Evergrande: An diesem Konzern hängt das Schicksal von Chinas Wirtschaft
Frankfurt. Die Entscheidung naht: Geht es nach einem Hongkonger Gericht, könnte sich am 29. Januar entscheiden, ob Chinas großer strauchelnder Immobilienentwickler Evergrande gerettet oder liquidiert wird. Mit mehr als 320 Milliarden Dollar Schulden ist Evergrande der weltweit am höchsten verschuldete Bauträger. Und er ist ein Symbol der chinesischen Immobilienkrise, die das Land seit mehreren Jahren fest im Griff hat und die sich zur Bedrohung für die gesamte Wirtschaft der Volksrepublik entwickelt hat.
Das Unternehmen kommt auch in diesem Jahr nicht aus den Negativschlagzeilen heraus: Am vergangenen Montag wurde ein führender Manager von Evergrandes Elektroautosparte festgenommen. Liu Yongzhuo sei „in Übereinstimmung mit dem Gesetz wegen des Verdachts auf Straftaten“ in Haft genommen worden, teilte der Autobauer NEV in einer Mitteilung an die Börse in Hongkong mit.
>> Lesen Sie hier: Chinas Ausfuhren sinken erstmals seit 2016
Chinas Regierung will einen unkontrollierten Zusammenbruch des Giganten verhindern. Doch selbst eine geordnete Liquidation könnte Chinas wirtschaftlicher Erholung nach drei Jahren Pandemie und zunehmender geopolitischer Spannungen einen weiteren Dämpfer verpassen.
Experten glauben nicht an schnelles Ende von Evergrande
Gläubiger und die Regierung in Peking hoffen deshalb auf einen machbaren Restrukturierungsplan, der Investoren zufriedenstellt – und ein Signal gibt, dass diese Krise zu bewältigen ist. Das würde ein Stück weit Vertrauen wiederherstellen in eine Branche, die jegliches Vertrauen im Land verspielt hat.
Experten glauben allerdings nicht an ein schnelles und unkontrolliertes Ende von Evergrande: „Ich halte eine vollständige Liquidation für unwahrscheinlich“, sagt Alicia Garcia-Herrero, Chefökonomin für den Asien-Pazifik-Raum der französischen Investmentbank Natixis. Die Auswirkungen auf China, vor allem „auf die Eigentümer unfertiger Immobilien und Lieferanten, die noch nicht bezahlt wurden“, seien viel zu gefährlich, so die Wirtschaftswissenschaftlerin. Der Aufschub bis Ende Januar erneuere die Hoffnung bei ausländischen Investoren, dass der Betrieb bei Evergrande fortgesetzt werden könne.
Ob eine Entscheidung zur Liquidation vor einem Hongkonger Gericht überhaupt Wirkung in ganz China entfalten könnte, ist strittig: „Es wäre fraglich, ob ein solches Urteil auch auf dem Festland vollstreckt würde“, sagt Jürgen Matthes, China-Experte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Selbst wenn Evergrande in Hongkong verurteilt würde – die frühere britische Kolonie ist heute Sonderwirtschaftszone in China –, hieße das nicht automatisch, dass die Anordnung als Selbstläufer auch im Rest Chinas umgesetzt würde.
Evergrande kämpft ums Überleben
Evergrande, das seinen Hauptsitz in der südchinesischen Tech-Metropole Shenzhen hat, ist Sinnbild der chinesischen Immobilienkrise, die seit Jahren schwelt. Seit fast zwei Jahren verhandelt der Bauträger mit seinen Investoren über einen Umschuldungsplan. Doch die Verhandlungen wurden immer wieder unterbrochen, führende Mitarbeiter der Vermögensverwaltung des Unternehmens aufgrund des Verdachts krimineller Machenschaften festgenommen. Monatelang war der Aktienhandel ausgesetzt, Evergrande verpasste mehrfach fällige Zahlungen an seine Investoren.
Anfang Dezember sollte dann die Entscheidung vor einem Hongkonger Gericht fallen, ob bei Evergrande Schluss ist oder nicht. Zur Überraschung sämtlicher Verfahrensteilnehmer zog der Kläger und Gläubiger Top Shine seinen Antrag auf Liquidation zurück, Richterin Linda Chan genehmigte daraufhin einen weiteren Aufschub bis Ende Januar. Die Gefahr ist damit aber nicht gebannt, eine Ad-hoc-Gruppe von Gläubigern hatte bereits angekündigt, die Rolle des Antragstellers beim nächsten Mal zu übernehmen. So soll Druck auf Evergrande ausgeübt und möglichst viel aus einem Deal herausgeholt werden.
Die Sanierung von Evergrande bringt mehr als die Liquidierung
Nach Ansicht von Experten könnte eine Sanierung des Unternehmens den Gläubigern mehr Geld bringen als eine vollständige Abwicklung. Die Rendite sei bei einer erfolgreichen Umstrukturierung in der Regel höher als bei einer Liquidation, argumentiert Derek Lai, Vizechef von Deloitte China, in der Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“. Bei einer Liquidierung würde ein bestellter Insolvenzverwalter die Filetstücke des Konzerns zu Geld machen – und die Gläubiger auszahlen.
