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QuartalsbilanzenSchwere Einbrüche bleiben aus: Neuer Optimismus bei den Dax-Konzernen

Anders als in den Krisen 2002 und 2008 drohen den Unternehmen im Corona-Jahr 2020 keine drastischen Gewinneinbrüche. Das hat vor allem zwei Ursachen.Ulf Sommer 22.10.2020 - 04:00 Uhr Artikel anhören

Die deutsche Industrie kann auf ihre Exportstärke bauen.

Foto: Bloomberg

Düsseldorf. Erst die Deutsche Post, dann Covestro, Henkel und Daimler: Reihenweise haben große börsennotierte Konzerne in den vergangenen Tagen unerwartet starke Vorabzahlen zum abgelaufenen Quartal veröffentlicht oder ihre zum Teil zuvor zusammengestrichenen Jahresprognosen angehoben.

Daraus speist sich ein neuer Optimismus: Insgesamt dürften die 30 Dax-Konzerne im laufenden Jahr netto, also nach Abzug aller Kosten, knapp über 60 Milliarden Euro verdienen. Das belegen jüngste Berechnungen von internationalen Fachanalysten, wie sie bei Finanzdienstleistern wie Bloomberg zusammenlaufen.

Damit würden die 30 größten börsennotierten deutschen Unternehmen zwar gut 20 Milliarden Euro und damit 25 Prozent weniger verdienen als 2019. Damals hatten die Konzerne mit 81 Milliarden Euro das drittbeste Ergebnis in der deutschen Wirtschaftsgeschichte eingefahren.

Doch auch wenn die Unternehmen damit auf das Gewinnniveau von 2016 zurückfallen, ein so schwerer Einbruch wie in zwei vergangenen großen Krisenjahren bleibt aus. Nach Ausbruch der Immobilien- und Finanzkrise hatten die 30 Dax-Konzerne 2008 nur knapp 16 Milliarden Euro verdient, 2002 waren sie zusammengerechnet mit minus drei Milliarden Euro sogar in die roten Zahlen gerutscht.

Die Gründe dafür liegen für die stark exportorientierte deutsche Industrie in China und den USA. In beiden Ländern kam es nicht zu vollständigen Lockdowns, sodass sich die Erlösrückgänge dort in überschaubaren Grenzen hielten.

Noch in den Sommermonaten hatten Analysten, die sich eng an den Konzernbilanzen und den Aussagen der Vorstände orientieren, Gewinneinbrüche zwischen 40 und 60 Prozent in diesem Jahr erwartet. „Die größten Gewinnenttäuschungen liegen hinter uns“, urteilt Commerzbank-Analyst Andreas Hürkamp, „auch die Gewinnerwartungen für das Geschäftsjahr 2021 haben sich zuletzt stabilisiert“.

Gute Auftragslage für Autobauer

Bevor die von Aktionären mit Spannung erwartete Berichtssaison zum dritten Quartal mit dem Dax-Konzern Daimler beginnt, hat der Stuttgarter Autobauer wesentliche Kennzahlen für die abgelaufenen drei Monate bereits veröffentlicht. Vor Steuern und Zinsen verdiente Daimler zwischen Juli und September 3,7 Milliarden Euro. Das waren eineinhalb Milliarden mehr, als Analysten vorab erwartet hatten. Der Mercedes-Hersteller verdiente damit sogar eine Milliarde Euro mehr als im Corona-losen Vorjahreszeitraum.

So konkret mit Zahlen wie Daimler haben sich bislang nur wenige Unternehmen nach vorn gewagt. Doch bisherige Äußerungen und Ausblicke der Konzernchefs deuten darauf hin, dass Daimlers positive Überraschung, die Anleger im Übrigen mit einem kräftigen Kursanstieg der Aktie von mehr als vier Prozent quittierten, nicht die Ausnahme bleiben wird.

Nach den schweren Einbrüchen infolge des von der Regierung angeordneten Stillstands weiter Teile des öffentlichen Lebens haben sich die Konzerne offenbar gut erholt. Dem Lockdown im März und den daraus folgenden miserablen Geschäftszahlen im zweiten Quartal steht offenbar bereits im dritten Quartal die abrupte Erholung bevor.

