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Josef GeltingerDie Vertriebskanone

Mehr als 115 Millionen Euro sammelte Josef Geltinger im Laufe der Jahre von ahnungslosen Anlegern ein. Dann gab er das Geld einem Anlagebetrüger: Teldafax-Chef Michael Josten. Dem half er später auch aus dem Gefängnis.Sönke Iwersen, Jürgen Flauger 05.11.2015 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Die Geldgeber die Josef Geltinger gefunden haben wollte, haben nie gezahlt.

Foto: PR

Sein Versprechen klang gut. Doch es war zu gut, um wahr zu sein. 8,25 Prozent Rendite sollten die Fonds abwerfen, die Josef Geltinger unter dem Namen „Debi Select“ vertrieb. „Ihr Geld hat nur das Beste verdient“, heißt es in einer Werbebroschüre des vermeintlichen Finanzexperten aus Landshut. Debi Select biete die „Kombination aus Sicherheit, Rendite und Flexibilität“. Das Geheimnis der exorbitant hohen Renditen: Factoring. Der Fonds kaufe Forderungen von Gläubigern gegenüber Dritten auf – mit Abschlag. Debi Select werde dann die Forderungen zu 100 Prozent eintreiben – mit hohen Gewinnen. Da nur Forderungen von absolut soliden Schuldnern akzeptiert würden, sei das Ganze für die Anleger ein „hochsicheres Geschäft“.

Jahrelang sammelte Vertriebschef Geltinger mit diesen Argumenten Geld ein. Wie hoch die Summen waren, blieb lange Zeit im Nebel. Gingen erste Schätzungen Ende 2010 von 30 Millionen aus, stieg diese Zahl im Laufe der Zeit immer weiter. Im Frühjahr 2012 kam heraus: 9200 Anleger hatten bei Debi Select mehr als 115 Millionen Euro verloren. Denn ihr Geld, von dem Josef Geltinger schrieb, es habe nur das Beste verdient, landete nur bei Teldafax.

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Die Schande der Strom-Branche

Es ist noch immer nicht ganz klar, ab wann Josef Geltinger wusste, wie sehr er die Anleger schädigte. Als das Handelsblatt ihn Ende 2010 danach fragte, warum das Geld seiner Fonds, die doch in hochsichere Factoring-Geschäfte investieren sollten, bei Teldafax versickerte, gab der Vertriebschef sich ahnungslos. Für die Mittelverwendung sei er nicht zuständig, ließ er wissen. Die Anleger bräuchten sich aber keine Sorgen zu machen, denn die Fonds seien von einem wahren Finanzgenie entwickelt worden: Michael Josten.

Das meinte Geltinger offenbar nicht als Witz. Er hatte nur noch nicht mitbekommen, dass der Lebenslauf seines genialen Geschäftspartners inzwischen öffentlich bekannt war: Michael Josten, der ehemalige Steuerberater aus Landshut und ehemalige Schatzmeister der CDU Sachsen-Anhalt, war 2007 wegen vielfachen Anlagebetrugs verurteilt worden. Er flüchtete in die Schweiz und steuerte von dort aus sein nächstes Großprojekt: Teldafax. Und weil der Stromanbieter den Strom billiger verkaufte als einkaufte, brauchte Josten immer frisches Geld. So kamen die Fonds von Debi Select ins Spiel. Und Josef Geltinger.

Geltinger machte nie einen Hehl daraus, dass er nicht verstand, was er da eigentlich verkaufte. Fast stolz erzählte er in Gesprächen, dass er ja weder Steuerexperte noch Anwalt sei. Aber verkaufen – das könne er schon. Und wenn er einem potenziellen Kunden potenzielle 8,5 Prozent Rendite versprechen dürfte, dann war das Geschäft schnell gemacht, eine satte Provision für Geltinger natürlich inklusive.

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Der Mann, der dies alles möglich machte, war Michael Josten. Und so wusste Geltinger, was er zu tun hatte, als es langsam eng wurde für das gemeinsame Projekt: Er tat, was Josten ihm sagte. Geltinger reiste für seinen Strippenzieher mal nach St. Petersburg, mal nach Mauritius und unterschrieb bei diversen Geschäften dort, wo es Josten für richtig hielt. Wenn das Anlegergeld, das Geltinger eingesammelt hatte, für seltsame Zwecke eingesetzt wurde, sah Geltinger weg. So flossen allein 300.000 Euro, die ursprünglich aus den Debi Select Fonds stammten, im Mai 2009 für die Kaution von Michael Josten. Die Schweizer Behörden hatten ihn festgenommen – Amtshilfe für Deutschland, wo Josten schon zwei Jahre zuvor seine Haft hätten antreten sollen.

