Investoren: Die drei größten Herausforderungen für die Private-Equity-Branche
Frankfurt. Ohne Deals keine Erfolgsbilanz – diese einfache Gleichung gilt für die Performance von Private-Equity-Fonds. Gemessen daran, dürfte 2023 bei vielen Finanzinvestoren als verlorenes Jahr in die Firmengeschichte eingehen. Geplante Übernahmen und Beteiligungen verzögerten sich, andere blieben mangels Erfolgsaussichten gleich in der Schublade. Der Handlungsdruck wächst, denn laut einer Analyse der Investmentbank Goldman Sachs und Pitchbook liegt das noch zu investierende Kapital weltweit bei 1,5 Billionen Dollar.
Die über 15 Jahre erfolgsverwöhnte Private-Equity-Branche steht nun vor drei Herausforderungen:
- Angesichts gestiegener Zinsen ist Fremdkapital rar und teuer geworden, was die Handlungsfähigkeit der Private-Equity-Manager bei Fusionen und Übernahmen (M&A) einschränkt. Deren Firmenkäufe sind oftmals nur zu einem kleinen Teil mit teurem Eigenkapital finanziert, Kredite spielen bei den Übernahmen eine wichtige Rolle.
- Die Preiserwartungen liegen vielfach weit auseinander. „Es gibt immer noch massive Unterschiede in den Preisvorstellungen der Käufer und Verkäufer. Das erschwert den Abschluss von Transaktionen. Die Bewertungen der Portfoliounternehmen sind immer noch hoch“, sagt Andreas Gold, Partner beim Private-Equity-Haus 3i Deutschland.
- Die Geldgeber der Finanzinvestoren – darunter Pensionskassen und Versicherer – verloren 2023 ein Stück weit das Interesse an Private Equity. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie meist feste Vorgaben haben, welchen Anteil sie bei Private Equity anlegen können. Im Verhältnis zu Aktien und Anleihen waren sie bei Private Equity lange Zeit überinvestiert und hielten sich daher nachfolgend mit neuen Zusagen zurück. Außerdem finden die Geldgeber Private Credit – also private Kreditfonds – derzeit attraktiver als Private Equity. Laut dem jüngsten Coller-Private-Equity-Barometer wollen 44 Prozent der Profi-Investoren mehr in Private Credit investieren, bei Private Equity sind es nur 25 Prozent. Portfoliomanager verweisen auch auf die wachsende Attraktivität lang laufender Anleihen, was zulasten der Allokation in alternative Anlagen wie Private Equity gehe. Laut Pitchbook ist die Zahl neu aufgelegter Private-Equity-Fonds in Europa vor diesem Hintergrund in 2023 deutlich gesunken.
Zwar gab es auch 2023 in Deutschland einige größere Private-Equity-Deals. Zu nennen wäre etwa die Übernahme der Software AG durch Silver Lake mit der anschließenden Zerschlagung und dem Verkauf des Kerngeschäfts der Darmstädter Firma.
Zu erfolgreichen Exits gehörte der Verkauf von EA Elektro an den US-Konzern Fortive, bei dem der Finanzinvestor Bregal mehr als das Zehnfache des eingesetzten Kapitals erzielte. L Catterton brachte Birkenstock an die US-Börse, der Kurs des Sandalenherstellers brach aber zunächst ein und schaffte es erst kurz vor Jahresschluss wieder über den Ausgabepreis.
Viele Deals sind geplatzt
Doch häufiger als positive Nachrichten waren solche über Deals, die nicht zustande kamen. So arbeitete die Lufthansa 14 Monate auf einen Verkauf ihrer Tochter Lufthansa Technik an Bain Capital hin, entschied sich kurz vor Unterschrift aber gegen einen Deal.
Triton scheiterte mit dem geplanten Börsengang des Panzergetriebeherstellers Renk. Und Bundesliga-Organisator DFL musste im Frühjahr eine Abstimmungsniederlage unter den Fußballklubs hinnehmen, die einen Teilverkauf an einen Investor ablehnten. Eine Neuauflage des Deals ist geplant.
Investmentbanker kommen zudem auf eine lange Liste an Verkaufsprozessen, die 2023 gestartet wurden, bei denen der Vollzug aber weiterhin aussteht. Dazu zählen etwa Auktionen für das Baywa-Solarhandelsgeschäft, die Etikettenfirma All4Labels, den Arznei-Auftragsfertiger Aenova und den Nahrungsergänzungsmittelhersteller Sunday Natural.