Volkswagen will angesichts der guten Auftragslage im Wolfsburger VW-Stammwerk und auch in der nahe gelegenen Nutzfahrzeuggesellschaft in Hannover jeweils 300 Zeitarbeiter neu einstellen – nachdem gerade erst viele Tausend befristete Verträge ausgelaufen waren. Doch Engpässe in der Produktion führten zum Umdenken beim weltweit größten Autobauer.

Der Wettbewerber BMW registrierte nach eigenen Angaben im abgelaufenen Quartal überraschend hohe Einnahmen: Zwischen Juli und Ende September verzeichnete der Münchener Autobauer in seinem Kerngeschäft Autobau einen Zufluss von 3,1 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum lag der entsprechende Cashflow bei 714 Millionen Euro. Die raschere Erholung in vielen Märkten mit einem höheren Absatzwachstum trug ebenso zu dem hohen Mittelzufluss bei wie gesenkte Fixkosten und geringere Investitionsausgaben.

Doch es sind längst nicht nur die Autobauer, die angesichts starker Verkäufe vor allem in China die Trendwende nach dem Einbruch im zweiten Quartal schaffen. Aufwärts geht es in der konjunkturempfindlichen Chemieindustrie. Der Kunststoffhersteller Covestro erhöhte angesichts steigender Verkaufszahlen seine eigene Prognose. Für das Gesamtjahr rechnet die einstige Bayer-Sparte nun mit einem Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) von 1,2 Milliarden Euro. Bislang war eine weit dehnbare Spanne zwischen 700 Millionen und 1,2 Milliarden Euro angepeilt worden – wobei Analysten und Anleger zeitweise das Erreichen des unteren Endes dieser Bandbreite angezweifelt hatten.

Der Spezialchemiekonzern setzte nach eigenen Angaben mehr Mengen ab und erzielte dabei höhere Margen. Diese waren angesichts geringer Nachfrage und Überkapazitäten, was die Weltmarktpreise für viele chemische Grundprodukte drastisch fallen ließ, im ersten Halbjahr eingebrochen. Im Kerngeschäft erhöhte sich nun das Wachstum gegenüber dem Vorjahr um drei Prozent. Die Erholung fällt nach Einschätzung des Vorstands „dynamischer“ aus als erwartet.

Nach vorläufigen Zahlen erhöhte der Konsumgüterkonzern sein organisches Wachstum um knapp vier Prozent gegenüber dem Vorjahr und erreichte einen Umsatz von fünf Milliarden Euro.

Foto: Bloomberg

Finanzvorstand Thomas Toepfer hatte erstmals vor gut vier Wochen von einer „Verstetigung des Aufwärtstrends“ gesprochen. Im dritten Quartal verdiente Covestro vorläufigen Zahlen zufolge 456 Millionen Euro (Ebitda) – fast 100 Millionen Euro mehr, als Analysten im Schnitt vorab erwartet hatten.

Der große Wettbewerber BASF hat zwar gerade erst eine Abschreibung in Höhe von 2,8 Milliarden Euro vorgenommen. Sie wird im dritten Quartal bilanzwirksam. Grund dafür sind Wertberichtigungen angesichts des wohl längerfristig anhaltenden Nachfragerückgangs in der Automobil- und Luftfahrtindustrie. Demzufolge steuert BASF im dritten Quartal auf einen Milliardenverlust zu.

Allerdings betrifft dieser nicht das operative und damit laufende Geschäft. Mit gut 580 Millionen Euro hat sich der Betriebsgewinn bei Europas größtem Chemiehersteller im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal mehr als verdoppelt. Im Gesamtjahr rechnet BASF nun mit einem operativen Gewinn zwischen drei und 3,3 Milliarden Euro. Das wäre rund ein Drittel weniger als im Vorjahr.

Gemessen an der Schwere der Krise in der Realwirtschaft überrascht die Kehrtwende bei den Konzernbilanzen auf den ersten Blick. Mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von voraussichtlich knapp sechs Prozent in diesem Jahr bricht die deutsche Wirtschaft vermutlich ebenso schwer ein wie 2009. Dass die Konzerne aber dennoch deutlich besser abschneiden, verdanken sie einerseits frühzeitig eingeleiteten Sparprogrammen, andererseits ihrer außerordentlich hohen Exportstärke.

