Pharmaindustrie: Mit Botox und Hyaluron-Fillern auf Wachstumskurs
Frankfurt. Die Marken Merz Spezial Dragees und Tetesept sind in der Bevölkerung seit mehr als 60 Jahren bekannt. Dass das Frankfurter Familienunternehmen Merz auch in der Welt der Botox-Injektionen und Hyaluron-Filler an der Branchenspitze mitmischt, ist dagegen weniger geläufig. Merz liegt an dritter Stelle hinter dem US-Multimilliardenkonzern Abbvie, der das marktführende Produkt Botox verkauft, und dem Schweizer Dermatologiespezialisten Galderma.
Im abgelaufenen Geschäftsjahr (30. Juni) konnte Merz Pharma seinen Umsatz um knapp zehn Prozent auf 1,8 Milliarden Euro steigern. Angaben zur Gewinnsituation macht das Management nicht. Laut Wirtschaftsdatenbank North Data lag die Gewinnmarge von Merz im Geschäftsjahr 2022/23 bei rund elf Prozent. Die Eigenkapitalquote erreichte knapp 65 Prozent, fünf Jahre zuvor hatte sie allerdings noch bei mehr als 71 Prozent gelegen.
Im laufenden Geschäftsjahr will Merz um rund zehn Prozent auf mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz wachsen. Maßgeblich dazu beitragen soll das nach wie vor gut wachsende Ästhetik-Geschäft. Das kündigte Firmenchef Philip Burchard im exklusiven Gespräch mit dem Handelsblatt an.
Partnerschaft mit Investor ein Novum
Noch nicht eingerechnet ist dabei, dass das Frankfurter Pharmaunternehmen seit Jahresanfang seine Sparte für rezeptfreie Gesundheitsprodukte, Merz Lifecare, durch einen Zusammenschluss mit dem Unternehmen Windstar Medical sozusagen verdoppelt hat – auf einen Jahresumsatz von mehr als 300 Millionen Euro.
Die Produktpalette von Merz wird jetzt um Windstar-Marken wie SOS – unter anderem Wärmepflaster – und Zirkulin-Nahrungsergänzungsmittel erweitert. Dazu hat Merz mit der Private-Equity-Gesellschaft Oakley Capital, Besitzer von Windstar, ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet.
Die Partnerschaft mit einem Finanzinvestor ist ein absolutes Novum in der Geschichte des 1908 gegründeten Familienunternehmens – aber ein gut vorbereitetes. Denn der Gesellschafterkreis von Merz hat eine solche Transaktion bereits vor Jahren als mögliche Option diskutiert und befürwortet. „Unter der Voraussetzung, dass Merz als Unternehmen die Mehrheit an einem solchen Gemeinschaftsunternehmen hält und wir die Strategie mitbestimmen können“, sagt Christian Baatz, Urenkel des Firmengründers Friedrich Merz. Baatz ist seit mehr als zwölf Jahren als Vertreter der Inhaberfamilie in der Geschäftsführung der Merz-Familienholding.
Dass Partnerschaften zwischen Private-Equity- und Familienunternehmen auch schon im Streit endeten, ist der Merz-Führung bewusst. Sie bewertet die Zusammenarbeit mit Oakley als vertrauensvoll und konstruktiv. Hans-Jörg Bergler, bei Merz für das operative Geschäft zuständig, sagt: „Einen Disput gibt es ja – wenn überhaupt – meist beim Ausstieg. Hier haben wir mit einem klaren Vertragswerk vorgebeugt.“
„Oakley Capital agiert eher wie ein Unternehmer als wie ein Investor und will Firmen weiterentwickeln“, sagt ein Branchenexperte aus dem Umfeld. „Insofern passen Merz und Oakley gut zusammen“. Mit der Transaktion steige Merz im Bereich der frei verkäuflichen Gesundheitsprodukte zu einem der führenden Player in der Region Deutschland, Österreich, Schweiz auf, so der Experte weiter.
Merz-Chef Burchard: „Wir sehen durch den Zusammenschluss erhebliche Wachstumschancen. Unter anderen dadurch, dass wir die Produktpalette mit den neuen Marken ausbauen können. Außerdem können wir als größerer Anbieter Synergieeffekte realisieren, etwa bei der Auftragsvergabe an Lohnhersteller.“
So positive Wachstumsaussichten wie aktuell gab es nicht immer im Unternehmen. Vor zehn Jahren stand Merz vor massiven Umsatzeinbrüchen bei „Memantine“, einem Präparat gegen Alzheimer, das zeitweise für fast die Hälfte des Umsatzes sorgte.
