Wall Street: Eine Billion Dollar für Aktienrückkäufe: Kritik an US-Konzernen wächst
Der Technologiekonzern ist in den USA der mit Abstand größte Aktienrückkäufer.
Foto: ReutersDüsseldorf. Rund 50 Milliarden Dollar hat der iPhone-Hersteller Apple seit 2011 Jahr für Jahr für den Erwerb eigener Aktien ausgegeben. Das ist mehr als doppelt so viel, wie derzeit alle deutschen Unternehmen zusammen für solche und zum Teil über mehrere Jahre laufenden Programme investieren.
In den USA kündigten Unternehmen im abgelaufenen Jahr für die Rekordsumme von einer Billion Dollar Aktienrückkäufe an. Sie sind damit selbst die größte Käufergruppe an der Wall Street. Allein Apple und Alphabet haben ihren Aktionären neuerliche Rückkäufe von zusammen 140 Milliarden Dollar versprochen, bei Microsoft waren es kürzlich 60 Milliarden Dollar.
Zum Vergleich: In Europa kauften die Unternehmen 2021 für rund 70 Milliarden Euro eigene Aktien zurück. Zu den großen Rückkäufern zählen der Nahrungsmittelriese Nestlé und der deutsch-amerikanische Industriegasespezialist Linde.
Weil die Firmen die Rückkäufe meist mit Anleihen finanzieren, sind die Schulden auf Rekordniveau gestiegen. Waren die 500 US-Konzerne im Aktienindex S&P 500 vor zehn Jahren mit sieben Billionen Dollar verschuldet, sind es aktuell elf Billionen.
Kritiker sprechen von Bilanzkosmetik: Ein Viertel aller Gewinnsteigerungen erreichten US-Konzerne in den letzten zehn Jahren durch einen höheren Gewinn pro Aktie, weil die Zahl der Aktien durch Rückkäufe kleiner wurde. Der absolute Gewinn hingegen stagnierte oder sank.
Anders als in Deutschland finanzieren die US-Konzerne ihre kostspieligen Programme vor allem mit Krediten und Anleihen und damit Fremdkapital. Und das nur, um den Aktienkurs kurzfristig zu steigern und die Aktienoptionen der Manager wertvoller zu machen.
Dieses „Financial Engineering“ genannte Vorgehen „schadet Unternehmen und der gesamten Volkswirtschaft“, erklärt Marcus Hüttinger, Marktstratege beim konzernunabhängigen Vermögensverwalter Gané. Seiner Ansicht nach sollten Aktienrückkäufe nur dann eine Option sein, wenn neben den Erhaltungsinvestitionen auch die notwendigen Wachstumsinvestitionen getätigt wurden.
Kredite sind für Apple günstiger als Bargeld-Rückführung
So kündigte die Google-Holding Alphabet im vergangenen Frühjahr für 50 Milliarden Dollar Rückkäufe an und begab seit 2020 Anleihen für knapp zehn Milliarden Dollar. Dafür zahlt der Konzern seinen Gläubigern Zinsen zwischen einem halben und gut zwei Prozent.
Der mit Abstand größte Rückkäufer ist Apple – 488 Milliarden Dollar in den vergangenen zehn Jahren und ein neues Programm von 90 Milliarden Dollar seit April 2021. Parallel dazu gab der Konzern seit Anfang 2020 Anleihen für 55 Milliarden Dollar aus.
Apple ist eigentlich in einer komfortablen Lage mit einem Bargeldbestand von aktuell 191 Milliarden Dollar. Das Problem: Der überwiegende Teil liegt im Ausland. Eine Rückführung in die USA müsste das Unternehmen versteuern. Angesichts der niedrigen Zinsen ist es für den Konzern deshalb günstiger, Kredite zur Finanzierung der Aktienrückkäufe aufzunehmen, als Steuern auf seine Gewinne zu zahlen.
Die Praxis von Apple und Co. ist in den USA umstritten. Präsident Joe Biden hat Ende vergangenen Jahres die Eckpunkte seiner Agenda zur Verbesserung der Sozial- und Klimapolitik vorgelegt. In den kommenden zehn Jahren sollen 1,75 Billionen Dollar für Investitionen ausgegeben werden, davon knapp ein Drittel für den Kampf gegen den Klimawandel.
Zur Finanzierung setzt Biden auf Steuererhöhungen. Vorgesehen ist auch eine Steuer auf Aktienrückkäufe in Höhe von einem Prozent auf das zurückgekaufte Volumen. Zurückgerechnet auf die Rückkäufe im vergangenen Jahrzehnt wären das zusätzliche Staatseinnahmen von rund fünf Milliarden Dollar pro Jahr.