seinem Vermögen und seinem Verdienst relativ glimpflich davon. Winterkorn gehörte jahrelang zu den Topverdienern unter den Dax-Vorständen.
Andererseits wäre ein Privatbeitrag von zehn Millionen Euro in einem D&O-Fall rekordverdächtig. Zum Vergleich: Der frühere Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer zahlte im Kirch-Fall 3,2 Millionen Euro aus der eigenen Tasche, Ex-Siemens-Chef Heinrich von Pierer nach dem Korruptionsskandal fünf Millionen Euro.
Versicherer müssten Rekordsumme zahlen
Auch der mögliche Beitrag des D&O-Versicherungskonsortiums um Zurich und Allianz von bis zu 300 Millionen Euro ist ohne Beispiel. Im Siemens-Fall steuerten die Versicherer 100 Millionen Euro bei. Einen noch größeren Betrag – knapp 170 Millionen Euro – zahlte ein Konsortium wegen einer Aussage des damaligen Daimler-Chrysler-Chefs Jürgen Schrempp. Er hatte gesagt, der Zusammenschluss von Daimler und Chrysler 1998 sei keine Fusion unter Gleichen gewesen, sondern eine Übernahme. Das hatte massive Anlegerklagen und enorme Schäden zur Folge.
Die Vergleichszahlungen könnten in der zweiten Jahreshälfte fließen. Michael Hendricks, Experte für Managerhaftung und D&O-Versicherungen, geht davon aus, dass mit einem Vergleich alle zivilrechtlichen Verpflichtungen zwischen VW, den Versicherern und den Managern erledigt sind – obwohl die Strafverfahren noch gar nicht abgeschlossen sind und Urteile ausstehen.
Prinzipiell leisten Versicherer bei vorsätzlichen Straftaten nicht. „Mit der Praxis hat das allerdings wenig zu tun. Die Versicherer lassen sich auch auf Deals ein, wenn diese Frage noch nicht geklärt ist“, erklärt Hendricks. Es sei aber nicht selbstverständlich, dass sich die Parteien wie in diesem Fall so schnell einigen würden.
Alle betroffenen Vorstände haben Pflichtverletzungen bis heute stets zurückgewiesen. Gegen alle sechs liegen unterdessen bereits Anklagen vor, gegen Stadler und Hatz läuft derzeit vor dem Landgericht München der Prozess.