Process-Mining: Wie sich Geschäftsprozesse mit Hilfe von Algorithmen optimieren lassen
„Wir sind in Deutschland sehr prozessorientiert, wir wollen Regeln festlegen und immer genau befolgen“, sagt Process-Gold-Mitgründer Rudolf Kuhn.
Foto: Moment/Getty ImagesDüsseldorf. Wer seine Prozesse verbessern will, muss sehen, wo es hakt. Das weiß Bastian Nominacher, seit er vor zehn Jahren als studentischer Berater beim Bayerischen Rundfunk (BR) 300 Zettel an die Wand geklebt hat. Darauf visualisiert: rund 47.000 Hilferufe, die zuvor den Betrieb aufgehalten hatten. Der Drucker funktioniert nicht. Ein Passwort muss zurückgesetzt werden. Der IT-Support des Senders brauchte fünf Tage, um solche Aufträge zu bearbeiten.
Rückblickend war es das erste Projekt von Celonis. Die Firma zählt heute zu Deutschlands wertvollsten Start-ups und ist führender Anbieter für Process-Mining. In 20 Branchen visualisieren und analysieren die Münchener Geschäftsprozesse für Kunden wie Siemens – inzwischen ohne Zettel, ganz digital. Analysten von Gartner schätzen den schnell wachsenden Markt für 2021 auf eine Milliarde Dollar und Celonis’ Anteil auf bis zu 80 Prozent.
Am Anfang erkannten Nominacher und seine Mitgründer Alexander Rinke und Martin Klenk jedoch erst in der Kundenreaktion das Potenzial. Die IT-Experten des BR sahen in der Masse individueller Aufträge auf einmal klare Muster. „Sie haben sofort verstanden, in welchem Bereich gewisse Berechtigungen fehlen“, sagt Nominacher. Einmal behoben, verstopften solche Probleme nie wieder den Auftragseingang.
Die deutsche Erfolgsgeschichte Process-Mining geht über Celonis hinaus, etwa mit Firmen wie Lana Labs aus Berlin: „Spezialisierte Anbieter schneidern ihre Lösung genau auf das Kundenproblem und die Kundeninfrastruktur zu“, sagt Frank Franzlik, der im Center for Process Bionics von Deloitte Kunden zum Einsatz von Prozessanalysen berät.
Der Erfolg der Start-ups bringt auch IT-Konzerne in Zugzwang: Automatisierungsspezialist Uipath kaufte 2019 Process Gold aus Frankfurt. SAP verstärkte sich für knapp eine Milliarde Euro mit Signavio aus Berlin.
An den Universitäten schlummert weiteres Potential
Warum wird der Trend so stark von Deutschland aus getrieben? Die Antwort liefert ein Klischee: „Wir sind in Deutschland sehr prozessorientiert, wir wollen Regeln festlegen und immer genau befolgen“, sagt Process-Gold-Mitgründer Rudolf Kuhn.
Zudem werden die meisten Gründer von Wil van der Aalst inspiriert, Professor der RWTH Aachen. Seine Forschung liefert laut Nominacher „mathematisch komplexe Beweise“, mit deren Hilfe man Daten wie etwa Zeitstempel, Aktivität und die dazugehörige ID aufbereiten, analysieren und nutzen kann.
„Es gibt noch viele akademische Ideen, die bisher nicht industriell angewandt wurden“, sagt Mohammad Reza Harati Nik. Er hat erst vor wenigen Monaten in Aachen ProcessM gegründet. Fast zeitgleich startete Yvonne Therese Mertens in Köln ihre Firma Oniq.
„Wir sehen die große Herausforderung der nächsten Jahre darin, Process-Mining noch stärker in den sehr unternehmensspezifischen Bereichen wie zum Beispiel der Produktion zum Einsatz zu bringen“, sagt die Gründerin. Erst ein Prozent des Marktes gilt heute als erschlossen.