In diesen Tagen gehen die Verhandlungen mit den Gläubigern weiter. Eine Anfrage des Handelsblatts zum Stand der Dinge ließ Evergrande bislang unbeantwortet. Der Informationsdienst Bloomberg berichtete bereits im Dezember, dass die ausländischen Gläubiger eine Mehrheitsbeteiligung am Eigenkapital der Muttergesellschaft sowie an den beiden Tochtergesellschaften Evergrande Property Services Group und China Evergrande News Energy Vehicle Group verlangten. Evergrande hatte 17,8 Prozent der Muttergesellschaft und jeweils 30 Prozent der beiden Töchter angeboten. „Die Realität sieht so aus, dass zukünftig wohl praktisch jede Einigung akzeptiert wird“, sagt Garcia-Herrero.
Auf Unterstützung durch die Regierung kann Evergrande nur bedingt vertrauen. Dong Jianguo, stellvertretender Minister für Wohnungsbau und ländliche Entwicklung, wies in der von der Regierung kontrollierten „Global Times“ darauf hin, dass Bauträger „nach den Regeln des Marktes eliminiert werden sollten“, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen haben oder ihre Schulden nicht begleichen konnten. Das sei „das Ergebnis des Stärkeren auf dem Markt“. Trotzdem gebe es mitunter Unterstützung bei kurzfristigen Cashflow-Problemen, sagte der Politiker weiter.
Tatsächlich verringerten Stützungsversuche wie die Ausweitung der Kreditvergabe für angeschlagene Bauträger das gegenwärtige Risiko unkontrollierter Zusammenbrüche und damit auch von Schockwellen auf Chinas Immobilienmarkt, sagt die Ökonomin Garcia-Herrero. „Mittelfristig stellt sich jedoch die Frage, wie die Nachfrage gesteigert werden kann – das Problem wird nicht an der Wurzel gepackt.“ Ähnlich argumentiert Max Zenglein vom China-Thinktank Merics in Berlin: „Die Regierung hat das Problem unterschätzt“, sagt er. „All die Maßnahmen wie Preisreduktionen oder eine Lockerung der Kreditvergabe nutzen nichts, solange der Boden der Krise nicht erreicht ist.“
Die Regierungen in Peking und den Regionen haben die Kreditvergabe ausgeweitet und zum Teil die Preisbeschränkungen gelockert, sodass Wohnungen am Markt günstiger angeboten werden können. Das Wirtschaftsmagazin „Caixin“ berichtete jüngst, dass neue Wohnungen vor allem in den kleinen Städten immer schleppender verkauft werden. Ende Oktober dauerte es demnach im Schnitt 26,3 Monate bis zum Verkauf, im Juli waren es noch 20 Monate. Die Bauträger bleiben auf ihren Überkapazitäten sitzen, ihnen fehlt zudem das Geld, ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber den Investoren nachzukommen.
Investmentfirma warnt vor sozialen Verwerfungen in China
Der ebenfalls strauchelnde Immobilienkonzern Country Garden – wie Evergrande ein Symbol der Krise – konnte sich in diesem Teufelskreis zuletzt etwas Luft verschaffen, indem er unter anderem eine Beteiligung an einem großen Shoppingmall-Betreiber verkaufte. Im Dezember hat der Konzern, der ebenfalls Zahlungsschwierigkeiten hat, immerhin eine Anleihe über 111 Millionen Dollar zurückgezahlt. Dieser Schritt besänftigte die Anleger zumindest vorübergehend, nachdem Country Garden vor einigen Wochen die Finanzmärkte wegen eines Ausfalls von Dollar-Anleihen in Aufruhr versetzt hatte.
Es sind aber nur kleine Schritte und Erholungsphasen in einer Krise, die nicht vorübergeht. IW-Experte Matthes rechnet mit weiteren Dämpfern für die chinesische Konjunktur, genau wie Natixis in einer kürzlich veröffentlichten Stellungnahme: Zwar sei eine weltweite Finanzkrise vor dem Hintergrund nur schwach ausgeprägter Finanzbeziehungen Chinas zum Rest der Welt unwahrscheinlich. Allerdings bezahle die Volksrepublik die Folgen der Immobilienkrise „mit den eigenen Ersparnissen“. Die Konsumlaune der chinesischen Sparer, die ihr Geld in Immobilien gesteckt hätten, bleibe weiter gedämpft – und belaste Chinas Wirtschaft, heißt es.
Der schwelende Konflikt verschärft zudem nach Ansicht von Experten die sozialen und regionalen Spannungen im Land. „Die regionale Ungleichheit wird zu einem Riesenproblem“, sagt Merics-Analyst Zenglein. „Die Verunsicherung ist jetzt noch tiefer als zu Beginn der Krise.“ Die chinesische Investmentfirma Taiyi Capital warnt in einem Statement vor sozialen Verwerfungen: „Wenn die Menschen, die Häuser gekauft haben, ihre Häuser nicht bekommen, sind die Konsequenzen unvorstellbar.“
Erstpublikation: 17.01.2024, 03:41 Uhr.