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Thyssen-Krupp, SalzgitterWie es um die deutsche Stahlindustrie steht

Seit Jahren spricht die Stahlbranche vom grünen Umbau. Doch statt von Zukunftstransformation ist nun von Stellenabbau die Rede, und die Konkurrenz aus Asien drängt auf den Markt.Nell Rubröder, Isabelle Wermke 19.03.2024 - 09:07 Uhr
Diskussion bei der Handelsblatt-Tagung Zukunft Stahl 2024 in Essen (v. l.): Kevin Knitterscheidt (Handelsblatt), Bernhard Osburg (CEO Thyssen-Krupp Steel Europe), Elena Yorgova-Ramanauskas (Staatssekretärin Saarland), Jochen Burg (CEO SMS Group), Isabelle Wermke (Handelsblatt) Foto: Handelsblatt

Essen. Hohe Strom- und Energiekosten, fehlende Aufträge, wachsende Konkurrenz aus Asien: Die deutsche Stahlindustrie steckt mitten in der Krise. Nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl war 2023 das produktionsschwächste Jahr seit der Finanzkrise.

Das Marktvolumen war mit rund 29 Millionen Tonnen so niedrig wie seit 15 Jahren nicht mehr. „Wir befinden uns in der Branche im tiefsten Tal der Tränen seit Jahrzehnten“, kommentierte Bernhard Osburg, CEO der europäischen Stahlsparte von Thyssen-Krupp, auf der Handelsblatt-Tagung „Zukunft Stahl“ am Mittwoch in Essen.

So werden im Duisburger Stammwerk des größten deutschen Stahlherstellers derzeit neun Millionen Tonnen Stahl pro Jahr produziert – rund 2,5 Millionen Tonnen weniger als die Menge, auf die der Standort ausgelegt ist. Zudem erwägt der Konzern nach Informationen des Handelsblatts, mindestens einen Hochofen und zwei Walzwerke stillzulegen. Damit könnte jeder fünfte Arbeitsplatz in der Stahlsparte  gefährdet sein.

Und dabei müsste sich die Stahlindustrie dringend mit ihrer grünen Transformation beschäftigen: Bis spätestens 2050 soll die Branche komplett klimaneutral produzieren. Allein sieben Milliarden Euro an staatlichen Subventionen hat Wirtschaftsminister Robert Habeck dafür in den vergangenen Monaten an die Konzerne Thyssen-Krupp, Salzgitter, Arcelor-Mittal und Star-Holding-Saar (SHS) verteilt. Bis 2041 sind sogar 23 Milliarden Euro verplant.

Es sind grundsätzliche Fragen, die auf der Stahl-Tagung diskutiert werden: Braucht Deutschland die energieintensive Stahlindustrie überhaupt? Und lohnen sich die vielen Subventionen noch?

Stahlindustrie bekommt positive Signale aus der Politik

Laut Experten ist es wichtig, zwei Problemarten zu unterscheiden: kurzfristige aufgrund der aktuell schlechten Konjunktur sowie mittelfristige aufgrund der grundsätzlichen Aufstellung der Unternehmen.

Ökonom Jens Südekum etwa sagt dem Handelsblatt dazu klar: „Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage gibt es keinen Grund anzunehmen, dass grüner Stahl in Deutschland keine Zukunft hat.“ Allerdings könne die Transformation nicht allein durch staatliche Subventionen finanziert werden.

Das ist auch Bernhard Osburg bewusst: „Über die Förderung hinaus investieren wir auch mit eigenen finanziellen Mitteln in den Umbau unseres Unternehmens.“ Maßgeblich sei dabei, dass es keine weiteren Verzögerungen beim Ausbau der Energieversorgung gebe, besonders der Erneuerbaren. Denn dieser entscheide darüber, ob die nächsten Transformationsschritte des Konzerns im In- oder Ausland stattfinden, warnte der Thyssen-Krupp-Manager.