Sparprogramme lindern die Einnahmeausfälle

Bereits Ende 2018, als der große Absatzmarkt China schwächelte und die amerikanische Handelspolitik um US-Präsident Donald Trump mit Protektionismus den Welthandel so schwach wachsen ließ wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr, legten die Vorstände vieler produzierender Unternehmen Effizienzprogramme auf.

Mithilfe von Fluktuation, Vorruhestandsregelungen und Abfindungen beschlossen allein die 30 Dax-Konzerne, zusammengerechnet 100.000 Stellen im In- und Ausland abzubauen. Hinzu kamen Sparprogramme, mit denen die Unternehmen ihre Gewinne künftig Jahr für Jahr um zusammengerechnet 20 Milliarden Euro verbessern wollten.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie hat den Strukturwandel noch einmal beschleunigt. Nach Handelsblatt-Recherchen fallen allein in diesem und im nächsten Jahr netto, also unter Einberechnung aller Neueinstellungen, mehr als 120.000 Arbeitsplätze allein in Deutschland weg. In der Krise 2008/09 waren bei den Dax-Konzernen rund 85.000 Stellen weggefallen.

Beides, Stellenabbau und Sparprogramme, entfaltet seine Wirkung erst mit einer Verzögerung von mehr als einem Jahr. Zunächst kostet es sogar Geld, weil Abfindungen und Rückstellungen fällig werden. Doch diese erste Phase hat sich bereits in den Bilanzen 2018 und 2019 widergespiegelt.

Darüber hinaus senkten die Unternehmen – besonders die großen Autobauer – kurzfristig ihre Kosten. Sie schickten nach dem Lockdown im Frühjahr Zehntausende Mitarbeiter vorübergehend in Kurzarbeit und ließen sie aus Mitteln der Bundesanstalt für Arbeit bezahlen.

Sparen allein trägt keinesfalls ausschließlich zur aktuellen Erholung bei. Die weltweite Realwirtschaft entwickelt sich anders als in den zwei vergangenen großen Krisen.
Sowohl nach Pleite der amerikanischen Großbank Lehman (2008) als auch nach den spektakulären Bilanzfälschungen um Worldcom und Enron, die in eine weltweite Vertrauenskrise in die Bilanzqualität börsennotierter Unternehmen führte, rutschte die Weltwirtschaft in eine Art Schockstarre.

Der drohende Golfkrieg 2003 und die Schieflagen vieler Finanzhäuser (2009) verschärften diese Starre. Die Folge war, dass bereits erteilte Bestellungen storniert wurden und der Welthandel vorübergehend zum Erliegen kam. Viele Unternehmen rutschten tief in die roten Zahlen – vor allem die vom Welthandel und von Exporten abhängigen deutschen Industriekonzerne.

Eine vergleichbare kollektive und weltweite Schockstarre gab es diesmal nicht. Nach dem in Deutschland und weiten Teilen Europas im Frühjahr erzwungenen Lockdown erholt sich die Wirtschaft sehr viel schneller. Den exportstarken deutschen Unternehmen kommt zugute, dass sich vor allem der große Absatzmarkt China sehr rasch erholt. BMW, Daimler und Volkswagen verkauften dort schon vor der Coronakrise rund ein Drittel ihrer weltweit hergestellten Autos.

Jetzt verzeichnen sie in dem Ausgangsland der Pandemie große Wachstumsraten, sodass die Region im weltweiten Vergleich noch mehr an Bedeutung gewinnt. Daimler erhöhte seinen Umsatz an Mercedes-Fahrzeugen in Fernost im dritten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent auf 224.000 Pkws.

Auch der zweite große Absatzmarkt, Amerika, erweist sich als robust. Hier hat es bislang trotz hoher Infektions- und Todeszahlen nie einen landesweiten Lockdown gegeben so wie in weiten Teilen Europas.

Asien rettet das Geschäft

Wer also seine Produkte und Dienstleistungen in die zwei Großregionen Amerika und Asien verkauft – und das betrifft im Dax fast alle Unternehmen –, hat weit geringere Einbußen, als es der deutsche vom Lockdown geprägte Blickwinkel vermuten lässt.

