Christian Haub: Der unbekannte Tengelmann-Erbe tritt ins Rampenlicht
Der Tengelmann-Erbe lebt in den USA.
Foto: dpaDüsseldorf. Plötzlich steht er im Mittelpunkt. In einem Brief an die Mitarbeiter der Tengelmann-Gruppe versucht Christian Haub zu erklären, was nur schwer zu erklären ist. Sein Bruder Karl-Erivan, mit dem er zusammen das Unternehmen führt und der das Gesicht von Tengelmann ist, wird seit vergangenem Samstag vermisst. Von einer Skitour am Matterhorn ist er nicht zurückgekehrt.
Zuletzt gesehen wurde Karl-Erivan Haub am Samstagmorgen auf der Bergstation am Kleinen Matterhorn in 3.820 Meter Höhe, wie der Chef der Rettungsstation Zermatt, Anjan Truffer, bei einer Pressekonferenz am Mittwoch bestätigte. Seitdem fehle von ihm jede Spur. Ob ein Unfall oder eine Straftat vorliege, könne noch nicht gesagt werden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Trotz der widrigen Wetterverhältnisse und Windgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern laufe die Suche weiter.
Im Brief an die Mitarbeiter ringt Christian Haub erkennbar um Worte. Er schreibt, dass sein Bruder ein „sehr erfahrener Skitourengänger“ sei und deshalb weiter Hoffnung bestehe. Trotzdem stelle sich die Familie auf eine längere Abwesenheit ein, für die aber im Unternehmen alles vorbereitet sei.
Der Geschäftsbetrieb des Unternehmens, das unter anderem Anteile an der Baumarktkette Obi und dem Textil-Discounter Kik hält, laufe „ruhig und geordnet“ weiter.
Einst Investmentbanker
Dieser Hinweis ist durchaus notwendig. Denn das Familienunternehmen Tengelmann ist ganz auf die Person Karl-Erivan Haub zugeschnitten. Sein Bruder Christian ist zwar nominell Co-CEO der Gruppe, aber bei allen wichtigen Ereignissen, die das Unternehmen betreffen, tritt er nicht in Erscheinung.
Der vierfache Vater lebt mit seiner Frau Liliane in Greenwich im US-Staat Connecticut und steuert von dort hauptsächlich die Beteiligungen der Familie an US-Start-ups, die in der Gesellschaft Emil Capital Partners gebündelt sind. Dabei hilft seine Erfahrung als Investmentbanker, die er nach seinem Studium in Wien bei Dillon Read in New York gesammelt hat.
Der 53-Jährige ist bisher nur öffentlich aufgetreten, wenn es um die wohltätigen Aktivitäten der Familie geht. Engagiert ist er beispielsweise am Boston College, wo er im Board of Trustees sitzt. Für sein Engagement für die deutsch-amerikanische Freundschaft wurde er als Grand Marshal der German-American Steuben Parade in New York ausgezeichnet.
Dass sein Lebensmittelpunkt in den USA liegt, ist kein Zufall. Wie seine beiden Brüder wurde Christian Haub in den Vereinigten Staaten geboren, wo seine Eltern einen Zweitwohnsitz haben. Einmal im Jahr trifft sich die ganze Familie auf der 2 400 Hektar großen Familienranch mit Bisonherde im Bundesstaat Wyoming.
Sein berufliches Engagement für das Familienunternehmen war dagegen nicht immer von Erfolg gekrönt. So gelang es ihm trotz jahrelanger Bemühungen nicht, die amerikanische Supermarktkette Great Atlantic & Pacific Tea Co (A&P) zu sanieren, an der Vater Erivan Haub die Mehrheit erworben hatte. Nach der Insolvenz 2010 zog sich die Familie dort zurück.
Seit Samstag ist der Tengelmann-Co-Chef verschwunden.
