Europäische Aktien: Wie Sie bei der Geldanlage von Überraschungen profitieren
Frankfurt. Nach der Rally an den Aktienmärkten ist die Luft erst einmal raus, meinen viele Strategen. Andere Experten hingegen wollen die Hoffnung auf ein passables Börsenjahr 2024 auch in Europa nicht aufgeben. Sie rechnen mit einstelligen Zuwächsen bei den Kursen breiter Indizes.
Viele Strategen setzen vorerst weiter auf Aktien von Firmen defensiver Branchen. Dazu zählen Versorger und Lebensmittel-Anbieter sowie Unternehmen aus der Telekommunikations- und Gesundheitsbranche – diese Titel performen relativ unabhängig von der Konjunktur.
Außerdem suchen sie Konzerne mit viel internationalem Geschäft, die sich abkoppeln von der relativ schwachen Wirtschaftsentwicklung in Europa. Dazu gehören große Konzerne oder sehr spezialisierte Firmen aus Technologiebranchen. Experten internationaler Vermögensverwalter erklären, worauf sie jetzt besonders achten.
Die Fondsgesellschaft Fidelity International hat europäische Aktien im neuen Jahr untergewichtet. Kapitalmarktstratege Carsten Roemheld verweist auf die „sehr dürftigen Wachstumsschätzungen für die Euro-Zone“ im Vergleich zum Rest der Welt. Fidelity erwartet, dass die Gewinne der Unternehmen um 0,2 Prozent schrumpfen, während weltweit für 2024 ein Plus von 6,4 Prozent erwartet wird.
Roemheld nennt weitere Probleme. Weil die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) baldige Zinssenkungen bisher ausschließen, bleiben die Finanzierungskonditionen „restriktiv“, sie bremsen also die Konjunktur. „Vor diesem Hintergrund dürfte es trotz einer moderaten Bewertung für die europäischen Aktienmärkte schwierig werden, im globalen Vergleich mitzuhalten“ sagt er.
Etwas optimistischer ist Sonja Laud, Chef-Investorin beim britischen Vermögensverwalter Legal & General Investment Management (LGIM). Sie stellt heraus, dass schon eine Menge an Schwäche in den Kursen enthalten ist, und betont daher vor allem Chancen auf Erholung.
„Eine pessimistische Sicht auf das Wirtschaftswachstum in Europa und auf europäische Aktien war in diesem Jahr weit verbreitet“, sagt Laud – und folgert: „Vor diesem Hintergrund halten wir positive Überraschungen 2024 für möglich, insbesondere im Vergleich mit anderen Regionen.“ Ihr Idealszenario beschreibt sie so: positive Wachstumsüberraschungen ohne übermäßige Aufwertung des Euros, damit die Exportgewinne voll erhalten bleiben.
Europa sei im historischen Vergleich günstig bewertet, führt Laud an. Die Aktien hier seien auch dann relativ preiswert, wenn man berücksichtige, dass etwa im Vergleich mit den US-Tech-Titeln hier traditionelle Branchen mit generell etwas niedrigeren Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGVs) vorherrschen. Das KGV des breiten europäischen Index MSCI Europe mit 428 Unternehmen aus 15 Ländern liegt, bezogen auf die erwarteten Gewinne für 2023 und 2024, bei rund 13.
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Ähnlich denkt auch Markus Reinwand, Aktienanalyst der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Er bevorzugt Europa „aus Bewertungsgründen“ und rät Anlegern, Schwächephasen für Käufe zu nutzen. Die aktuelle Ruhephase geht seiner Ansicht nach bald zu Ende, dann dürften Aktien ihren Haussetrend fortsetzen, meint er.
So rechnen einige Strategen damit, dass sich die Kurse an den breiten europäischen Märkten nach einem schwachen ersten Quartal etwas erholen. Reinwand von der Helaba erwartet, dass die Aktien ab dem zweiten Quartal wieder etwas klettern. 2024 hält er ein mittleres einstelliges Plus für den Standardwerte-Index Euro Stoxx 50 für möglich. Mit mehr Zuwachs rechnen auch andere Experten nicht.
Worauf es bei der Aktienauswahl zu achten gilt
Bei der Auswahl der Branchen sind jetzt zwei Punkte wichtig. Zum einen sollten Value-Aktien, also niedrig bewertete Titel, die höher bewerteten Wachstums- oder Growth-Titel schlagen. Roemheld von Fidelity argumentiert, dass im historischen Vergleich die Zinsen selbst bei moderaten Senkungen der EZB noch hoch bleiben. Daher müsse die Aktienauswahl anders erfolgen als in der 15-jährigen Niedrigzinsphase, die dem jüngsten, von der Inflation getriebenen Zinsanstieg vorausging.
Bei hohen Zinsen sind künftige Gewinne kalkulatorisch in der Gegenwart weniger wert als bei niedrigen Zinsen. Das macht Unternehmen, die bereits gut verdienen, attraktiver im Vergleich zu denen, deren Kurse bisher vor allem von der Hoffnung auf künftige Gewinne getrieben wurden.
Laud von LGIM nennt den zweiten Punkt: Defensive Aktien sind interessanter als zyklische Titel, die unter der Konjunkturschwäche leiden.
Die Bereiche „Value“ und „defensiv“ überschneiden sich zum Teil. Roemheld legt Wert auf Finanzaktien, Energie- und ausgewählte Industriewerte sowie den Gesundheitsbereich. Besonders hebt er den Infrastruktursektor hervor, der von staatlichen Ausgaben profitieren sollte.
Laud setzt ebenfalls auf Infrastruktur, vor allem auf den Energiesektor. Als Beispiel führt sie die Hersteller von Windturbinen an. Unternehmen, die auf erneuerbare Energien spezialisiert sind, haben sich bis vor Kurzem zwar nicht gut entwickelt, da ihre Gewinnaussichten infrage gestellt wurden. Doch Laud betont: „Wir glauben, dass dieser Pessimismus zu weit gegangen ist. Die Klimakrise ist akut, und mehr Investitionen in erneuerbare Energien sind unerlässlich. Das sollte diese Aktien langfristig begünstigen.”
Während große Fondsgesellschaften ungern einzelne Titel nennen, verrät der unabhängige Vermögensmanager Christian Kahler, Chef von Kahler & Kurz Capital, einige Aktien, die sich aus seiner Sicht gut behaupten sollten. So setzt er etwa auf spezialisierte Tech-Anbieter wie ASML als Zulieferer für die Halbeiter-Industrie und Atlas Copco in Schweden, einen internationalen Maschinenbau-Konzern. Außerdem nennt Kahler die Schweizer VAT Group, die als Vakuum-Spezialist auch die Halbleiterbranche und daneben unter anderem die Solarindustrie beliefert.
Im Pharmabereich gefällt dem Geldmanager die dänische Novo Nordisk, ein weltweit führender Insulinhersteller, der auch vom Hype um sein Abnehmmittel profitiert. Außerdem setzt er auf den Luxusbereich: „Reiche Leute kaufen auch bei schwacher Konjunktur.“ In dem Zusammenhang nennt Kahler Ferrari und den französischen Riesen LVMH.
Erstpublikation: 25.12.2023, 10:50 Uhr.