Börse: Was der beste Aktienmarkt 2023 Anlegern im kommenden Jahr bietet
Salvador. Argentinien steht am Rande eines Abgrunds von Hyperinflation, tiefer Rezession und sozialen Unruhen – aber die Börse prosperiert wie seit vielen Jahren nicht mehr. Der Börsenindex Merval in Buenos Aires hat in diesem Jahr weltweit am besten abgeschnitten:
Der Index hat seinen Wert verfünffacht. Zieht man die Inflationsrate von 160 Prozent in zwölf Monaten ab, ist das immer noch ein starker Wertzuwachs. In Dollar ergibt das ein Jahresplus von knapp 90 Prozent.
Es gibt drei Gründe, um den Widerspruch zwischen einer Börsenhausse und einer schweren Wirtschaftskrise zu erklären:
Zum einen profitiert die Börse davon, dass Anleger ihr Geld durch Investitionen in Aktien, Immobilien und Sachwerte vor der hohen Inflation schützen wollen. Fremdwährungen wie der Dollar als Anlageobjekt sind keine Alternative, denn der Staat hat den Dollarverkauf auf ein Minimum reduziert. Er ist fast nur zum Schwarzmarktkurs erhältlich.
Auch Unternehmen dürfen keine Gewinne oder Zahlungen an ihre Zulieferer oder Mutterhäuser überweisen. Denn die Regierung kontrolliert den gesamten internationalen Kapitalverkehr.
Zum anderen haben sich die Chancen auf politische Reformen verbessert: Durch den wachsenden Erfolg des Kandidaten und jetzigen Präsidenten Javier Milei wurden in den letzten Monaten liberale Wirtschaftsreformen zunehmend salonfähig in der Politik Argentiniens, das die letzten 20 Jahre fast durchgehend links regiert wurde.
Kein Wunder, dass der Global X MSCI Argentina ETF Fonds seit den Vorwahlen im Juni seinen Wert verdoppelt hat. Der Fonds bündelt die zehn meistgehandelten argentinischen Aktien. Am Tag nach der Wahl verzeichnete der Indexfonds das höchste Handelsvolumen seiner Geschichte.
Gute Aussichten für Argentiniens Unternehmen
Der dritte Grund für den Erfolg des argentinischen Aktienmarktes sind gut geführte, profitable Unternehmen, deren Papiere auch im Ausland notiert sind – sie könnten von stabileren Rahmenbedingungen überproportional profitieren, etwa wenn sie wieder Importe in Dollar bezahlen können oder wenn ihnen die Regierung nicht vorgibt, welche Preise sie verlangen können.
Alejandra Andrade von JP Morgan sagt: „Die meisten Anleger sind sich einig, dass die Unternehmen über solide Geschäfte verfügen und ein hohes Maß an Widerstandsfähigkeit bewiesen haben", so die Lateinamerika-Spezialistin.
Angesichts der schweren Krise wird übersehen, dass die Aussichten für Argentiniens Wirtschaft insgesamt gut sind: Die Veränderungen in der Geopolitik, die wachsende Nachfrage nach Agrarprodukten sowie Metallen für die Energiewende, stabile Preise für Öl und Gas – all das sind Gründe, warum sich die Aussichten für Argentiniens Unternehmen derzeit aufhellen.
Davon könnten Aktien der Energieunternehmen wie Pampa Energia (PAM) oder Transportadora de Gas del Sur (TGS) profitieren. Gerade konnte das erste über 500 Kilometer lange Teilstück der Gaspipeline aus dem Öl- und Schiefergasreservoir Vaca Muerta eingeweiht werden. Argentinien ist auf dem Weg, ein Exporteur an fossilen Energien zu werden.
Die Aktie des Ölkonzerns YPF legte am Tag nach der Präsidentenwahl zeitweise 40 Prozent an Wert zu. Die Regierung Milei will das Unternehmen privatisieren.
Auch die Landwirtschaft Argentiniens steht vor einer Rekordernte bei Soja, Mais und Weizen – nach der katastrophalen Dürre dieses Jahres. 20 Prozent der Wirtschaftsleistung Argentiniens entstehen in der Landwirtschaft. Die gelisteten Agrarkonzerne Adecoagro (AGRO) und Cresud (CRESY) haben dieses Jahr schon deutlich zugelegt.
Auch die lebhafte Start-up-Branche des Landes ist interessant für Aktieninvestoren: Die Online-Handelsplattform Mercado Libre ist mit einem Börsenwert von 80 Milliarden Dollar mehr als viermal so viel wert wie das deutsche Pendant Ebay.
