Tesla-Herausforderer: Vietnams reichster Mann will Vinfast aus der Krise führen
Bangkok. Für einen kurzen Moment hatte Pham Nhat Vuong fast die gesamte Konkurrenz abgehängt: Ende August, kurz nach dem Börsenstart in den USA, kam sein Elektroautohersteller Vinfast auf eine Marktkapitalisierung von mehr als 190 Milliarden US-Dollar. Das von dem vietnamesischen Milliardär gegründete Start-up mit ambitionierten globalen Expansionsplänen war damit wertvoller als Autoriesen wie Porsche, Mercedes-Benz, BMW, Volkswagen und Ford – und lag in der globalen Rangliste auf Platz drei. Nur Tesla und Toyota waren wertvoller.
Doch dem Kursfeuerwerk in New York folgte ein steiler Absturz: Vuongs E-Auto-Firma mit Sitz in der vietnamesischen Industriestadt Haiphong hat seit dem Höhepunkt vor weniger als einem halben Jahr mehr als 90 Prozent ihres Werts verloren. Die zunehmende Skepsis der Investoren hat ihren Grund: Vinfast kämpft mit Qualitätsproblemen und Lieferverzögerungen – und stößt bisher bei Endkunden auf nur überschaubares Interesse. Quartal für Quartal häufen sich Verluste von Hunderten Millionen Dollar an.
Angesichts der massiven Herausforderungen setzt Vuong nun auf einen neuen Chef – und zwar sich selbst: Bisher hatte der 55-Jährige, der mit seiner Vingroup Vietnams mächtigstes Konglomerat kontrolliert und damit zum reichsten Mann des Landes wurde, die Führung von Vinfast anderen Managern anvertraut – unter anderem dem früheren Opel-Chef Michael Lohscheller, der 2021 für wenige Monate Vinfast leitete. Nun muss auch dessen Nachfolgerin Le Thi Thu Thuy den CEO-Posten räumen. Vuong übernimmt persönlich. Er werde nun die Geschäfte von der Produktion bis zum Verkauf direkt steuern, teilte das Unternehmen am Wochenende mit.
Milliardeninvestition in Indien geplant
Thuy soll künftig dem Board of Directors vorstehen. In einer Aussendung teilte sie mit, fest überzeugt zu sein, dass Vinfast „dank der Führung und des Geschäftssinns“ von Vuong weiterhin florieren werde.
Dass Vinfast an seinen globalen Ambitionen festhalten will, unterstrich das Unternehmen bereits wenige Stunden nach dem Führungswechsel: Zwei Milliarden US-Dollar will das Unternehmen in ein neues Werk in Indien investieren. Die Bauarbeiten sollen bereits in diesem Jahr beginnen, teilte Vinfast am Wochenende mit. Das geplante Werk soll bis zu 3500 Arbeiter beschäftigen und jährlich bis zu 150.000 Fahrzeuge produzieren.
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Bislang stellt Vinfast seine Fahrzeuge ausschließlich am Firmenhauptsitz in Haiphong her. Geplant ist ein weiteres Werk in Indonesien. Seit Juli laufen zudem bereits die Arbeiten an einem US-Werk im Bundesstaat North Carolina. Auch dort will Vinfast zunächst zwei Milliarden Dollar investieren. Die Fahrzeugproduktion soll im kommenden Jahr beginnen. Wie in Indien ist eine Kapazität von bis zu 150.000 E-Autos pro Jahr vorgesehen.
Noch sind die Absatzzahlen von Vietnams Antwort auf Tesla aber deutlich geringer. Für 2023 hatte sich das Unternehmen vorgenommen, weltweit 40.000 bis 50.000 E-Autos auszuliefern. Im zweiten und dritten Quartal 2023 – den bisher einzigen Quartalsberichten, die Vinfast an der Börse vorgelegt hat – meldete das Unternehmen Auslieferungen von knapp 20.000 Fahrzeugen. Zum Vergleich: Tesla konnte im gleichen Zeitraum rund 900.000 Autos absetzen.
US-Start mit Problemen
Dabei ging ein Großteil der Fahrzeuge nicht an private Endkunden: Rund 13.000 Autos – also rund zwei Drittel der Auslieferungen – hat Vinfast in den beiden Quartalen, für die Daten vorliegen, an ein anderes Unternehmen aus Vuongs Firmenimperium geliefert: das im vergangenen Jahr in Vietnam gestartete Taxi-Unternehmen GSM, dessen Flotte ausschließlich aus E-Autos besteht. Vinfast erwartet, dass die Verkäufe an das Schwesterunternehmen auch in den nächsten beiden Quartalen die Absatzzahlen stützen werden.
Trotz des Deals, der insgesamt 30.000 E-Autos umfassen soll, bleibt Vinfast tief im Minus: Im dritten Quartal weitete sich der Verlust auf 623 Millionen US-Dollar aus. Im Quartal zuvor hatte das Unternehmen bereits 520 Millionen US-Dollar Verlust ausgewiesen. Schon vor dem Börsengang hatte Vinfast Milliardenverluste aufgetürmt – von 2021 bis Ende September 2022 waren es fast drei Milliarden Dollar.
Vuong, dessen Vermögen auf 4,6 Milliarden Dollar geschätzt wird, hatte den Autohersteller 2017 als Ableger seiner Vingroup gegründet. Zu dem Konglomerat gehören unter anderem Immobilienentwickler, Hotels, Einkaufszentren und ein Start-up für Künstliche Intelligenz. Vinfast startete als Hersteller von Verbrennern, bevor das Unternehmen entschied, ganz auf Elektromobilität zu setzen. Es ist Vuongs bisher erster Versuch, eine international bekannte Marke zu schaffen – und seine gewagteste Wette, für die er Milliardensummen aus seinem Vermögen in die Hand nimmt.
Der Start in den USA war jedoch mit enormen Problemen verbunden: Die ersten knapp 1000 nach Amerika verschifften Fahrzeuge musste Vinfast im vergangenen Jahr aufgrund von Mängeln direkt wieder zurückrufen – ein Softwareupdate war nötig, um sicherzustellen, dass es während der Fahrt zu keinem Ausfall des Hauptdisplays im Armaturenbrett kommt. Zuvor hatte es bereits Negativrezensionen von Autojournalisten gehagelt.
In Europa musste Vinfast unterdessen die Auslieferung der ersten Fahrzeuge wiederholt verschieben. Zuletzt hieß es, dass Kunden die ersten bestellten Fahrzeuge im Dezember erhalten sollen. Geschehen ist das aber nicht. Wann die Autos nun kommen sollen, konnte eine Sprecherin auf Anfrage nicht genau mitteilen. Sie sagte nur, dass die Lieferungen „bald“ beginnen sollen.