Wie stark sich der Welthandel rasch wieder erholt, signalisiert kaum ein Land besser als Südkorea. Hier exportieren die Unternehmen, gemessen an ihrem Binnenmarkt, noch sehr viel mehr als in Deutschland. Nach Auskunft des Handelsministeriums in Seoul stiegen die Ausfuhren im September gegenüber dem Vorjahresmonat um fast acht Prozent.

Die großen und mittelgroßen börsennotierten deutschen Unternehmen im Dax und MDax erzielen im Schnitt rund die Hälfte ihres Umsatzes im nichteuropäischen Ausland – also im Wesentlichen in den zwei Großregionen Amerika und Asien, wo die Wirtschaft sehr viel weniger heruntergefahren wurde. Das ist die Erklärung, warum viele Unternehmen in den vergangenen Wochen mit positiven Ergebnissen überraschten, darunter auch Henkel.

Nach vorläufigen Zahlen erhöhte der Konsumgüterkonzern sein organisches Wachstum um knapp vier Prozent gegenüber dem Vorjahr und erreichte einen Umsatz von fünf Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr war er noch um sechs Prozent gesunken. Vor allem das stark von der Autoindustrie abhängige Klebstoffgeschäft hatte schwere Einbußen beschert. Im dritten Quartal holten viele Kunden verschobene Käufe nach.

Zwischen Juli und Ende September verzeichnete der Münchener Autobauer in seinem Kerngeschäft Autobau einen Zufluss von 3,1 Milliarden Euro.

Foto: dpa

Nachdem Henkel seine Jahresprognose kassiert und keine neue veröffentlicht hatte, traut sich der Vorstand inzwischen wieder eine Prognose zu. Für das Gesamtjahr peilt Henkel einen Umsatzrückgang zwischen einem und zwei Prozent an. Analysten rechnen mit einem Nettogewinn von 1,7 Milliarden Euro, nach gut zwei Milliarden Euro im Vorjahr. Zwar werde, so prognostiziert Henkel, die industrielle Nachfrage wohl unter dem Vorjahresniveau bleiben, sich aber nicht „in erheblichem Maße eintrüben“.

Mit einem abermaligen Lockdown rechnet Vorstandschef Carsten Knobel trotz steigender Infektionszahlen nicht. Sein Vorgänger Hans Van Bylen hatte mehrfach die Jahresziele nach unten korrigieren müssen, was dazu beitrug, Ex-Finanzchef Knobel an die Spitze des familiengeführten Unternehmens zu berufen.

Die Erholung der Wirtschaft bleibt unvollständig

Die Konzernbilanzen zum dritten Quartal dürften zeigen, dass es den Unternehmen sehr viel besser geht als noch in den Sommermonaten befürchtet. Doch eine Rückkehr zum Vorkrisenniveau dürfte wohl noch dauern. „Obgleich der Aufschwung anfangs V-förmig erschien, wird er tatsächlich flacher“, urteilte jüngst Bundesbank-Präsident Jens Weidmann: „Die Erholung der deutschen Wirtschaft wird sich wahrscheinlich in die Länge ziehen und für einige Zeit unvollständig bleiben.“ Diese Einschätzung dürften die Ausblicke der Firmenchefs widerspiegeln.

Darüber hinaus blenden die börsennotierten Unternehmen viele konsumnahe Branchen abseits des Exports aus. Ihnen geht es nach wie vor schlechter als den Dax-Konzernen. Die Reise- und Eventveranstalter wie Tui und Eventim sowie die vielen Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe profitieren nicht vom anziehenden Welthandel, sondern hängen von Hygieneplänen, Abstandsregeln und Veranstaltungsbeschränkungen ab. Diese haben in den letzten Wochen eher zu- als abgenommen.

So schwerwiegend jedes Einzelschicksal durch geschlossene Läden oder von insolventen Kiosk- und Restaurantbesitzern ist, die besonders unter der Corona-Pandemie leidenden kontaktintensiven Dienstleister wie Gaststätten, Reiseunternehmen, Hotel- und Messebetriebe machen zusammengerechnet weniger als zehn Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung aus.

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Sehr viel mehr spiegeln die vielen produzierenden und vom Ausland abhängigen Unternehmen die Gesamtwirtschaft wider. Wohl auch deshalb bleibt der Grundtenor vieler Ökonomen positiv. Chefvolkswirt Jörg Zeuner von Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, prognostiziert: „Auch im vierten Quartal werden wir ein deutliches Plus haben.“

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