Klimawandel: Was tun, wenn Wetterextreme lebensbedrohlich werden?
Oldenburg. Das Seniorenwohnheim St. Maria-Josef liegt mitten im Leben, umgeben von Fachwerk, Cafés und Geschäften in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Der Menschenschlag der Kleinstadt gilt als gastfreundlich und genussfreudig, der Weinmarkt als einer der schönsten weit und breit. In den Hügeln gibt es einen Aussichtsturm, bis zum Fluss sind es nur 450 Meter.
In normalen Zeiten könnte das Wohnheim mit seiner Lage für sich werben. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 jedoch wurde sie ihm zum Verhängnis. Denn die sonst so ruhige Ahr war zu einem reißenden Strom geworden. Um 22.20 Uhr drang das Wasser ins Erdgeschoss des Hauses ein. Kanaldeckel hoben sich, Fensterscheiben barsten, die erste Flutwelle schwappte durch Flure und Zimmer.
Sofort begann die Evakuierung der Bewohner in die zweite Etage. Dann aber schlossen sich die Brandschutztüren. Panisch versuchten Mitarbeitende, Möbel dazwischenzuschieben, vergeblich: Die noch nicht evakuierten bettlägerigen Bewohner blieben auf sich gestellt. So steht es in einem Protokoll der Trägergesellschaft Cusanus aus Trier.
Zum Glück kam in St. Maria-Josef kein Bewohner ums Leben, anders als im benachbarten Sinzig, wo zwölf Menschen mit Behinderung in einem Wohnheim ertranken. Allein im Landkreis Ahrweiler mussten in 15 Pflegeeinrichtungen Menschen evakuiert werden, in angrenzenden Kreisen vier weitere Wohnheime. Zudem waren laut dem Deutschen Komitee Katastrophenvorsorge fünf Krankenhäuser und zwei Rehakliniken in Rheinland-Pfalz von der Flut betroffen.
Die Fälle werfen ein Schlaglicht darauf, wie gefährlich Hochwasser und Starkregen gerade für besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen sein können. Kinder und Senioren, Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, mit Demenz oder anderen schweren Krankheiten, sie alle sind in besonderem Maß auf Hilfe angewiesen, wenn Ortschaften zu Seenlandschaften werden oder vermeintlich harmlose Bäche zu reißenden Strömen.
Diese Erkenntnis mag banal erscheinen, und doch stellen sich die fast 12.000 vollstationären Alten- und Pflegeheime in Deutschland erst allmählich darauf ein.
Dabei warnen Experten seit Langem, dass die Risiken durch Naturgefahren mit dem Klimawandel zunehmen. Hitze, Dürren, Stürme und Fluten treten mit jedem Zehntelgrad Erderwärmung tendenziell häufiger und heftiger auf. Katastrophen, die früher einmal pro Generation eintraten, sind heute mancherorts alle zehn Jahre zu erwarten. Je weiter die Erwärmung fortschreitet, desto kürzer werden die Intervalle; aus Jahrhundertfluten wird ein Jahrhundert der Fluten.
Die Pflegebranche stellt das vor eine gewaltige Herausforderung. Denn die Menschen in ihrer Obhut leiden auf unterschiedlichste Weise unter dem Klimawandel. Die wohl größte direkte Gefahr sind Hitzewellen, deren Folgen wie Herz-Kreislauf-Versagen sich immer wieder in Übersterblichkeitsstatistiken ablesen lassen. Allein der Hitzesommer 2018 hat nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts in Deutschland zu fast 9000 zusätzlichen Todesfällen geführt. Andere Schätzungen gehen gar von mehr als 20.000 Opfern aus.
Kaum zu beziffern sind indirekte Klimafolgen, etwa durch Infektionskrankheiten. Mücken und Zecken breiten sich aus und bringen Erkrankungen wie das West-Nil-Fieber oder Borreliose in Gegenden, in denen sie zuvor unbekannt waren. Auch die Luftverschmutzung nimmt zu, wenn es durch Waldbrände vermehrt zu Rauchbildung kommt. In Brandenburg lässt sich das bereits beobachten.
Doch obwohl all die Folgen der Erderwärmung nicht neu sind, haben selbst Klimaschützer lange Zeit kaum darüber gesprochen, welche Möglichkeiten es gibt, sich daran anzupassen. Das gilt auch für die nötige Vorsorge in der Pflegebranche.
