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Weltweite AufrüstungDas Geschäft mit dem Krieg

Überall auf der Welt wird mehr für Verteidigung ausgegeben. Die Rüstungsindustrie hofft auf einen neuen Boom. Doch nicht alle Unternehmen dürften gleichermaßen profitieren – denn die Ansprüche der Generäle steigen.Thomas Jahn, Martin Murphy 01.04.2017 - 15:45 Uhr Artikel anhören

Soldaten der Air Force im Bundesstaat Utah mit der Drohne MQ-9 Reaper.

Foto: dpa

New York, Frankfurt. Palm Beach ist im Dezember ein angenehmer Ort. Die Durchschnittstemperatur in dem Städtchen in Florida liegt bei 23 Grad, die Sonne scheint, der Strand lädt zum Schwimmen ein. Vier Tage vor Weihnachten trafen sich hier Marillyn Hewson von Lockheed Martin und Dennis Muilenburg von Boeing – die beiden CEOs der mit Abstand größten Rüstungsunternehmen der USA.

Zur Erholung waren Hewson und Muilenburg allerdings nicht in das Resort Mar-a-Lago mit seinen vielen Pools und Sonnenterrassen gekommen. Das Hotel gehört Donald Trump. Die beiden Vorstände sprachen lange mit dem Republikaner, der einen Monat später das Amt des US-Präsidenten übernehmen würde. Trump hatte sich vor dem Treffen medienwirksam über die hohen Kosten verschiedener Projekte wie des Kampfflugzeugs F-35 und des Präsidentschaftsjets Air Force One beschwert und war als vermeintlicher Sieger hervorgegangen. „Das ist wie ein kleiner Tanz“, stellte er klar, „wir werden die Kosten drücken.“

Mittlerweile ist die erste Aufregung in der Rüstungsindustrie verflogen. Mehr noch: Statt Angst herrscht Aufbruchsstimmung. Lockheed und Boeing senkten zwar den Preis für ihre Projekte, aber richtig schmerzte das nicht. Einige der Einsparungen waren sowieso schon geplant gewesen. Heute lobt Trump die Unternehmen als „wunderbar“ und „großartig“.

Dazu will Trump deutlich das US-Verteidigungsbudget erhöhen. Die Unternehmen wissen gar nicht, wie ihnen geschieht: Die Rüstungsausgaben wurden fünf Jahre in Folge unter Präsident Barack Obama eingedampft. Auch Trump spart an fast allen Ecken und Kanten, aber nicht beim Pentagon. Dort will er im kommenden Fiskaljahr 54 Milliarden Dollar mehr ausgeben. Allein diese geplante Erhöhung übertrifft das gesamte deutsche Verteidigungsbudget um ein Viertel.

Noch besser für Airbus, BAE & Co.: Überall auf der Welt steigen die Verteidigungsausgaben. Trump drängt die Nato-Staaten, ihrer vor Jahren abgegebenen Verpflichtung nachzugehen und zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Rüstung auszugeben. Allein das würde den Umsatz für Unternehmen der Branche um 100 Milliarden Dollar erhöhen. Dazu kommen die steigenden Ausgaben von China oder Saudi-Arabien. „Die Prognosen lagen lange auf Stagnation oder leichtem Wachstum“, sagt Dirk Hoke, Chef der Airbus-Tochter Defence and Space, im Interview mit dem Handelsblatt. „Aber wir haben uns seit geraumer Zeit – schon vor den veränderten politischen Rahmenbedingungen – auf Wachstum eingestellt.“

Allerdings profitieren nicht alle Unternehmen in der Branche gleich. Vor allem Anbieter von komplexen und hochtechnischen Systemen können mit höheren Einnahmen rechnen, die Ansprüche der Generäle wachsen. So will Airbus im Rüstungsgeschäft und in der Raumfahrt drei bis fünf Prozent zulegen und im Digitalbereich wie Cyber-Security oder Datenverarbeitung noch deutlich stärker wachsen. Wie aufwendig die Rüstungsgüter sind, zeigte sich am Mittwoch während einer Ausschusssitzung im US-Kongress. „Satelliten sind unverzichtbar“, sagte dort William Shelton, der ehemals für die US-Luftwaffe das Weltraumprogramm leitete. Der General berichtete von einer immer stärkeren Bedrohung durch Länder wie China, die ein ganzes Arsenal von Waffen „von der Blockierung bis zur Zerstörung von Satelliten“ aufbauen.

Europas Rüstungsindustrie ist geprägt von Kleinstaaterei. Lediglich die deutsch-französische Gemeinschaftsfirma Airbus und die britische BAE-Gruppe können auf dem Weltmarkt mithalten. Unternehmen wie Thyssen-Krupp, Rheinmetall oder DCNS haben zwar klangvolle Namen und sind erfolgreich als Nischenanbieter, gemessen am Umsatz jedoch sind sie Zwerge gegenüber den Konkurrenten aus den USA.

