Hoteldirektor Frank Marrenbach: Die Welt zu Gast bei Dr. Oetker
Seit zwei Jahrzehnten im Dienst der Oetkers.
Foto: PressefotoBaden-Baden. Im Kaminzimmer nehmen Gäste ihren Earl Grey, per Handschlag verabschiedet Hoteldirektor Frank Marrenbach vor der Rezeption einen Stammgast, draußen öffnet ein Livrierter Neuankömmlingen die Türen der schwarzen Hotellimousine mit dem Stern auf der Haube. Business as usual im Brenners Park-Hotel. Dass über die gediegene Luxusunterkunft in wenigen Tagen der Ausnahmezustand hereinbrechen wird, ist in Baden-Baden kaum zu erahnen.
Das Palais, vor 140 Jahren in einem üppigen Park an der Grenze zu Frankreich errichtet, ist eine der vornehmsten Herbergen der Republik. Ähnlichen Luxus bieten hierzulande höchstens das Berliner Adlon oder der Bayerische Hof in München. Charles de Gaulle klärte mit Konrad Adenauer 1962 hier die letzten Details des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags, Barack Obama fand im Brenners die erste Auslandsunterkunft nach seinem Amtsantritt 2008. Was die betuchte Kundschaft schätzt: Das Haus ist leise und diskret.
Dabei soll es auch in diesen Tagen bleiben – wären da nicht die Polizeiexperten, die in den Gewölben nach Sicherheitslücken fahnden. Und wären da nicht die Schulungen für die Mitarbeiter, die ihnen seit Monaten einbläuen, wie sie gegenüber den Staatsgästen aufzutreten haben – und wie man diese im Ernstfall am schnellsten aus dem Hause schafft. „Mit Sicherheitskonzepten für Staatsgäste kennen wir uns wirklich aus“, versichert Geschäftsführer Marrenbach, mit exaktem Seitenscheitel und durchgestrecktem Rücken ganz in der Rolle des Edel-Gastgebers. Er dient dem Haus seit zwei Jahrzehnten.
Alles soll stimmen, wenn hier am 17. März das Finanzministertreffen der G20 startet. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat dazu in seine badische Heimat geladen, sein Wohnort Hornberg liegt nur eine Autostunde entfernt. Neben Donald Trumps Ressortchef Steven Mnuchin und 18 weiteren Amtskollegen werden auch EZB-Chef Mario Draghi und Fed-Chefin Janet Yellen im Park-Hotel logieren. Wer nicht zur Delegation gehört, muss zwei Tage lang das Haus verlassen.
Durch Zufall zum Hotelier
Allein ein Unternehmerclan wird unsichtbar mit am Tisch sitzen: die Puddingdynastie Dr. Oetker, ihr gehört das Fünf-Sterne-Haus. Als Rudolf-August Oetker es 1941 erwarb, waren die meisten Großväter der heutigen Teilnehmer noch damit beschäftigt, im Zweiten Weltkrieg aufeinander zu schießen. Der Einstieg des damals 25-jährigen Industriellen-Erben ins Hotelgewerbe war eher ein Zufall. Oetker und seine Frau besaßen am Ort ein Sommerhaus und griffen den befreundeten Hoteliers finanziell unter die Arme, als im Krieg die Auslandsgäste ausblieben.
Mangel an illustren Gästen hat das Brenners schon lange nicht mehr: Inzwischen nächtigen dort Wirtschaftslenker wie Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger oder Stars wie die Opernsängerin Anna Netrebko. Mit Ausnahme von François Hollande waren alle Präsidenten Frankreichs zu Gast.
