Vordenker 2021: Govtech-Experte Nils Hoffmann: „Das richtige Team kann fast alles bewegen“
„Wir wollen die Technologie-Szene und die Verwaltung auf vielfältige Weise zusammenbringen.“
Foto: HandelsblattSpezialist oder Generalist? Für Nils Hoffmann war die Entscheidung stets klar. „Ich habe es schon immer geliebt, mich mit vielen Themen auseinanderzusetzen“, sagt er. Weltraumtechnik, digitale Kommunikation, Umweltschutz – alles spannend. „Deshalb fühle ich mich hier so wohl“, sagt Hoffmann über seinen Job als Geschäftsführer bei Public Deutschland in Berlin. Hier kann der 31-Jährige sein geballtes Wissen nutzbringend anwenden.
Ecosystem Firm – so beschreibt sich das vor vier Jahren gegründete deutsch-britische Unternehmen selbst. Es geht darum, Verbindungen zu knüpfen: in diesem Fall zwischen Behörden, Start-ups und Kapitalgebern – und so ein neues Ökosystem zu erschaffen. „Wir wollen die Technologie-Szene und die Verwaltung auf vielfältige Weise zusammenbringen“, erläutert der gebürtige Wilhelmshavener. Zum Beispiel über Accelerator-Programme, in denen Tech-Gründer ihre Ideen zur Marktreife entwickeln können.
Zudem unterstützt Public die Verwaltung direkt, wenn es etwa darum geht, eigene Start-up-Programme aufzulegen. „Es wird viel über Strategien gesprochen“, sagt Hoffmann. „Ich will da sein, wo die Technologien sind und genutzt werden können.“ Public selbst ist mit Risikokapital finanziert von Investoren aus Europa.
Hoffmanns Weg in die Welt der Behörden führte über die Finanzindustrie. Der studierte Betriebswirt arbeitete zunächst bei einer genossenschaftlichen Bank und wechselte dann als Analyst für das Portfoliomanagement in ein Family Office. In den öffentlichen Sektor zog es ihn „aus dem Antrieb, etwas Sinnvolles zu machen“.
Drei Jahre lang war Hoffmann für die Bezirksregierung im sauerländischen Arnsberg tätig. „Dort bin ich der Frage nachgegangen, wie die Verwaltung an innovative Technologien herankommen kann, und habe angefangen, mich mit der Start-up-Szene zu beschäftigen“, sagt er. Die Antwort: ein Innovationslabor für digitale Verwaltungslösungen, Govtech genannt – eine Pionierleistung in Deutschland.
Mehr Chancen für Start-ups
In der Coronakrise ist die Rolle des Staates noch einmal wichtiger geworden. Die Digitalisierung auch von Behörden wurde so beschleunigt. „Die Start-up-Szene hat damit mehr Chancen bekommen“, sagt Hoffmann. Mit dem Start-up Element beispielsweise entwickelte Public einen Messenger für die öffentliche Hand – nach dem Vorbild des Dienstes Slack, allerdings auf Open-Source-Basis. Hunderttausende Beschäftigte nutzen ihn. Maßgeschneiderte Lösungen sind gefragt: „Der Staat hat ganz eigene Anforderungen, was Informationsfreiheit, Datensicherung und fairen Einkauf angeht.“
Ein Schlüsselerlebnis für die Arbeit von Behörden habe er in Arnsberg gehabt, erinnert sich Hoffmann. Ein Chatbot für Bürger lautete das Ziel. Mit minimalem Budget und Aufwand sei es ihm gelungen, den digitalen Assistenten entwickeln zu lassen. „Die Behörde war begeistert“, sagt Hoffmann. „Aber als es um den Betrieb ging, wurde es immer komplexer: Die Software etwa stammte von einem US-Start-up – da ging es dann um die digitale Souveränität der Ämter.“ Viele Lösungen der Tech-Szene würden schlichtweg nicht eins zu eins in die Welt der öffentlichen Hand passen. Sie darauf abzustimmen – das bleibt Hoffmanns Mission. Breites Wissen kann nur helfen.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Herr Hoffmann, wissen Sie noch, was Sie werden wollten, als Sie klein waren?