Zukäufe für mehr als 1,5 Milliarden Euro
Burchard, der 2012 vom britischen Pharmakonzern Astra Zeneca kam, sollte mit einer neuen Ausrichtung des Unternehmens gegensteuern. Merz wurde massiv umgebaut: Kleine Geschäftseinheiten wurden aufgegeben und verkauft, neue Produkte und Unternehmen erworben.
In Abstimmung mit der Gesellschafterfamilie hat Merz seit 2013 rund 1,5 Milliarden Euro für Zukäufe ausgegeben. Und anderem wurde das Geschäft der Ästhetiksparte kräftig ausgebaut: Merz kaufte zwei Schweizer Firmen, die auf Hautpflege und Hyaluron-Filler spezialisiert sind. Und ein US-Medizintechnikunternehmen, das eine neuartige Ultraschalltherapie zum Lifting von Augenbrauen, Hals und Dekolleté entwickelt hat – eine neues Wachstumsfeld für das Unternehmen.
Der jüngste Zusammenschluss mit Windstar war im Hinblick auf den eingeschlagenen Expansionskurs laut Bergler eine „kapitalschonende Variante“. In Zukunft dürften noch mehr Deals folgen. „Wir haben die nötige Kapitalausstattung für weitere Zukäufe und sind offen für innovative Transaktions- und Finanzierungsstrukturen. Wir halten immer Ausschau, welche Unternehmen und Produkte zu uns passen könnten“, sagt Bergler.
Drei unabhängig operierende Geschäftsbereiche
Seit 2020 agieren die drei Geschäftsbereiche des Pharmaunternehmens als unabhängig voneinander operierende Einheiten: Merz Therapeutics ist die Pharmasparte und hat als wichtigstes Produkt den Botox-Konkurrenten Xeomin zur medizinischen Anwendung etwa bei Spastiken. Merz Aesthetics bietet Fachpraxen und dermatologischen Kliniken eine breite Palette an Produkten zur Hautbehandlung und -verjüngung an, darunter auch Xeomin als Anti-Falten-Injektion. Dritter Bereich ist Lifecare mit den rezeptfreien Produkten.
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Inzwischen steht die Ästhetiksparte für mehr als 60 Prozent des Jahresumsatzes von Merz. Die USA und Asien sind dabei die größten Märkte. Die anderen beiden Sparten sind deutlich kleiner, Therapeutics kommt auf mehr als 25 Prozent Marktanteil, Lifecare lag bisher bei knapp zehn Prozent. Weltweit ist Merz in 30 Ländern aktiv.
Insgesamt seien die Gesellschafter mit der jetzigen Unternehmensstruktur zufrieden, sagt Gesellschafter Christian Baatz. Jetzt gehe es darum, die drei Healthcare-Säulen so auszubalancieren, dass sie von der Größe gleichwertiger werden, sagt der Geschäftsführer der Familienholding.
Ist das Familienunternehmen gemessen an der Unternehmensgröße damit zu breit aufgestellt? Baatz glaubt das nicht: „Denn wir agieren in allen Geschäftsfeldern in Nischenmärkten. Wir haben bei all unseren Geschäften den Anspruch, eine Position unter den Top-drei-Unternehmen in dem jeweiligen Markt einzunehmen“, sagt er.
Jenseits von Pharma und Gesundheit ist die Merz-Gruppe mit Unternehmen auch in den Bereichen Immobilien, Finanzanlagen und als private Beteiligungsgesellschaft tätig.
Zum Jahreswechsel gab es in der Familienholding einen Generationswechsel: Die langjährigen Geschäftsführer Andreas Meyer und Michael Nick übergaben an Dania Hückmann und Sebastian Schellhaas, Vertreter der vierten beziehungsweise fünften Generation. Gemeinsam mit Christian Baatz werden sie nun die Inhaberfamilie in der Gruppe vertreten.
„Als Gesellschafterfamilie haben wir den Anspruch, die Geschäfte zu verstehen, und wir wollen auch die großen, strategischen Entscheidungen treffen – im engen Austausch mit dem Management“, sagt Baatz. „Aber die operative Verantwortung haben wir bewusst schon vor Jahren vertrauensvoll in die Hände unseres Managements gegeben.“