Hoffnungsträger des Jahres – Federica Dávilla: Venezuelas mutiges Herz
Ihre Mutter erzählt, dass die Studentin als kleines Kind „Medizin“ aussprechen konnte, bevor sie „Mama“ sagte.
Foto: HandelsblattFederica Dávila ist ein Kind des magischen Realismus, wie der venezolanische Schriftsteller Arturo Uslar Pietri ihn verstand. Demnach existiert Geschichte nur dann, wenn sie tatsächlich erfahrbar ist. Die 1994 in Caracas geborene Medizinstudentin gehört zu denjenigen ihrer Generation, die angesichts der beispiellosen Krise ihres Landes nicht verzagen, sondern aktiv werden. Federica Dávila und ihre Mitstreiter stoßen in das von Nicolás Maduro verursachte Vakuum hinein, trotzen der Gefahr und sind entschlossen, ihr Recht auf die Mitgestaltung der Zukunft Venezuelas wahrzunehmen.
Federicas Mutter erzählt, dass ihre Tochter „Medizin“ aussprechen konnte, bevor sie „Mama“ sagte. Die Leidenschaft für den Arztberuf verbindet sich im Fall der 23-Jährigen mit Herzlichkeit, Hartnäckigkeit, Bescheidenheit und viel, viel Mut. 2014 gründete sie zusammen mit anderen Medizinstudenten die Organisation „Grünes Kreuz“. Während der Massenproteste und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des Regimes sind die inzwischen 250 Freiwillige in vorderster Linie im Einsatz. Sie versorgen Verwundete und bringen sie in Sicherheit, unabhängig davon, ob sie zu den Protestierenden oder zu deren Gegnern oder den Ordnungskräften gehören. Mehr als 5.000 Opfern der Gewalt in den Städten Venezuelas konnten sie bislang helfen.
Racien Nowak ist Master-Studentin an der Hertie School of Governance in Berlin. Gemeinsam mit ihren Kommilitonen wählte sie für das Handelsblatt den „Hoffnungsträger des Jahres“. Die Laudatio auf Federica Dávila verfasste sie zusammen mit ihrer Kommilitonin Azucena Morán.
Foto: HandelsblattNicht an Politik interessiert zu sein ist ein Privileg, das Venezolaner sich nicht leisten können. Wie Tausende Bürger ging auch Federica Dávila im Jahr 2014 auf die Straße. Sie protestierte als Teil der Studentenbewegung gegen die Repression, zu der Machthaber Maduro griff, nachdem seine Wirtschaftspolitik gescheitert war und das Land immer rascher auf den Bankrott zusteuerte. Dávila erlebte eine komplett unzureichende Notfallversorgung während der Proteste.
Ambulanzen und Notärzte waren erst spät oder gar nicht zur Stelle. Wie nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens liegt in Venezuela auch die Gesundheitsversorgung am Boden. „Für viele Patienten kam die Hilfe zu spät. Oft waren die Verletzungen nicht einmal besonders schwerwiegend, und der Tod vieler Menschen hätte verhindert werden können“, erklärt die Medizinstudentin in einem Skype-Gespräch.
Aus dieser Erfahrung entstand die Idee des Grünen Kreuzes. Die Organisation, die Federica Dávila zusammen mit ihren Kommilitonen Hipólito García und Asdrúbal Moreno ins Leben rief, nahm wenig später mit etwa 40 Freiwilligen ihre Arbeit auf. Inzwischen hat sich deren Zahl versechsfacht. Auch erfahrene Mediziner stießen zum Grünen Kreuz. Finanzielle und materielle Unterstützung erhalten die Mediziner vor allem aus dem Ausland. Die Spendenaufrufe finden mittlerweile auf der ganzen Welt Gehör.
Dennoch stellt die Freiwilligenorganisation angesichts der gewaltigen Probleme Venezuelas natürlich nur ein winziges Hoffnungszeichen dar. Venezuela hat die höchste Inflationsrate der Welt. Mittlerweile fehlt es in dem ölreichen Land an allem – von Arbeit und Bildung bis hin zu Arznei- und sogar Nahrungsmitteln. Der Präsident aber versucht weiterhin, seine Macht zu erhalten und auszubauen: Im März 2017 suspendierte er die Legislative, eine neue verfassunggebende Versammlung spielt nach seinen Regeln. Monatelange Massenproteste vermochten nicht zu verhindern, dass Venezuela sich von der Demokratie entfernt. Immer mehr Menschen sehen sich gezwungen, das Land zu verlassen.
Trotz Risiko gegen die Regierung ausgesagt
Obwohl das Grüne Kreuz selbst neutral ist und Verwundete aller Seiten behandelt, zählt das Regime die Freiwilligen zu seinen Gegnern. Die staatlichen Medien stellen sie als Oppositionelle dar. Einige der mutigen Mediziner sitzen in Haft oder wurden selbst schwer verwundet, einer von ihnen überlebte nicht. Der Fall des Grünen Kreuzes zeigt wie in einem Brennglas die Verachtung des venezolanischen Regimes für das eigene Volk.
Obwohl es für sie ein enormes Risiko bedeutete, folgte Federica Dávila der Einladung der Organisation Amerikanischer Staaten und sagte am 16. November dieses Jahres auf einer Anhörung internationaler Experten über das gewaltsame Vorgehen der Regierung von Venezuela gegen die Zivilgesellschaft aus. Die Aussage wird einfließen in die OEA-Untersuchung des Vorwurfs der gezielten staatlichen Gewaltanwendung gegen Regierungskritiker: Von 124 Todesopfern, die die Massenproteste zwischen April und Juli dieses Jahres forderten, sollen 73 durch Sicherheitskräfte der Regierung direkt verursacht worden sein. Ob die Untersuchung die Lage in Venezuela konkret beeinflussen wird, bleibt abzuwarten.
Federica Dávila steht für den Teil der jungen Generation Venezuelas, für den es keine Option ist aufzugeben oder wegzuschauen. Sie glaubt daran, dass zivilgesellschaftliches Handeln etwas auszurichten vermag, wie desolat die Lage auch sei. Laut dem französischen Philosophen Michel Foucault weiß der Mensch zumeist, was er tut, und oft sogar, warum er es tut. Er weiß aber in der Regel nicht, was sein Tun bewirkt, welchen Effekt es auf das Handeln anderer hat.
Federica Dávila und ihre Mitstreiter helfen, und sie helfen nicht nur Mitmenschen, die Opfer von Polizeigewalt und Tränengas geworden sind. Sie zeigen, dass es immer noch positive Handlungsoptionen gibt in diesem zerrissenen Land, dem nach dem Kollaps der Wirtschaft nun auch der Kollaps der Demokratie droht. Sie ist damit Inspiration und Hoffnung für ihre Generation – und unser Mensch des Jahres 2017.