Kreislaufwirtschaft: Warum Mittelständler die Pioniere bei der Wiederverwertung sind
Oldenburg. Wochentags von acht bis zehn Uhr hat Heinrich Jung Telefonseelsorge, wie er das nennt. Dann rufen Besitzer kaputter Elektrogeräte in der „Blitzblume“ an, seinem Reparaturbetrieb in Ingelheim bei Mainz. Der Föhn riecht verschmort, die Herdplatte wird nicht heiß, die Waschmaschine macht komische Geräusche. Für die Erstdiagnose genügt es manchmal schon, wenn der Anrufer den Hörer an die Wäschetrommel hält und per Hand daran dreht.
„Ah, das Lager“, sagt der 67-Jährige dann zum Beispiel, „kriegen wir hin.“ Bald darauf kommt jemand aus seinem vierköpfigen Team mit dem Werkzeugkasten und repariert das Gerät. Im Durchschnitt zahlen die Kunden inklusive Anfahrt und Ersatzteilen weniger als 90 Euro dafür.
Seit Jung 1983 seinen ersten Reparaturbetrieb eröffnet hat, ist er Tausenden Geräten mit Schraubenzieher und Lötkolben zu Leibe gerückt; an Aufträgen mangelte es ihm in all den Jahren nie. Wenn er vor besonders betagten Maschinen steht, fragen ihn die Kunden oft, ob sich die Reparatur überhaupt noch lohne.
„Reparieren geht vor Wegwerfen und Neukaufen“
Dabei ist für Jung gerade das hohe Alter ein Qualitätsmerkmal. „Die Geräte sind oft 15 oder 20 Jahre problemlos gelaufen. Das spricht doch wohl für ihre gute Verarbeitung.“ Skeptisch werde er eher, wenn Maschinen schon nach drei Jahren ausfielen. Doch selbst dann versuche er sein Möglichstes. „Reparieren geht vor Wegwerfen und Neukaufen, das war schon immer mein Motto.“
Dieses Motto hat sich auch die Europäische Union zu eigen gemacht. Teure Konsumgeräte wie Waschmaschinen oder Geschirrspüler müssen heute so konstruiert sein, dass sie im Regelfall mindestens zehn Jahre halten. Mit dem „Recht auf Reparatur“ will die EU künftig noch darüber hinausgehen und beispielsweise die Verfügbarkeit von Ersatzteilen verbessern.
Der Handlungsdruck ist groß, denn die Abfallmengen in Europa wachsen. Elektrogeräte, die vorzeitig ihren Geist aufgeben, verursachen nach Berechnungen der EU-Kommission jedes Jahr 35 Millionen Tonnen Schrott. Zwar enthalten viele Altgeräte begehrte Metalle wie Gold, Silber, Kobalt oder Kupfer, doch die lassen sich oft nur mit hohem Aufwand und viel Energie herauslösen, wenn überhaupt.
Nicht besser sieht es beim Verpackungsmüll aus. In Deutschland fällt mit 237 Kilogramm pro Kopf und Jahr besonders viel davon an. Recycelt werden der Statistikbehörde Eurostat zufolge nur gut zwei Drittel davon (siehe Grafik). Häufig ist die Wiederverwertung technologisch oder ökonomisch unmöglich, weil die Verpackungen aus einem Mix zig untrennbarer Kunststoffe bestehen.
Mit ihrem Aktionsplan zur Kreislaufwirtschaft hat die EU den Müllbergen den Kampf angesagt. Durch Stärkung der Verbraucherrechte sollen Unternehmen dazu angehalten werden, Rohstoffe möglichst lang im Umlauf zu halten, Abfälle zu vermeiden und so zugleich die Treibhausgasemissionen zu verringern.
Während sich viele Dax-Konzerne damit noch schwertun, gibt es im Mittelstand mehr und mehr Pioniere:
- Das Essener Chemieunternehmen CPH etwa extrahiert den Rohstoff für seinen Industriekleber aus Abwasser, das bei der Herstellung von Pommes anfällt. Das Produkt ist biologisch abbaubar und geht wieder in der Natur auf.
- Novo Tech aus Sachsen-Anhalt stellt aus ausgedienten Rotorblättern wetterfeste Terrassendielen her. Haben die ausgedient, nimmt das Unternehmen sie zurück und macht etwas Neues daraus.
- Auch in der Textilwirtschaft finden sich mit Marken wie Vaude und Trigema prominente Beispiele, die auf kreislauffähige Stoffe setzen.
Die Mehrzahl der Firmen handelt aber nach wie vor nicht nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft, auch als Cradle-to-Cradle bezeichnet, sondern nach der Maxime „Cradle-to-Gate“, wie die Nachhaltigkeitsexpertin Alexandra Pehlken es nennt: „Sie übernehmen nur so lange Verantwortung für ihre Produkte, bis sie das Werkstor verlassen.“ Dabei müssten die Unternehmen eigentlich die gesamte Lebensdauer betrachten.
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Das sei nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch geboten, sagt Pehlken, die sich beim Informatik-Institut Offis in Oldenburg mit dem Thema befasst. „Unternehmen, die jetzt nicht den Weg in die Kreislaufwirtschaft einschlagen, werden es spätestens 2030 schwer haben – nicht nur, weil der Druck von Gesetzgebern und Kunden zunimmt, sondern auch, weil Lieferketten reißen und Rohstoffimporte ins Stocken geraten können.“
Der Industrieverband BDI, nicht eben für Ökoträumereien bekannt, kam bereits 2021 in einer Studie zu dem Schluss, dass die Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft bis zu 180.000 Arbeitsplätze in Deutschland schaffen und die Bruttowertschöpfung um zwölf Milliarden Euro steigern könne. „Die zirkuläre Wirtschaft spielt eine Schlüsselrolle auf dem Weg hin zu einem klimaneutralen und wettbewerbsfähigen Industrieland.“