Transformation

Wie Habeck die deutsche Industrie mit Milliarden klimaneutral machen will

Erst am Dienstag hatte die Bundesregierung die Klimaschutzverträge für die Umrüstung energieintensiver Industrien beschlossen, mit denen ausgewählte Unternehmen 15 Jahre lang die Mehrkosten für ihre Dekarbonisierung ausgleichen können. „Der notwendige Kapitalbedarf kann nicht aus dem laufenden Geschäft erwirtschaftet werden“, erläuterte auch Bastian Synagowitz, Analyst bei Deutscher Bank Research, auf Anfrage des Handelsblatts. Wenn man die Wirtschaft in ihrer jetzigen Form erhalten wolle, sei es daher sinnvoll, die Stahlindustrie in einem ersten Schritt zu unterstützen.

Den zweiten Schritt hat die Regierung bereits mit bedacht. So möchte sie die Stahlbranche auch im laufenden Betrieb fördern, die Nachfrage anregen und die Konkurrenz aus dem Ausland abwehren. 

Die Zusage der staatlichen Förderung sei ein positives Signal, wenn nicht sogar ein Erfolg für die Branche, sagte Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Denn viele Unternehmen seien durch die krisengeprägten vergangenen Jahre und die noch anhaltende schlechte Konjunktur verunsichert.

Bernhard Osburg, CEO von Thyssen-Krupp Steel, diskutiert bei der Handelsblatt-Tagung Zukunft Stahl 2024 über den Zustand der Stahlbranche in Deutschland. Foto: Handelsblatt

Allerdings, so Analyst Synagowitz, stelle sich schon lange die Frage, ob man in Zukunft noch so viel Kapazität brauche wie heute. Als Übergangslösung könne man einen Teil des Eisenbedarfs auch auf dem neu entstehenden Markt für grüne Vorprodukte außerhalb Europas einkaufen.

„Es ist absolut notwendig, hierzulande eine Stahlindustrie zu haben“

Eine ähnliche Meinung vertreten auch weitere Ökonomen: Sie argumentieren, dass Deutschland das Geld anders einsetzen und einfach mehr Stahl importieren könnte. Die USA, Indien und China bauen ihre Stahlproduktion immer weiter aus. Gleichzeitig entstehen neue Fertigungen in Skandinavien, die bereits ab 2025 grünen Stahl kommerziell produzieren wollen.

Politik und Wirtschaft halten diese Argumentation in der Regel für zu kurz gegriffen: „Für viele Branchen ist es wichtig, dass der Stahl auch hier produziert wird, um die Lieferkette zu sichern, zum Beispiel in der Automobilindustrie“, sagt Elena Yorgova-Ramanauskas, Staatssekretärin für Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie im Saarland. Verschwindet die Stahlproduktion, verschwinden demnach auch die Abnehmerunternehmen.

Versorger

Energiepreise sinken auf Vorkrisenniveau – Warum Unternehmen trotzdem klagen

Warum diese Gefahr besteht, zeigen Daten der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Zwei Drittel der deutschen Exporte seien demnach stahlintensiv. Zusätzlich sichere jeder Arbeitsplatz in der Stahlbranche sechs weitere in der Zulieferindustrie – rund 500.000 Arbeitsplätze. Skepsis gegenüber dem eingeschlagenen Weg der Politik kann deshalb auch Jochen Burg, CEO des Industrie- und Metallanlagenbauers SMS Group, nicht nachvollziehen.

Jens Südekum prognostiziert dennoch: „Das Geschäftsmodell der deutschen Industrie wird nicht die Massenproduktion von grünem Stahl sein.“ Dafür gebe es in anderen Teilen Europas auf lange Sicht besseren Zugang zu grüner Energie.

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Vielmehr könne Deutschland die Rolle des Innovationsmotors bei neuen Technologien einnehmen, während der Stahlverkauf selbst mit kleineren Volumina und höheren Margen stattfinde.

Erstpublikation: 13.03.2024, 19:11 Uhr.

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