Corporate Health: Gesundheit als Chefsache
Yogaübung: Zunehmend helfen Firmen ihren Mitarbeitern beim Stressabbau.
Foto: dpaKöln. Diese Marke sorgt für Aufmerksamkeit in der eigenen Belegschaft: Unter dem Namen 'Take Care' bietet der mittelständische Ingenieur- und Personaldienstleister Neumüller seinen 350 Mitarbeitern Gesundheitsleitungen an. Welche das sind, dürfen die Beschäftigten in Umfragen größtenteils selbst bestimmen. Das sorgt für eine hohe Motivation.
Im vergangenen Sommer nahmen alle internen 35 Mitarbeiter der Nürnberger Firmenzentrale an einer Rückenschule teil - auch Geschäftsführer Werner Neumüller war dabei. 'Die Chefetage lebt das Gesundheitsmanagement vor', erläutert Jörg Kühnlein, der das Qualitätsmanagement des Unternehmens leitet. 'Das motiviert die Belegschaft.'
Ob Aerobic oder Meditation, ob Rückenschule oder Zumba - zunehmend erkennen Unternehmen, dass sich Investitionen in eigene Gesundheitsprogramme schnell rechnen. Das Betriebsklima verbessert sich, gleichzeitig sinkt die Zahl der Fehltage. Doch nicht überall kommen die Angebote so gut an wie bei Neumüller.
Laut einer Untersuchung der Versicherung Continentale nimmt in Deutschland nicht einmal die Hälfte der Beschäftigten die Sportangebote des Arbeitgebers wahr. Bei medizinischen Angeboten scheren fast ein Drittel der Mitarbeiter aus.
Ein Selbstläufer sind auch attraktive Offerten nicht. 'Es reicht nicht aus, Maßnahmen zur Gesunderhaltung einfach nur zu entwickeln', erläutert Benjamin Klenke, Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens EuPD Research Sustainable Management (RSM). 'Firmen müssen in der Belegschaft dafür werben und sie fest in der Unternehmenskultur verankern.'
Neumüller ist eines von zehn Unternehmen, die gestern mit dem 'Corporate Health Award 2013' für ein hervorragendes Gesundheitsmanagement ausgezeichnet worden sind - EuPD RSM ist gemeinsam mit dem Tüv Süd und dem Handelsblatt Initiator des Wettbewerbs. Den Sonderpreis 'Gesunde Hochschule' erhielt die Universität Bielefeld.
Die Neumüller Unternehmensgruppe wurde in der Kategorie 'Mittelstand' ausgezeichnet. Die Mitarbeiter sind nicht nur gefragt, wenn es um die Auswahl der Bausteine von Fitness- oder Gesundheitsprogrammen geht. Sie benoten jede einzelne Maßnahme. Die neuen Hubtische für ergonomisches Arbeiten bei Neumüller beispielsweise erhielten die Bestnote.
In einem Bonusheft listen Mitarbeiter zudem auf, an welchen Gesundheitsveranstaltungen sie teilgenommen haben. Wer am Ende des Jahres ein volles Heft vorzeigen kann, wird belohnt. 'Zum Beispiel mit einem Fitnessgerät', erläutert Qualitätsmanager Kühnlein. Ganz grundsätzlich unterstützt wird, wer außer Haus trainiert. Das Familienunternehmen übernimmt für jeden Mitarbeiter die Kosten für eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio.
Geschickt gesetzte Anreize für die Belegschaft sind ein guter Weg, um die Teilnehmerzahlen bei den Angeboten zu steigern. Über den Erfolg entscheidet aber auch die Organisation des Betriebs. Die Berliner Wasserbetriebe haben ihre Struktur gar verändert, um mehr Mitarbeiter für das Gesundheitsmanagement zu sensibilisieren.
Betriebsärztlicher Dienst, Mitarbeiterberatung und Wiedereingliederungsmanagement - bei den Wasserbetrieben waren dies bis vor einem halben Jahr unabhängig voneinander operierende Einheiten. 'Dann haben wir alle Stellen, die mit Gesundheit zu tun haben, unter der Verantwortung eines Bereiches zusammengefasst, ihre Aufgaben stärker miteinander verzahnt und eine Gesamtstrategie erarbeitet', erläutert Felix Helsing vom betrieblichen Gesundheitsmanagement.
