Landtagswahl in Sachsen: Wie eine Unternehmer-Initiative die Sprachlosigkeit bekämpfen will
Berlin. Martin Böhringer ergeht es wie vielen anderen Unternehmern im Osten Deutschlands. Er ist Chef und Mitgründer der Softwarefirma Staffbase, deren Mitarbeiter allein am Hauptstandort Chemnitz aus mehr als zwei Dutzend Nationen kommen. Er ist auf diese internationale Besetzung angewiesen, weil er nicht alle Fachkräfte in Chemnitz findet.
„Wir werden immer wieder laut einfordern, dass wir eine vorwärtsgewandte Einwanderungspolitik benötigen, ein freies Europa und Toleranz“, sagte Böhringer. Die politischen Forderungen der AfD halte er für rückwärtsgewandt und gefährlich.
Trotzdem will und kann sich Böhringer nicht von den Chemnitzern abwenden. Böhringer ist in der drittgrößten Stadt Sachsens aufgewachsen und hat hier mit Staffbase das bisher einzige mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertete Start-up der Region aufgebaut. Und in Chemnitz wählen eben immer mehr Einwohner die AfD. Bei der Europawahl im Juni wurde die Partei mit mehr als 28 Prozent stärkste Kraft, weit vor der CDU. Für die Landtagswahlen am Sonntag wird sogar mit einem noch höheren Ergebnis gerechnet.
Mit „Fairplay Sachsen“ für den Dialog
Böhringer hat am meisten Sorge, dass die Sachsen nicht mehr miteinander sprechen, dass die unterschiedlichen politischen Einstellungen die Einwohner noch weiter voneinander entfremden. Deswegen will er den respektvollen Dialog wiederbeleben und hat dafür bereits vor der Europawahl die Initiative „Fairplay Sachsen“ gegründet. „Unternehmen können Leute erreichen, die andere vielleicht nicht mehr erreichen“, erklärt Böhringer.
Inzwischen haben sich mehr als 70 Firmen, Organisationen und Sportverbände der Initiative angeschlossen. Darunter sind viele Mittelständler, andere Start-ups wie Sunfire, Wandelbots und Packwise aus Dresden, aber auch vor Ort angesiedelte Großkonzerne wie Thyssen-Krupp und T-Systems.
Die Packwise-Chefin Gesche Weger begründete ihr Engagement bei „Fairplay Sachsen“ so: „Jedes sachliche und konstruktive Gespräch zu gesellschaftspolitischen Themen trägt dazu bei, dem Populismus Raum zu nehmen.“
Die Initiative „Fairplay Sachsen“ setzt sich für einen respektvollen und gewaltfreien Umgang miteinander sowie offene Diskussionen ein. Zugleich ruft sie dazu auf, wählen zu gehen.
Ganz konkret wirbt sie nun in einer „Endspurt“-Mail bei Unternehmern dafür, für flexible Arbeitszeiten am Wahltag zu sorgen oder Fahrgemeinschaften zu Wahllokalen anzubieten. Gerade im ländlichen Raum sind die Wege zur nächsten Urne manchmal weit. Deswegen rät die Initiative auch zu Anreizen – etwa ein halber Tag Urlaub oder ein gemeinsames Frühstück für Mitarbeitende, die nachweislich wählen waren.
Damit ist „Fairplay Sachsen“ nicht allein. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bereits im Februar die Wirtschaft dazu aufgerufen, sich am Schutz der Demokratie zu beteiligen. Böhringer selbst konnte seine Ideen und seine Initiative bei einem Abendessen im Schloss Bellevue dem Bundespräsidenten vorstellen.
Kein Raum für Sprachlosigkeit
Böhringer ist überzeugt, dass die größte Gefahr vom fehlenden Dialog ausgeht: „Wir können uns gar nicht mehr intellektuell mit den Ideen der anderen Seite auseinandersetzen.“ Das sorge für eine Radikalisierung und das Gefühl, nicht verstanden zu werden.
Er ist sich jedenfalls sicher: „Diese Dynamik schätze ich für gefährlicher ein als die inhaltlichen Positionen der AfD.“ Diese sei vor allem im Osten lokal seit Jahren fest etabliert: „Im Vergleich zu den Freien Sachsen sind sie hier ein Stabilitätsanker, der Kommunalpolitik macht. Die extreme Anfeindung sorgt dafür, dass viele Menschen inzwischen an eine Verschwörung glauben und der Meinung sind, dass sie nicht gehört werden.“
Da stimmt ihm der wirtschaftspolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, Leif-Erik Holm, zu: „Wir sind immer gesprächsbereit und für jede Diskussion offen.“ Es dürften keine „De-facto-Gesprächsverbote“ erteilt und Meinungen ausgegrenzt werden. Zugleich widersprach Holm der Annahme, die AfD habe etwas gegen ausländische Fachkräfte. Allerdings erklärte er auch: „Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass nicht immer mehr gut ausgebildete, heimische Fachkräfte ins Ausland ziehen.“
Schon jetzt beschäftigen die Jungfirmen in Ostdeutschland allerdings weniger ausländische Mitarbeiter als im Rest Deutschlands. Der Anteil liegt aktuell bei 13,4 Prozent, aus dem nicht europäischen Ausland kommen sogar nur sieben Prozent, wie aus einer bereits im Januar veröffentlichten exklusiven Auswertung des Start-up-Verbands für das Handelsblatt hervorgeht. Deutschlandweit sind es 28 Prozent beziehungsweise 15 Prozent.