Geltinger half Josten aber auch direkt. Als sein Geschäftspartner Mitte 2010 ausgeliefert wurde und seine Haft in der Justizvollzugsanstalt Bruchsal antreten musste, unterschrieb Geltinger wieder dort, wo Josten ihm eine gestrichelte Linie malte. Diesmal war es Jostens eigener Arbeitsvertrag. Um sich für den Freigang zu qualifizieren, brauchte Josten ein festes Arbeitsverhältnis.

Und so „arbeitete“ Josten vom 1. August 2010 bis 1. Juni 2011 bei der OMC Factoring GmbH in Walldorf, bei der offiziell Geltinger verantwortlich war. Natürlich war auch dies ein Witz. Die OMC Factoring war eine der Adressen in dem Firmengestrüpp, das Josten entworfen hatte. Aber die Strafvollzugsbehörden verstanden den Witz nicht. Sie brauchten für eine Genehmigung des Freigangs eine Arbeitsbescheinigung von einem Unternehmen, das in der Nähe des Gefängnisses von Josten lag. Und als ihnen Josten den von Geltinger unterschriebenen Arbeitsvertrag hinhielt, war das Beweis genug. Josten erhielt Freigang.

Dass all dies 2011 öffentlich wurde, brachte Geltinger in die Bredouille. Einerseits konnte er sich nicht länger ohne Einschränkungen vor Josten stellen. Andererseits wüsste er streng genommen ohne Jostens Hilfe gar nicht, wo er überhaupt stand. Geltinger entschied sich dazu, den Wahnsinn auf die Spitze zu treiben. Im März 2011 verkündete er, Debi Select werde jetzt bei Teldafax aufräumen und habe zu diesem Zwecke 51 Prozent der Anteile an dem Billigstromanbieter übernommen. Nur zwei Wochen später wollte Geltinger die Anteile wieder verkauft haben – an einen zypriotischen Investor. Bis Ende des Jahres, sagte Geltinger, werde er nun die Anleger auszahlen und den Fonds abwickeln.

Doch das Jahr endete, ohne dass auch nur ein Anleger sein angelegtes Geld wiedersah. Ende 2011 stockten auch die monatlichen Auszahlungen der Renditen und blieben schließlich ganz aus. Geltinger wirkte nun mehr und mehr wie ein Märchenerzähler. War es im März ein zypriotischer Investor, der alle Probleme lösen sollte, präsentierte Geltinger im Dezember einen arabischen Geldgeber. Khalifa Ahmad Khalifa Bin Hadi Alqemzi aus Dubai habe zugesagt, 250 Millionen Euro zu investieren, berichtete Geltinger. Worin genau investiert werden würde und wo der Mann mit dem langen Namen plötzlich herkam, sagte Geltinger nicht.

Seitdem warten die Anleger. Der Geldgeber aus Dubai zahlte nicht – und auch sonst zahlte niemand. Geltinger hat die „Sanierung“ des Fonds in die Hände eines vermeintlich neutralen Anwalts gelegt. Auch dieser genügt sich allerdings darin, den Anlegern alle paar Monate mitzuteilen, dass sie bitte noch warten sollen.

Geltinger selbst hat sich schon seit Jahren nicht mehr zu Debi Select geäußert. Lange Zeit hatte er auch keinen Grund dazu. Zwar stellte schon Ende 2010 ein Vertreter der Debi Select Fonds, der Gewissensbisse bekommen hatte, eine Anzeige gegen Geltinger. Doch die Staatsanwaltschaft Landshut stellte die Ermittlungen bald wieder ein. Es sei keine Schädigung der Anleger zu erkennen, hieß es am 6. Juni 2011 aus der Behörde. Acht Tage später meldete Teldafax Insolvenz an, die Zahlungen an die Anleger endeten wenige Monate später.

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Dann allerdings holte die Vergangenheit Geltinger wieder ein. Geprellte Anleger verklagten jetzt jeden, den sie haftbar machen konnten. Bei Debi Select war auch mit Zwangsvollstreckungsmaßnahmen nichts mehr zu holen. Die Anleger wandten sich deshalb entweder an die Vermittler, die ihnen die Debi Select Fonds empfohlen hatten, oder an Geltinger selbst. Mehrere Urteile gegen ihn wurden bereits gesprochen. Geltinger legte Berufung ein. Doch es kam noch dicker.

Zwei Jahre nach der Insolvenz von Teldafax merkte auch die Staatsanwaltschaft Landshut, dass sie die Sache mit den dort versickerten Anlegergeldern wohl falsch eingeschätzt hatte. Im April 2013 nahm sie die Ermittlungen gegen die Verantwortlichen der Debi Select Fonds wieder auf. Es gab umfangreiche Durchsuchungen, bei denen große Mengen an Dokumenten sichergestellt wurden, wie es aus der Behörde hieß. So große Mengen, dass die Auswertung im Oktober 2015 noch immer nicht abgeschlossen war. Nur eines schien sicher: Josef Geltinger konnte sich mit seinem Märchen doch nicht einfach aus der Affäre Teldafax stehlen.

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