Auch die Inhaberfamilie wird sich in den nächsten Tagen – wie jedes Jahr – wieder im Brenners einfinden, um die Konzernstrategie zu verabreden. Auf die Oetkers, die zuletzt durch interne Streitereien und spektakuläre Firmenverkäufe in die Schlagzeilen gerieten, lässt der 50-jährige Rheinländer Marrenbach nichts kommen. „Sie lassen unternehmerische Freiräume“, lobt er. Dass die Hotelsparte im Geschäftsbericht lapidar unter „weitere Interessen“ geführt wird, stört Marrenbach nicht. Das Lebensmittelgeschäft rund um Vanillepudding und Tiefkühlpizza, Radeberger-Bier und Henkell-Sekt sei im Oetker-Konzern eben größer, so sieht es der ehemaligen Steigenberger-Manager.
Unter Marrenbachs Führung bekam die Kette eine klare Strategie. Rudolf-August Oetker hatte noch vorwiegend dort Hotels gekauft, wo ihm die Gegend gefiel: das „Hôtel du Cap“ im südfranzösischen Hafenstädtchen Antibes, das „Château Saint Martin“ in der Provence oder das „Le Bristol“ in Paris, einen Steinwurf vom Élysée-Palast entfernt. 2008, ein Jahr nach des Vaters Tod, begannen die Erben, das Hotelgeschäft in eine professionelle Organisation zu verwandeln. Die bis dahin eklektische Privatsammlung unterstellten sie einer Managementfirma unter Marrenbachs Führung und nannten diese – bezeichnenderweise – „Oetker Collection“.
Von da an standen die Zeichen auf Expansion: Um etwa das schwache Wintergeschäft in Antibes auszugleichen, kaufte die Baden-Badener Firma das „L’Apogeé Courchevel“ im Skigebiet der französischen Alpen hinzu. In der Nebensaison schalten die Häuser nun auf Sparflamme, die Bediensteten wandern wie die Zugvögel.
Drei Hotels folgten, ein weiteres öffnet diesen Juli im brasilianischen São Paulo. Die Zahl der Mitarbeiter kletterte auf 2 500, der Umsatz vergangenes Jahr von 150 auf 180 Millionen Euro. „Wir sind profitabel“, sagt Marrenbach. Zahlen zum Gewinn hält die Familienfirma geheim.
Aus dem Rheinland in die badische Provinz
Die stramme Auslandsexpansion entschädigt den in Ratingen geborenen Vater von zwei Kindern dafür, dass er für Oetker 1997 in die badische Provinz musste. Längst nämlich darf er für seinen Arbeitgeber weltweit sondieren, wo sich gediegene Hotelprojekte lohnen. Vergangenes Jahr jettete er regelmäßig nach London, wo Marrenbach am Hydepark das „Lanesborough“ für Oetker umbauen ließ. Derzeit sucht er Kaufgelegenheiten in New York, Hongkong und Singapur.
In der deutschen Heimat dagegen kauften die Oetkers nie ein zweites Haus hinzu. Die Renditeerwartungen seien zu niedrig, erklärt der Chef. „Luxushotels in Deutschland sind durchweg zu preiswert“, bestätigt auch Cyrus Heydarian, Chef des Breidenbacher Hofs in Düsseldorf.
Das erstaunt. Immerhin zahlten die Gäste des Brenners in Baden-Baden im vergangenen Jahr doch durchschnittlich 606 Euro für das Zimmer, ohne Mehrwertsteuer. Wie kostspielig aber der Betrieb in Baden-Baden ist, zeigt ein Blick hinter die Kulissen. Ein Zwei-Sterne-Restaurant hält das Hotel bereit, einen umfangreichen Spa-Bereich ebenso. Hinzu kommt ein Ärztehaus – von der Präventivmedizin bis hin zum Zahnarzt. „Es gibt in Deutschland nur wenige“, urteilt Branchenexpertin Maria Pütz-Willems vom Fachportal HospitalityInside.com, „die einen so hohen personalisierten Service leben.“
Die Finanzminister und Notenbankchefs werden von diesen Annehmlichkeiten vermutlich nicht viel haben. Zu voll ist ihr Terminkalender. „Es sei denn“, sagt Marrenbachs PR-Chefin Bärbel Göhner, „einer von ihnen wird krank.“