Weltweiter Anstieg der Militärausgaben

Das große Wettrüsten – und wer davon profitiert

Rund ein Drittel aller Waffenexporte stammt aus Amerika. Die Waffen im Wert von 38 Milliarden Dollar gehen vor allem in den Mittleren Osten und angrenzende Länder. Allein die drei größten Kunden Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und Türkei kaufen mehr als jedes vierte Waffensystem. Vor allem das Kampfflugzeug F-15 von Boeing und das Raketensystem Patriot PAC-3 von Raytheon und Lockheed sind Exportschlager.

Die Budgetkürzungen unter Präsident Obama trieben die US-Anbieter zu mehr Exporten. Beispielsweise will sich Marillyn Hewson, die Lockheed seit 2013 führt, unabhängiger von der US-Regierung machen. Derzeit erhält Lockheed 59 Prozent seines Umsatzes vom Pentagon und 79 Prozent von der US-Regierung. Eine internationale Expansion ist „eine Schlüsselkomponente unserer Strategie“, wie der Konzern im Jahresbericht klarstellt.

Kunden wollen Waffen und Jobs

Im internationalen Geschäft spielen enge Beziehungen zu ausländischen Regierungen eine immer wichtigere Rolle. „Unsere Kunden wollen nicht mehr nur Verteidigungssysteme für ihre Bürger, sondern mit ihnen zugleich ihre Volkswirtschaft diversifizieren“, sagte Hewson vor kurzem. Die Käufer wollen also nicht nur die Waffen, sondern auch die Arbeitsplätze. Derzeit arbeitet Lockheed an einer Produktionsstätte für den Hubschrauber Sikorsky S-70 Black Hawk in Saudi-Arabien. Auch Konkurrent Boeing arbeitet mit Tata Advanced Systems in Indien zusammen, stellt dort jetzt die Rümpfe für seine Boeing AH-64 Apache her. Die Fabrik in Hyderabad soll eines Tages der alleinige Anbieter der Karosserie für den Kampfhubschrauber werden. Auch Northrop Grumman und der britische Anbieter BAE schlossen Verträge mit Saudi-Arabien über Produktion und Ausbildung für ihre Waffensysteme ab.

Die Amerikaner haben wenig Alternativen. Die Konkurrenz wächst, vor allem neue Anbieter aus China wie China North Industries – besser bekannt als Norinco – oder Aviation Industry drängen in den Markt. Norinco ist ein Mischkonzern mit zahlreichen Töchtern, der 2016 mit Panzern, Raketen und Gewehren rund 50 Milliarden Dollar umsetzte. Zum Erlös gehören aber auch Chemikalien und Industrieanlagen. Die Umsätze für einzelne Sparten werden nicht separat ausgewiesen.

Airbus-Rüstungsvorstand Dirk Hoke

„Das war ein Riesenfehler“

Aviation Industry erhöht langsam den Export von Militärflugzeugen. Das Unternehmen baut zusammen mit einer pakistanischen Firma den Kampfjet JF-17. Die erste Generation wurde 2016 an das pakistanische Militär ausgeliefert, die dritte soll 2019 in Produktion gehen. Er sei „sehr zufrieden“ mit dem Flugzeug, sagte jetzt Sohail Aman, der bei der pakistanischen Luftwaffe den Einkauf verantwortet. In Afrika verkauft der Konzern mit Erfolg das Ausbildungsflugzeug Hongdu L-15. So bestellte Simbabwe bereits 2014 sechs der Mini-Kampfjets. So konnten sich Piloten erstmals mit Überschallflugzeugen vertraut machen.

Als Ursache für die zerfaserte Industrie in Europa sehen Experten das gegenseitige Misstrauen, das die einzelnen europäischen Staaten haben. Die Frage der Sicherheit sei immer noch ein ureigenes Interesse der Nationalstaaten, sagt ein Vertreter einer Rüstungsfirma. Hinzu kommt, dass die Bedürfnisse der einzelnen Armeen unterschiedlich sind.

Das Raketenabwehrsystem PAC-3 von Lockheed kommt in der Türkei zum Einsatz.

Foto: Hollandse Hoogte/laif

Datenanalyse wird auch beim Militär immer wichtiger.

Foto: Handelsblatt

In den vergangenen Jahren hat es immer wieder Anläufe für eine Konsolidierung gegeben. Ziel war es, im globalen Wettbewerb mithalten zu können. Das Vorzeigeprojekt in vielfacher Hinsicht ist dabei der Luftfahrtkonzern Airbus. Durch die Verschmelzung mehrerer europäischer Firmen ist ein Anbieter von militärischen Flugzeugen und Hubschraubern entstanden, der mit dem US-Rivalen Boeing mithalten kann.

Für die Befürworter ist Airbus damit ein Erfolg. Kritiker, vor allem aus Deutschland, sehen indes, dass viele Technologien nach Frankreich verlagert wurden. „De facto ist Airbus eine französische Firma mit dem deutschen Chef Tom Enders an der Spitze“, sagt ein Verteidigungspolitiker. Der Grund für die stärkere Verlagerung nach Frankreich: Von dort aus lässt es sich leichter exportieren.

