Aktienmarkt: Wieso 2024 ein besseres Jahr für Börsenpremieren werden könnte
Frankfurt. Im vierten Quartal 2023 legte der deutsche Aktienmarkt eine ansehnliche Rally hin. Deutsche Firmen konnte dies trotzdem nicht mehr zu Börsengängen motivieren. Denn für die Umsetzung von Initial Public Offerings (IPOs) sei der Aufschwung an den Börsen zu spät gekommen, sagt Stephan Wyrobisch von der Beratungsgesellschaft PwC.
Dabei hatte das vierte Quartal vielversprechend begonnen, einige Kandidaten standen in den Startlöchern. Der Rüstungskonzern Renk hatte seine Erstnotiz bereits fest für Oktober geplant. Als sich die Märkte und die Vergleichsunternehmen aber ungünstig entwickelten, legte das Unternehmen den Börsengang kurzfristig auf Eis. Daraufhin traute sich im Schlussquartal kein weiterer Börsenkandidat mehr, das eigene Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Auch fürs Gesamtjahr 2023 fällt die Bilanz bescheiden aus: In Deutschland wagten sich von den größeren Unternehmen nur der Arzneimittelverpackungshersteller Schott Pharma, die Thyssen-Krupp-Wasserstofftochter Nucera und der IT-Spezialist Ionos aufs Frankfurter Parkett, die Sandalenfirma Birkenstock ging an die Börse in New York.
Ihr Erfolg hielt sich außerdem in Grenzen: Ionos und Nucera notieren aktuell unter ihrem Ausgabepreis, Birkenstock pendelte zuletzt um den Ausgabekurs von 46 Dollar, und nur bei Schott Pharma waren die Anleger von Anfang an in der Gewinnzone.
Einige Kandidaten fürs zweite Halbjahr
2024 nun dürften renditestarke Traditionsunternehmen Kurs auf die deutsche Börse nehmen. Zu den Kandidaten gehören der Parfümhändler Douglas, der Rollstuhlhersteller Sunrise Medical, der Tankkartenanbieter DKV sowie die Bank OLB. Sie zielen allesamt aufs zweite Halbjahr. „Zum Jahresbeginn wird der Markt für Börsengänge schwierig bleiben“, sagt Jens Maurer, Chef der deutschen Investmentbanking-Abteilung von Morgan Stanley.
Auch die für die Flixbus-Marke bekannte Plattform Flix gilt als IPO-Kandidat für 2024, und die Softwarefirma Celonis könnte in diesem Jahr den Börsengang in den USA anpeilen. Die Tourismusplattform Getyourguide will hingegen mit dem Gang aufs Parkett noch warten, ebenso die Personalsoftwarefirma Personio.
Weil viele Unternehmen zu deutlich gestiegenen Zinskosten refinanzieren müssen, könnte es aber vermehrt zu Kapitalerhöhungen kommen, prognostiziert Maurer. Auch das wirtschaftlich herausfordernde Umfeld spräche dafür. Andere deutsche Unternehmen dürften sich nach Alternativen zum Börsengang umschauen, meint Michele Iozzolino von der US-Großbank JP Morgan. Sie könnten sich bei angespanntem Marktumfeld „für eine mögliche Verkaufslösung öffnen“, sagt er.
„Unternehmensgewinne werden in den kommenden Monaten voraussichtlich sinken und die Aktienkurse entsprechend reagieren“, gibt Rainer Langel zu bedenken, Europachef der australischen Investmentbank Macquarie. „In diesem Umfeld wird es für Unternehmen schwierig sein, an die Börse zu gehen.“ Sollte sich die Wirtschaft erholen und sollten die Zinsen sinken, sei bei IPOs im zweiten Halbjahr 2024 mit einer Marktbelebung zu rechnen, so Langel.
Als Anleger Enttäuschungen vermeiden
Dass ein Börsengang auch in einer Enttäuschung enden kann, haben in den vergangenen Jahren viele Anleger erlebt. So bescherten Aktien von Mister Spex (Onlineoptiker), Cherry (Computer-Zubehör), HGears (Antriebstechnik) oder Auto1 (virtueller Autohändler) den Erstzeichnern hohe Verluste. Selbst die Papiere der Porsche AG notieren inzwischen unter dem Ausgabekurs.
Daher sollten Anleger Kandidaten für Börsengänge auf Grundlage von diesen Kriterien prüfen, bevor sie einsteigen:
- Bewertung: Haben die Gesellschaft oder die verkaufenden Aktionäre zu hohe Bewertungsvorstellungen oder werden Aktien unter falschen Gesichtspunkten an die Investoren allokiert, belastet das den Kurs. Werden etwa langfristig orientierten Geldmanagern (Long-Only-Investoren) mehr Aktien zugeteilt, als sie erwartet hatten, und geben sie die Papiere kurz nach Handelsstart wieder ab, drücke das den Kurs, sagt Michael Schlitt, Partner in der Kanzlei Hogan Lovells. Wichtiger Anhaltspunkt für eine faire Bepreisung sei die Bewertung von bereits börsennotierten Firmen mit einem vergleichbaren Geschäftsmodell.
- Börsenprospekt: Alle relevanten Informationen zum Börsenkandidaten sind hierin zusammengefasst, einschließlich der Risiken des Geschäftsmodells. Die EU will den Umfang der Prospekte künftig auf maximal 300 Seiten beschränken, denn Investoren dürften nicht durch zu viele Informationen den Blick auf das Wesentliche verlieren. Das sorgt bei Experten für Kritik. „Professionelle Marktteilnehmer kommen mit der Informationsfülle gut zurecht und lehnen die Novelle daher ab“, sagt Freshfields Kapitalmarktexperte Stephan Pachinger.
- Research und Ankeraktionäre: Die Researcher der Banken kennen sich in den Branchen des Emittenten gut aus und seien deshalb eine gute Quelle für Bewertungen, sagt Schlitt. Auch Ankeraktionäre, die bereits vor dem Termin des Börsengangs die Übernahme größerer Aktienpakete ankündigen, signalisierten neuen Investoren Vertrauen, heißt es bei den Beratern von EY.
- Mindestvolumen: Um einen liquiden Handel zu unterstützen, sollte das gesamte Emissionsvolumen mindestens 500 Millionen Euro betragen. Um viele internationale Investoren anzuziehen, sei auch teils eine Milliarde empfehlenswert.
- Equity Story: Besonders bei Tech-Unternehmen sollten Anleger laut Schlitt darauf achten, ob das Kernprodukt ein Alleinstellungsmerkmal hat oder ob es eher eine bekannte Technologie mitgeht.
Auf die Frage, ob Anleger als Erstzeichner einsteigen sollten oder besser zu einem späteren Zeitpunkt, gibt es keine einfache Antwort. Investoren, die bewusst zu einem späteren Zeitpunkt einsteigen, können von einem günstigeren Kaufpreis profitieren – oder mehr zahlen. Bei sehr erfolgreichen IPOs kann ein späterer Zeitpunkt heißen, dass man einen Großteil der Kursgewinne verpasst.