Eine geringe Zahl an Transaktionen ist allerdings nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit zu beobachten. Laut dem Analysehaus LSEG ging das M&A-Volumen mit Finanzinvestoren im Jahr 2023 gegenüber dem Vorjahr um 32 Prozent auf 526 Milliarden Dollar zurück, der Anteil an den weltweiten Übernahmen fiel von 23 auf 20 Prozent.
Renditen unter Druck
Dies dürfte dazu führen, dass die hohen zweistelligen Renditen aus der Vergangenheit vorerst passé sind. Ein deutscher Vermögensverwalter für betuchte Kunden rechnet auf Euro-Basis in den kommenden zehn Jahren mit einer Rendite von gut neun Prozent per annum.
Laut einer Umfrage von Coller Capital haben 43 Prozent der institutionellen Geldgeber für Private-Equity-Fonds in den vergangenen fünf Jahren Renditen zwischen 16 und 20 Prozent erzielt, 39 Prozent konnten elf bis 15 Prozent einstreichen.
Private Anleger können beispielsweise über Dachfonds oder virtuelle Plattformen wie Moonfare in den Markt einsteigen. Der digitale Vermögensverwalter Liqid bietet ab 2024 an, bereits ab 10.000 Euro gemeinsam mit führenden Private-Equity-Fonds wie KKR, Blackstone und Carlyle zu investieren, und peilt eine jährliche Rendite von zwölf Prozent nach Kosten an. „Mit Liqid Private Equity NXT hat der Anleger direkten Zugriff auf die Deals der Finanzinvestoren, er muss nicht den Umweg über einen Fonds wählen“, sagt Liqid-Geschäftsführer Christian Schneider-Sickert.
Außerdem sind einige Beteiligungskonzerne an der Börse notiert, etwa EQT, KKR oder Blackstone. Auch werden zahlreiche neue Eltifs für Private Equity erwartet – das Kürzel steht für European Long Term Investment Funds –, die 2024 zu deutlich niedrigeren Mindestanlagesummen als bisher angeboten werden.
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Die Blicke der Private-Equity-Manager sind nun auf 2024 gerichtet und voller Hoffnung angesichts der Signale der Notenbanken, dass wohl keine weiteren Zinserhöhungen anstehen.
„Die Märkte für Hochzins-Fremdkapital (leveraged finance) öffnen sich. Das zeigt sich auch daran, dass einiges des bei teuren privaten Kreditfonds (private debt) aufgenommenen Gelds abgelöst wird durch Bankfinanzierungen“, sagt Sven Baumann, der das Investmentbanking von Jefferies in Deutschland leitet.
Viele Risiken
Die Besserung wird nach Expertenmeinung allerdings einige Monate dauern – und die geopolitischen Risiken sind unverändert groß. „Viele der 2023 begonnenen Verkaufsprozesse sind an unterschiedlichen Preisvorstellungen zwischen Verkäufern und Käufern gescheitert“, sagt Holger Knittel, der bei der US-Bank Citi das deutsche M&A-Geschäft leitet. Es bleibe abzuwarten, wie schnell sich diese Kluft im Laufe des Jahres 2024 verringern wird.
Eine Reihe großer Deals hat sich bereits angestaut. Die Deutsche Bahn hat vor wenigen Tagen den lange erwarteten Verkaufsprozess für ihre Logistiktochter Schenker gestartet. Finanzinvestor Partners Group hat vor Weihnachten Informationspakete an mögliche Interessenten seiner Stromablesefirma Techem verschickt. Und auch die Finanzinvestoren von Generika-Hersteller Stada, Parfümeriehändler Douglas, Reinigungs-Dienstleister Apleona und der Personalsoftware P&I bereiten diese Firmen auf einen Verkauf vor.
Bei Konzernen stehen zudem etliche Abspaltungen an, die nach Ansicht von Branchenbeobachtern in Private-Equity-Händen landen könnten. Bayer prüft Optionen für seine Sparte mit nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten, Siemens bereitet seine Großgetriebesparte Innomotics auf einen Verkauf vor, BASF erwägt einen Deal für sein Katalysatorengeschäft, ZF für sein Airbag-Geschäft und Ströer einen Verkauf der Statistik-Tochter Statista.
„Unternehmen stehen unter dem Druck ihrer Aktionäre, sich auf das Kerngeschäft zu fokussieren und Randgeschäfte abzuspalten. Solche Transaktionen nehmen im Vergleich zu den ,M&A-Bonanza'-Jahren mehr Zeit in Anspruch, da Finanzinvestoren und ihre Banken diese Firmen heute deutlich genauer prüfen“, sagt Private-Equity-Anwalt Anselm Raddatz von der Kanzlei Clifford Chance.