Ich war – und bin es heute noch – fasziniert vom Weltraum und vom Fliegen. Ich war vernarrt in das Space Shuttle der Nasa und hatte zig Modelle in meinem Kinderzimmer. Darum wollte ich als Kind unbedingt Pilot oder Fluglotse werden. Leider haben mir da meine extrem schlechten Augen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Heute beschäftigen wir uns im Rahmen von Govtech jedoch auch mit Spacetech und Themen wie Geospatial Data – also Geoinformationen. Dadurch kann ich diesen Themen doch ein Stück näher sein als anderswo.
Woran messen Sie Ihren Erfolg? Spielt Geld eine Rolle, oder gibt es andere Faktoren?
Der Impact meiner Arbeit auf die Gesellschaft ist mir sehr wichtig. Das ist der Grund, aus dem ich mich beruflich so intensiv mit Government Technology beschäftige. Ein gut funktionierender, zugänglicher und schneller Staat ist für mich die Basis einer guten Gesellschaft. Wirtschaftlicher Erfolg spielt aber auch eine wichtige Rolle. Für die Produkte und Services bezahlt zu werden, die man unternehmerisch entwickelt, ist in der Marktwirtschaft ein wichtiger Indikator für den eigenen Erfolg – und dafür, ob man etwas von Relevanz tut.
Gibt es Charakterzüge, die für eine Führungsperson unabdingbar sind?
Bescheidenheit im Hinblick auf die eigenen Fähigkeiten ist extrem wichtig. Da habe ich viel von meinen Vorgesetzten der vergangenen Jahre gelernt. Eine gute Führungsperson versammelt ein Team von Menschen um sich, die inhaltlich viel talentierter und besser sind als sie selbst. Schmiedet man hier das richtige Team und gibt Rahmenbedingungen mit, die passen, kann dieses Team fast alles bewegen.
Bitte ergänzen Sie den Satz: In Konfliktsituationen bin ich…?
…immer auf der Suche nach Aspekten, die doch noch zu einer Win-win-Situation führen.
Was waren Ihre wichtigsten drei (Arbeits-)Ergebnisse der letzten drei Jahre?
Über den Accelerator Govstart haben wir bei Public gemeinsam mit dem Start-up Element den Grundstein für Messenger- und Kollaborationstechnologie im deutschen öffentlichen Sektor gelegt. Mehrere 100.000 Nutzerinnen und Nutzer in deutschen Verwaltungen sind dadurch mit der aktuellsten Arbeitsplatz-Technologie ausgestattet worden. Der bis heute größte Deal für Kommunikationssoftware weltweit! Zweitens der Start von Govmarket, gemeinsam mit PwC, mit dem wir in Deutschland endlich viele der Problemstellungen beim Thema öffentliche Auftragsvergabe angehen und den Markt für Govtech auch Start-ups zugänglich machen. Zuletzt ein Projekt aus meiner Zeit beim Land NRW, wo ich mit dem Govlab Arnsberg eines der ersten Innovation Labs in der Verwaltung erfolgreich aufbauen konnte.
In den nächsten drei Jahren: Was wollen Sie lernen, das Sie heute noch nicht können?
Definitiv eine weitere Sprache – neben Deutsch und Englisch. Die Wahl wird vermutlich auf Italienisch fallen – Italien begeistert mich sehr.
Was ist Ihr langfristiges Ziel beziehungsweise Ihre Vision?
Dabei mitzuwirken, die Kooperation von Start-up-Szene und der öffentlichen Verwaltung in Deutschland und Europa zu einer der erfolgreichsten der Welt zu machen.
Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Welche alternativen Karriereoptionen würden die für Sie vorschlagen?
Meine Frau würde sofort sagen: Diplomat!
Herr Hoffmann, vielen Dank für das Interview.