Die neuen Gründer – Insitu: Helden für einen Tag
Freude am Gründen
(Foto: Manuel Krug für Handelsblatt)
Foto: HandelsblattBerlin. Durch die Tür, neben der Alexander Muschalle gerade Platz genommen hat, ging früher David Bowie ein und aus. Das Restaurant Carruso liegt im selben Haus wie die Hansa Studios, in denen Bowie Ende der Siebziger die Berlin-Alben aufnahm, „Heroes“ heißt eines davon. Auch Muschalle hat mal davon geträumt, ein Held zu sein, ein Rockstar auf der Bühne, oder wenigstens Produzent. Doch ihm fehlten das Talent oder die Ausdauer – oder beides. Er studierte erst Betriebswirtschaft, dann Informatik, jobbte eine Weile in der Firma seiner Mutter und wusste immer noch nicht, was er werden sollte, bis er begriff: „Du wirst etwas, indem du es machst.“
Jetzt ist er Unternehmer. Das Start-up, das er vor vier Jahren zusammen mit David Lassner gegründet hat, heißt Insitu, lateinisch für „an Ort und Stelle“. Insitu ist eine Plattform, die zwischen Zeitarbeitsfirmen und ihren Auftraggebern vermittelt, Verleiher und Entleiher sagt man in der Branche. Die Entleiher, das sind im Moment noch hauptsächlich Krankenhäuser, die täglich freie OP-Schwestern oder Anästhesisten anfordern, weil ihre Stammbelegschaften so klein geworden sind, dass Engpässe alltäglich sind.
Mit Rock’n Roll hat das wenig zu tun. Eine kleine Revolution ist es schon. Bisher kommunizieren Verleiher und Entleiher hauptsächlich über das Telefon, was zeitraubend sein kann, wenn man erst Dutzende Firmen anrufen muss, bis man die passende Person gefunden hat. Der Zeitarbeitsmarkt ist stark fragmentiert, die großen vier vereinen 30 Prozent des Umsatzes, der Rest entfällt auf kleine und mittlere Unternehmen, bei denen bislang unentwegt das Telefon klingelte.
Die Plattform ist kostenlos
Bei Insitu können die Zeitarbeitsfirmen jetzt ihre verfügbaren Ressourcen eintragen, und die Krankenhäuser sehen auf einen Blick, welche Mitarbeiter frei sind, welche Qualifikationen sie mitbringen und was das kostet.
Den ersten Kontakt herzustellen habe Jahre gedauert, sagt Muschalle. Alle Marktteilnehmer haben sich an das System gewöhnt, die Wachstumsraten in der Zeitarbeit sind überschaubar, warum sollten sie einen zusätzlichen Spieler willkommen heißen, der auch noch etwas davon abhaben will?
Die Teilnahme an der Plattform sei darum kostenlos, ein sogenanntes „Freemium“-Modell, erklärt Muschalle. Geld verdienen will das Start-up mit Zusatzangeboten. So ermöglicht es die Software den Verleihern, die Daten aus dem Buchungsprozess automatisch in ihre Buchhaltung einzuspeisen und eine Rechnung zu erstellen. Die Entleiher können ihren kompletten Schichtplan über Insitu erstellen und so auf einen Blick erkennen, ob die eigenen Kräfte oder das Budget noch weiter belastbar sind. Auch die Mitarbeiter haben Zugriff auf den Plan, so werden doppelte Kalendereinträge und Fehlerquellen vermieden.
Mittlerweile sind 84 Berliner Zeitarbeitsfirmen bei Insitu angeschlossen, 40 Prozent davon nutzen die kostenpflichtigen Premium-Produkte. Größter Kunde auf der anderen Seite ist der Klinikkonzern Vivantes. Bald sollen weitere Städte hinzukommen und neue Kundengruppen, etwa Logistiker, Hoteliers, Gastronomen und Pflegeeinrichtungen.
„Unsere Tools sparen Zeit und Geld und sind so einfach wie eine Pizza“, sagt Muschalle, weil der Kellner im Carruso gerade eine vorbeigebracht hat. Auf die Geschäftsidee kam er nicht durch Zufall. Das Unternehmen, das seine Mutter führt, heißt Inzeit und verleiht Personal. Für ihn sei das nichts gewesen, sagt Muschalle. Nicht nur, weil er der Sohn der Chefin war, sondern weil es dort für ihn nicht viel zu tun gab, außer alles so zu machen wie bisher: „Es gibt Jobs, die sind wie Zähneputzen, nicht sinnlos, aber man kommt auch nicht voran.“
Idee könnte den Markt verändern
Immerhin hat er dort erst so richtig verstanden, wie der Markt für Zeitarbeiter funktioniert: Dass in Anbetracht des Fachkräftemangels nicht mehr der Preis für die Kraft entscheidet, sondern dass sie schnell verfügbar ist. Die Fachkräfte wiederum stellen ihre Arbeit umso lieber zur Verfügung, je freier sie über ihre Zeit bestimmen können. Mit Insitu, sagt Muschalle, könnten die Mitarbeiter selbst festlegen, wie viele Kilometer sie zu fahren bereit sind, ob sie lieber vormittags arbeiten oder heute frei haben wollen. Ihre Arbeitgeber, die Zeitarbeitsfirmen, müssen sich nicht die Mühe machen, jeden Sonderwunsch zu notieren und mit den hereinkommenden Anfragen zu koordinieren. Auf der Plattform fänden Nachfrage und Angebot automatisch zusammen.
Ihn hätten sowohl die Vision als auch der Sachverstand der Gründer überzeugt, sagt der Vorstand eines mittelständischen Logistikunternehmens, der bei Insitu als Business-Angel eingestiegen ist, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte, solange die aktuelle Finanzierungsrunde nicht abgeschlossen ist.
Julia Derndinger ist nicht so zurückhaltend. In der Berliner Start-up-Szene ist sie eine anerkannte Beraterin, seit vielen Jahren sitzt sie bei diversen Gründerpreisen in der Jury. Ihr eigenes Geld investiert sie fast nie. Bei Insitu machte sie eine Ausnahme. „Ich sehe 200 Ideen im Jahr, aber kaum eine, die so groß ist, dass sie einen Markt verändern kann“, sagt Derndinger.
„In zehn Jahren wird das Prinzip groß sein“
Für Alexander Muschalle und David Lassner war weniger das Kapital entscheidend als die Energie, die Derndinger mitbrachte. Sie kennt sich aus mit Themen wie Finanzierung und Marketing, hat viele Kontakte zu Investoren. Zunächst aber war sie vor allem eines: ein Publikum, das applaudierte und bestätigte, dass die Idee es wert war, daran zu arbeiten.
Später übernahm sie auch einen Posten in der Geschäftsführung. Ihr Büro ist heute die Basis für die sieben Insitu-Leute, die meistens zu Hause arbeiten. Jede Woche Donnerstag treffen sie sich bei Derndinger am runden Tisch, um Ideen auszutauschen und Ergebnisse abzugleichen. Bis zur Fabriketage mit Obstkorb und Empfangsdame ist es noch ein Weg.
„Wir machen das nicht für Geld“, sagt Alexander Muschalle. Sein Kumpel David habe damals einfach angefangen zu programmieren, ohne zu wissen, ob es sich lohnt. Er selbst, Vater einer kleinen Tochter, macht nebenbei noch Beraterjobs. Was sie antreibt, ist der Glaube an ihre Idee: „In zehn Jahren wird das Prinzip groß sein“, sagt Muschalle. Ob mit Insitu oder ohne, wisse er noch nicht.
Wie sang nebenan einst David Bowie: „We can be heroes, just for one day.“