Der Export von Waffen in Staaten außerhalb des Verteidigungsbündnisses Nato ist für deutsche Konzerne immer schwerer geworden. Das für die Genehmigungen zuständige Bundeswirtschaftsministerium legt die Richtlinien enger aus. Etliche Projekte, wie der Verkauf von Panzern an die Golfstaaten, sind daher bereits gescheitert. Inzwischen werben ausländische Wettbewerber auf Messen mit dem Slogan „German free“ für ihre Waffensysteme.

Das führt dazu, dass sich deutsche Unternehmen gern nach dem Airbus-Vorbild Partner im europäischen Ausland suchen. So schloss sich der Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (KMW) mit dem französischen Konkurrenten Nexter zusammen. Die deutsche Seite verspricht sich von dem Zusammenschluss einen besseren Zugang zu ausländischen Märkten. Die Regierung in Paris tritt offener für den Verkauf heimischer Rüstungsgüter ein.

Die Verschmelzung von KMW und Nexter dürfte nur der Auftakt sein. Aus Sicht von Branchenkennern dürfte in Europa mittelfristig nur noch ein großer Anbieter von gepanzerten Fahrzeugen übrig bleiben. Das liegt vor allem an den Kosten, die für die zukünftigen Panzergenerationen nötig sein dürften. Im kommenden Jahrzehnt soll ein Nachfolger für den Leopard 2 – den bislang stärksten Kampfpanzer der Welt – auf den Markt kommen.

Für das Projekt positioniert sich auch die Düsseldorfer Rheinmetall AG. Das Unternehmen ist zwar Deutschlands größter Anbieter. Allerdings rangiert Rheinmetall im weltweiten Vergleich abgeschlagen auf Platz 32. Vorstandschef Armin Papperger will das ändern. Seit seinem Amtsantritt 2013 fahndet er nach Akquisitionsmöglichkeiten, um in der Weltrangliste weiter nach vorn zu kommen.

Bislang ist ihm noch keine größere Übernahme gelungen. KMW, um die er intensiv geworben hatte, schloss sich mit Nexter zusammen. Wenig Fortune hatte er in Gesprächen mit Thyssen-Krupp. Der Ruhrkonzern will seine Werftensparte Thyssen-Krupp Marine Systems (TKMS) verkaufen. Die Gespräche zwischen den Unternehmen scheiterten jedoch an unterschiedlichen Preisvorstellungen.

TKMS gehört zu den führenden Herstellern von konventionellen U-Booten und ist als solcher weltweit begehrt. Um die Firma hatten sich in der Vergangenheit bereits Konkurrenten aus den USA, Frankreich und den Vereinigten Arabischen Emiraten bemüht. Die Bundesregierung hatte den Plänen indes eine Absage erteilt. Fraglich ist nun aber, in welche Hände TKMS eines Tages gehen wird. Neben Rheinmetall, dessen Interesse nach Angaben von Branchenkennern nie wirklich abgekühlt ist, gilt vor allem die französische DCNS-Gruppe als möglicher Bieter.

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Mehr Panzer für die Bundeswehr

Ähnlich wie in den USA stellen sich auch die europäischen Rüstungskonzerne auf Expansion ein. Die meisten EU-Staaten wollen ihre Verteidigungsausgaben deutlich erhöhen. Nicht nur, weil Trump dies fordert. Grund ist auch der Konflikt in der Ukraine. Der Krieg mit Russland hat aufgezeigt, wie verwundbar Europa letztlich geworden ist. In den vergangenen 20 Jahren sind die Budgets kontinuierlich gekürzt worden – vor allem in Deutschland. Die Bundesrepublik hält in ihren Beständen weniger Leopard-Kampfpanzer als die Türkei oder Griechenland. Die Bundeswehr soll daher möglichst schnell mehr als 100 neue dieser schweren Waffensysteme erhalten.

Die Neuanschaffung ist Teil eines gigantischen Aufrüstungsplans, der bis zum Jahr 2030 rund 130 Milliarden Euro verschlingen soll. Neben der Marine sollen neue Kampfbomber, Tankflieger, U-Boote und Kriegsschiffe erworben werden. Die deutsche Industrie dürfte dabei den Vorzug erhalten, wie es in Berliner Kreisen heißt. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) dürfte nicht, wie ursprünglich geplant, derartige Projekte europaweit ausschreiben.

Wie ernst es die Bundesregierung meint, wird sich noch vor der Sommerpause des Bundestages zeigen. In einem Hauruckverfahren sollen Milliarden für neues militärisches Gerät freigegeben werden. Der größte Posten entfällt dabei auf fünf Korvetten, die rund zwei Milliarden Euro kosten sollen. Lürssen und TK haben den Zuschlag dafür bereits erhalten.

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