Von einem Ende des staatlichen Preisdiktats könnten auch Telekommunikationskonzerne wie Telecom Argentina (TEO) profitieren.
Schwer einzuschätzen ist das Kurspotenzial der großen Banken des Landes: Banco Galicia (GGAL) wie Banco Macro (BAM) könnten von einer Normalisierung des Kreditgeschäfts profitieren. Aber erst müssen sie gemeinsam mit der Zentralbank das Problem ihrer angehäuften Staatsanleihen lösen.
Vorhaben der Regierung sind riskant
„Es gibt erstmals wieder die Hoffnung in Argentinien, dass eine Regierung die großen Ungleichgewichte im Land verringern könnte“, sagt Alberto Ramos, langjähriger Chefökonom für Lateinamerika bei Goldman Sachs. Die Unsicherheit sei jedoch gewaltig, denn die Regierung hat keine Mehrheit im Kongress und kann ihre Absichten kaum als Gesetze durchbekommen. Handlungsspielraum hat sie nur, solange sie ihre bislang hohe Popularität nutzt. Kurzum: Ideen sind vorhanden, aber die Umsetzung wird schwierig.
Kurz nach Mileis Antritt am 10. Dezember verkündete Wirtschaftsminister Luis Caputo die Maßnahmen, mit denen die Regierung die dringendsten Probleme des Landes angehen will. Jetzt stellte Präsident Milei selbst weitere Dekrete vor, darunter auch die Absicht, fast alle Staatsunternehmen zu privatisieren.
Im ersten Schritt wertete die Regierung den offiziellen Peso um rund 50 Prozent ab. Eine Dollarisierung, wie im Wahlkampf erwähnt, steht nicht mehr auf dem Sofortprogramm Mileis. Bei einer Dollarisierung würde der Peso durch den Dollar ersetzt. Die Wechselkurse werden also erst mal staatlich reglementiert bleiben.
Das Defizit im Staatshaushalt will die Regierung um fünf Prozent senken: drei Prozent durch Streichungen bei öffentlichen Ausgaben, zwei Prozent durch Steuererhöhungen.
Das Staatsdefizit ist das Grundübel der Wirtschaft des Landes: Die Regierungen der letzten Jahre haben die fehlenden Einnahmen erst durch Kredite aus dem Ausland ersetzt. Nachdem seit einigen Jahren niemand mehr Kredite an Argentinien vergibt, setzt die Regierung die Notenpresse ein, um das fehlende Geld zu drucken. Die Folge ist eine Inflation, die jeden Augenblick in eine unkontrollierte Hyperinflation umschlagen könnte.
Das Vertrauen der Investoren ist gering
„Doch damit die Rally bei Aktien und Bonds anhält, braucht es eine überzeugende Perspektive für den Weg aus der Krise“, heißt es beim Finanzdienstleister Cohen. Auch Ramos von Goldman Sachs verweist darauf, dass das Vertrauen der Investoren in Argentinien gering ist: Es gab Kapitalverkehrskontrollen, staatliche Preisdiktate, Dividenden oder Gewinne duften nicht ins Ausland überwiesen werden, Unternehmen wurden zwangsweise verstaatlicht.
Die Experten von Cohen in Buenos Aires loben indes die ersten Maßnahmen der Regierung. Sie sind besonders überzeugt vom Wirtschaftsteam Mileis: Der Wirtschaftsminister Caputo ist ein renommierter Investmentbanker, der bereits unter dem liberal-konservativen Präsidenten Mauricio Macri Finanzminister und Zentralbankpräsident war. Der Zentralbankpräsident Santiago Bausili hat Caputo auf den Stationen bei JP Morgan und der Deutschen Bank begleitet und hat ebenfalls Erfahrung als Staatssekretär.
Fazit: Vorsicht bei Investitionen
Die Aussichten, dass der Börsenboom anhält und die Aktien zulegen, sind gut, aber die Risiken, dass die Regierung Milei scheitert, sind gewaltig. Augusto Darget, Investmentbanker aus Buenos Aires, ist erstmals seit Langem positiv gestimmt über die Aussichten der Börse in Buenos Aires. In einem Jahr seien die Aktien vermutlich deutlich teurer als jetzt.
Dennoch rät er zur Vorsicht bei Investitionen und empfiehlt abzuwarten, bis sich der Kurs der Regierung festigt. In einem Bloomberg-Podcast sagte er etwa: „Ich bezahle lieber 30 Prozent mehr für eine Aktie, wenn absehbar ist, wohin der Trend geht.“