Foto: Frank Beer für HandelsblattSchon der Übergang der Leitung des Familienkonzerns vom erst kürzlich verstorbenen Vater auf die Söhne Karl-Erivan, Christian und Georg lief nicht wirklich reibungslos. Als Erivan Haub im Jahr 2000 aus der Unternehmensführung ausschied, wechselte er selbstverständlich in den Beirat seines Lebenswerks. Schnell stellte sich heraus, dass er nicht darauf verzichten konnte, dort weiter eine aktive Rolle im Unternehmen zu spielen. Doch das kollidierte mit den Plänen seiner Söhne, die dem Unternehmen eine notwendige, aber schmerzhafte Sanierung verpassten.
Vermittelt hat damals Mutter Helga. Die Diplom-Kauffrau, die der Familie zuliebe auf eine eigene berufliche Karriere verzichtet hatte, schaffte es, die Generationen wieder zusammenzubringen und einen Modus Vivendi zu finden. Die Geschäftsführung wurde auf die Söhne verteilt: Karl-Erivan übernahm die Rolle des Sanierers, Christian sollte die US-Beteiligungen verwalten und Georg sich um die Immobilien kümmern. Vater Erivan zog sich auf eine beratende Funktion zurück.
Karl-Erivan baute das Familienunternehmen komplett um und stieg Schritt für Schritt aus dem Lebensmittelhandel, dem einstigen Herzstück des Unternehmens, aus. Den vorläufigen Abschluss bildete Ende 2016 der Verkauf der Supermarktkette Kaiser‘s-Tengelmann an die Konkurrenten Edeka und Rewe.
Um solche Konflikte innerhalb des Clans in Zukunft zu vermeiden, entwickelten die Haubs auf Initiative von Mutter Helga hin schließlich eine Familiencharta.
Einer der wichtigsten Punkte darin: Kein Familienmitglied hat automatisch Anspruch auf eine Führungsposition im Unternehmen, den Posten muss man sich verdienen und von „unabhängigen, außenstehenden Dritten“ genehmigen lassen.
„Es besteht weiterhin eine Chance, ihn lebend zu finden“
Doch im Moment gelten alle Gedanken der Familie nicht der Firma, sondern dem Schicksal von Karl-Erivan Haub.
Der passionierte Ski-Alpinist hatte im Matterhorn-Gebiet für eine Teilnahme am Skitourenrennen „Patrouille des Glaciers“ trainiert. Am Samstagmorgen hatte er sein Hotel in Zermatt verlassen und war zu einer Skitour ins italienisch-schweizerische Grenzgebiet aufgebrochen.
Als er zu einer Verabredung um 16 Uhr in Zermatt nicht erschien, begann die Familie, sich Sorgen zu machen. Sein Handy war schon nicht mehr erreichbar, bevor er die Bergstation am Kleinen Matterhorn erreichte.
Die Familie soll eine größere Summe bereitgestellt haben, um die Suche zu finanzieren. Doch wegen des schlechten Wetters gestaltet sich die Rettungsaktion kompliziert. Die Sicht ist schlecht, und es herrscht extreme Lawinengefahr.
Auch ist das hochalpine Gelände dort sehr schwierig und stark zerklüftet. Die Helfer haben Hubschrauber eingesetzt, Bergungsspezialisten hätten sich auch in Gletscherspalten abgeseilt, sagte Rettungsstationschef Truffer.
Ein wenig Mut macht der Familie, dass der 58-Jährige als zäher und durchtrainierter Sportler gilt. „Alles, was extrem ist, bleibt uns in Erinnerung“, hat er mal in einem Interview gesagt. So ist der asketisch lebende Manager in seiner Freizeit nicht nur als Skifahrer und Bergsteiger unterwegs, sondern ist auch schon den Midnight Sun Marathon in Tromsø nördlich des Polarkreises mitgelaufen.
Auch wenn mit jeder Stunde die Chancen sinken und der Unternehmer nur mit einem leichten Skirennanzug bekleidet war, sagte der leitende Rettungsarzt Axel Mann auf der Pressekonferenz: „Es besteht weiterhin eine Chance, ihn lebend zu finden.“
Auch Christian Haub gibt die Hoffnung nicht auf. Im Brief an die Mitarbeiter schreibt er: „Bitte drücken Sie uns die Daumen, dass wir meinen Bruder schnell finden.“