Takata-Skandal: Airbag-Desaster weitet sich aus – US-Behörde auch mit Mercedes, BMW und Porsche in Kontakt
Weil immer wieder Airbags fehlerhaft auslösten und Fahrer verletzten, musste Takata den größten Rückruf in der Geschichte der Autoindustrie starten.
Foto: APNew York, München, Düsseldorf. Die Autoindustrie musste in der vergangenen Dekade bereits mehr als 100 Millionen Fahrzeuge wegen potenziell lebensbedrohlicher Airbag-Systeme des Zulieferers Takata in die Werkstätten beordern. Es war der größten Rückruf aller Zeiten, der bis heute andauert. Nun könnte sich das Desaster sogar ausweiten.
Der Grund: Die US-Verkehrsbehörde NHTSA hat zuletzt eine neue Untersuchung eingeleitet. Sie prüft, ob immer noch Millionen von Pkw mit fehlerhaften Airbags unterwegs sind. Die technische Analyse der National Highway Traffic Safety Administration umfasst schätzungsweise 30 Millionen Fahrzeuge in den Vereinigten Staaten aus den Baujahren 2001 bis 2019.
Betroffen von der Untersuchung sind unter anderem Modelle von Toyota, Ford, General Motors, Honda, Nissan und Ferrari. Auch Fabrikate von drei deutschen Herstellern werden geprüft. Konkret hat sich die NHTSA bereits bei Mercedes-Benz, BMW und Porsche gemeldet, wie die Konzerne auf Anfrage des Handelsblatts bestätigen.
Im Kern dreht sich die Untersuchung der Behörde des US-Verkehrsministeriums offenbar um eine neuere Generation von Gasgeneratoren mit Trocknungsmitteln. Zum Hintergrund: Früher verwendete Takata in seinen Airbags vor allem Ammoniumnitrat, um die Luftkissen mithilfe einer kleinen Explosion aufzublasen.
Das Problem dabei: Die Chemikalie konnte unter bestimmten Umständen feucht werden und dadurch eine so heftige Explosion auslösen, dass Metallsplitter des Gasgenerators durch den Innenraum geschleudert wurden. Um solch eine Detonation zu verhindern, stattete Takata seine Airbags später auch mit Trocknungsmitteln aus, die das Entstehen von Feuchtigkeit unterbinden sollen.
Deutsche Autobauer kooperieren
Laut Informationen der Nachrichtenagentur Reuters hat die NHTSA zwar bis dato kein akutes Sicherheitsrisiko bei diesen neueren Takata-Systemen identifiziert. Die Behörde betont aber, dass noch mehr Forschungsarbeit zu etwaigen Risiken vonnöten sei.
„Es geht darum, mit den Behörden in regelmäßigen Abständen weitere Daten zu erheben, um die Produktsicherheit der betroffenen Produkte im Feld sicherzustellen“, heißt es bei BMW. Der Stuttgarter Konkurrent Mercedes erklärte, ebenso wie andere Fahrzeughersteller über die neue Untersuchung „informiert“ worden zu sein. Das Unternehmen werde „hierzu eng mit der NHTSA zusammenarbeiten“.
Porsche evaluiert aktuell die Lage. „Wir kennen derzeit keine Details“, bekundete der Sportwagenhersteller. Es handele sich um eine erste Untersuchung, und es gebe noch keinen Rückruf. Von daher sei auch offen, welche Modelle aus welchem Zeitraum überhaupt betroffen sein könnten. Porsche müsse in der aktuellen Situation noch nicht reagieren. Es habe auch keine Unfälle oder andere verdächtige Vorfälle gegeben, betont das Unternehmen.
Volkswagen und Audi, die ebenfalls in den USA vertretenen Porsche-Schwestermarken aus dem VW-Konzern, reagierten entspannt auf die Untersuchung der NHTSA. Beide Autohersteller seien davon nicht betroffen, sagte ein Sprecher in der Wolfsburger Konzernzentrale.
Kein akutes Risiko – so lautet aktuell der einhellige Tenor bei den deutschen Autobauern in Bezug auf die neuerlichen Zweifel an Takata-Airbag-Systemen. Experten warnen allerdings davor, das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen. „Im Zusammenhang mit Takata kann man überhaupt nichts ausschließen. Auch in den nachgebesserten Airbags könnte noch ein großes Risiko stecken“, konstatiert Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Center Automotive Research.
Weitere Rückrufe möglich
Jerry Cox rechnet sogar fest damit, dass die Autobauer früher oder später zu einem Massenrückruf verdonnert werden. „Mir ist nicht ganz klar, was diese Untersuchung der NHTSA soll. Eigentlich haben sie alle Fakten vorliegen, und die zeigen, dass die Trocknungsmittel eine schwere Explosion zwar verzögern, aber nicht verhindern können“, sagte der Rechtsanwalt, ehemalige Takata-Berater und Autor des Buchs „Killer Airbags“ dem Handelsblatt.
Laut Cox hätten frühere Takata-Ingenieure in ihren Tests eindeutig festgestellt, dass auch die Airbags mit Trocknungsmittel tödliche Unfälle nicht verhindern können. Der Jurist hält daher eine breite Ruckrufaktion für unvermeidlich, nur der Zeitpunkt sei noch offen.
Chemikalien in Gasgeneratoren der Airbags lösen die Explosion der Airbags aus. Ein neues Trocknungsmittel soll das verhindern.
Foto: Reuters„Den Autoherstellern kommt die neue Untersuchung entgegen“, meint Cox. „Je länger die Untersuchung und damit letztendlich der Rückruf dauert, umso weniger Menschen werden ihre Autos zurück in die Werkstatt bringen“, erklärt er. Die NHTSA stelle damit „das Wohl der Autokonzerne vor das der öffentlichen Sicherheit“, kritisiert der Anwalt.
Cox wurde 2014 von Takata als externer strategischer Berater angeheuert, als sich die Toten nicht mehr vertuschen ließen. Er schlug den Japanern damals laut eigenem Bekunden vor, reinen Tisch zu machen und mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit zu gehen. Doch das Management von Takata habe davon nichts hören wollen und verzichtete später auf seine Dienste.
Nach seinen Erfahrungen und Einblicken hat Cox im vergangenen Jahr ein Buch über den Skandal herausgebracht und bereits damals gewarnt, dass auf amerikanischen Straßen weiterhin 30 Millionen Fahrzeuge mit potenziell unsicheren Airbags fahren. Drei Dutzend Menschen sind infolge von schadhaften Takata-Systemen bereits ums Leben gekommen, 19 davon in den USA.
Erhebliches Kostenrisiko
Takata musste deshalb eine Milliarde Dollar Strafe zahlen. 25 Millionen Dollar als Buße für kriminelles Verhalten, 825 Millionen Dollar in Form von Rabatten für die Autohersteller und 125 Millionen Dollar für einen Fonds für die Opfer.
Heute ist von Takata nicht mehr viel übrig. Das Unternehmen meldete 2017 Insolvenz an. Lediglich eine Stiftung zur Abwicklung des Unternehmens existiert noch. Kommt es in den nächsten Jahren zu weiteren Rückrufen wegen Takata-Airbags, bleiben die Fahrzeughersteller daher wohl auf den Kosten sitzen. Und die Aufwendungen können schnell in den Milliardenbereich gehen.
Allein Daimler musste in den vergangenen Jahren fast 7,4 Millionen Pkw, Vans und Lastwagen im Zuge des Takata-Skandals in die Werkstätten rufen. Kostenpunkt bisher: gut 1,3 Milliarden Euro.