Auf Katastrophen vorbereiten
„Noch vor wenigen Jahren spielten die Themen Klimawandel und Katastrophenschutz in der Pflege praktisch kaum eine Rolle“, sagt Heidi Oschmiansky. Sie ist Referentin für Klimaanpassung beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), das gut 1000 Pflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste in Deutschland betreibt.
Oschmiansky arbeitet daran, das DRK systematisch auf die Gefahren einer wärmeren Welt mit zunehmenden Wetterextremen vorzubereiten. Derzeit läuft eine Befragung in den sozialen Einrichtungen, um den Status quo zu erfassen. Anfang kommenden Jahres folgen Workshops mit Praktikern aus der stationären und ambulanten Pflege sowie der Tagespflege. Es geht darum, Erfahrungen zu sammeln, die nötigen Anpassungsmaßnahmen zu identifizieren und die Einrichtungen bei der Umsetzung zu unterstützen.
Oschmiansky plant zudem Broschüren und Infomaterialien für die Mitarbeitenden vor Ort, aber auch für die Angehörigen von Pflegebedürftigen. Denn auf die könne es im Fall einer Naturkatastrophe ebenfalls ankommen. Später sollen Mitarbeitende des DRK geschult werden, um Pflegeeinrichtungen und -dienste bei Anpassungsmaßnahmen zu unterstützen: Wie müssen die internen Abläufe verändert werden, wenn Temperaturen von 30 Grad herrschen? Wie wird ein Haus hochwasserfest? Solche Fragen sollen künftig niemanden mehr überraschen.
Nicht zuletzt sollen die Einrichtungen dabei erfahren, wo sie Förderanträge stellen können, wenn beispielsweise bauliche Maßnahmen nötig sind, um ein Haus gegen Klimaextreme zu wappnen. Denn in der notorisch knapp finanzierten Pflegebranche kommt es auf jeden Euro an.
Dabei lässt sich manches vergleichsweise günstig umsetzen, vor allem beim Hitzeschutz. Das zumindest ist die Erfahrung von Linus Hofrichter. Er ist geschäftsführender Gesellschafter von ash Sander Hofrichter Architekten, einem auf den Bau von Krankenhäusern, Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen spezialisierten Büro in Ludwigshafen. Hofrichter, der als Honorarprofessor an der TH Mittelhessen Krankenhausplanung lehrt, ist ein Freund kleiner Maßnahmen. Von denen kennt er einen ganzen Reigen.
Holz und Lehm besser als Beton und Glas
Jalousien und Sonnensegel etwa ließen Licht ins Innere, wehrten zugleich aber Hitze ab. Sprudelnde Brunnen verströmten Kühle und schafften eine angenehme Atmosphäre. „Sie glauben gar nicht, was für einen Spaß die alten Leute haben, sich das anzuschauen“, sagt Hofrichter. Auch schattenspendende Bäume vor dem Haus erhöhten die Lebensqualität. Sie sollten auf entsiegelten Flächen stehen, die bei Starkregen Wasser aufnehmen und an heißen Tagen keine Hitze abstrahlen. Klimaanlagen dagegen lehnt Hofrichter in den meisten Fällen ab, weil sie zu viel Energie verbrauchen.
Der Architekt, der natürliche Materialien wie Holz und Lehm schätzt und Beton und Glas sparsam einsetzt, empfiehlt Dämmstoffe, möglichst aus nachwachsenden Rohstoffen. Auch Bestandsbauten ließen sich nachrüsten, etwa mit Rohren in der Zimmerdecke, durch die an heißen Tagen kühles Wasser strömt.
Im Ahrtal stehen mehr als drei Jahre nach der Flut noch immer zerstörte Gebäude. Viele Häuser werden an derselben Stelle wiederaufgebaut, auch wenn Experten warnen, die Katastrophe könne sich wiederholen. Im Seniorenwohnheim St. Maria-Josef hat man Konsequenzen gezogen. Das Protokoll der Unglücksnacht listet ein Bündel an Maßnahmen auf, um künftig gewappnet zu sein: detaillierte Krisenpläne, klare Zuständigkeiten, Notstromversorgung, Vorräte an Lebensmitteln sowie Schulungen der Mitarbeitenden.