Heute nehmen mehr Mitarbeiter diese Dienste in Anspruch. 'Sie wissen, dass sie schneller als zuvor Unterstützung und Informationen bekommen', sagt Helsing. 'Empfiehlt etwa der Betriebsarzt Hilfsmittel für den Arbeitsplatz, weiß die Mitarbeiterberatung gleich, wie diese zu beschaffen sind und welche finanziellen Mittel gebraucht werden.'
Auf persönliche Ansprache der Beschäftigten setzt Pharmahersteller Boehringer Ingelheim. In wenigen Tagen wird Gesundheitsmanagerin Anna Ernsting den nächsten Austausch mit den Kollegen starten - an einem Stand mit Plakaten und Infoflyern, strategisch klug platziert im Foyer des Mitarbeiterrestaurants. 'Hier passieren mehr als tausend Angestellte unseren Stand', sagt Ernsting.
Die Werbung vor Ort zahlt sich aus: Zu Vorträgen zum Thema 'Seelische Gesundheit' im September und Oktober dieses Jahres erschienen 1700 Mitarbeiter. 'Rund 200 weitere konnten wir nicht mehr aufnehmen', bemerkt Ernsting. Auch die Workshops waren überbucht. Laut Benjamin Klenke ist die Präsenz von Vorgesetzten generell hochwirksam. 'Die Einbindung von Führungskräften in das Gesundheitsmanagement ist das wichtigste Instrument der Mitarbeitermotivation.'
Bei Boehringer testet das betriebliche Gesundheitsmanagement zunächst die Popularität einzelner Maßnahmen. So veranstaltete das Unternehmen im letzten Jahr einen Workshop zum Thema E-Mail-Flut erstmals an nur einem Standort und bewarb ihn im Intranet und mit Plakaten. Erst wenn sich die Nachfrage als hoch erweist, wird das Konzept ausgerollt. 'Das Interesse war so enorm, dass wir den Workshop ins Standardangebot unserer internen Weiterbildung aufgenommen haben', sagt Ernsting.
Als weitere Gründe für den Erfolg des Gesundheitsmanagements sieht Ernsting das breite Portfolio an Angeboten. Und: 'Um Mitarbeiter zu erreichen, stimmen wir frühzeitig alle Maßnahmen mit dem Betriebsrat ab', erklärt sie. Das steigere die Akzeptanz bei den Mitarbeitern. Boehringer lässt sich das betriebliche Gesundheitsmanagement einiges kosten. Pro Jahr steht laut Unternehmen ein Budget im niedrigen zweistelligen Millionenbereich zur Verfügung.
Klug investieren auch andere Gewinner des 'Corporate Health Award' in die Gesundheit der Mitarbeiter - darunter Klinikbetreiber Alexianer Krefeld und die Stadtwerke Osnabrück. Das Geld ist gut angelegt. Fallen doch allein aufgrund von Rücken- und Knochenleiden laut der britischen Stiftung Work Foundation in Deutschland jährlich 217 Millionen Arbeitsstunden weg.
Alle Krankheitsausfälle zusammen kosten die Unternehmen hierzulande laut einer Studie der Strategieberatung Roland Berger rund 60 Milliarden Euro. Das betriebliche Gesundheitsmanagement könne Fehlzeiten um 40 Prozent senken.
Als Faustregel für Investitionen in die Gesunderhaltung der Belegschaft gelten 100 Euro pro Jahr und Mitarbeiter. Der Betrag kann auch höher liegen - wenn etwa Leistungen wie der gesetzlich vorgeschriebene Arbeits- und Gesundheitsschutz mit eingerechnet werden. Dass die Ausgaben sich in jedem Fall lohnen, belegen verschiedene Studien. Das Drei- bis Sechsfache beträgt danach der Return on Investment.